Tavira beim Anflug auf Faro: 1.Römische Brücke (nur Fußgänger) 2.Behelfsbrücke (nur Fußgänger) 3. Hotel und Supermarkt (südliich Salinen) 4. Kloster St.B. 5.Kloster jetzt sehr schöne Pousada 6. Moderne Autobrücke 7. Maurische Burg, Museum und 3 Kirchen 8. Weitere Autobrücke (N125 und Bahn noch weiter flußaufwärts)

Tavira ist von Faro nicht weit. In Tavira suchte ich die Unterkunft, die ich am Telefon abgemacht hatte. Ddie Leute waren ausnahmsweise schlecht orientiert. Vielleicht spielt auch ein Phänomen eine Rolle, welches er Überbleibsel der Diktatur ist. Damals war es gut, wenn die Straßennamen nicht so leicht zu finden waren, die Hausnummern fehlten oder nicht stimmten und die Namen in vielerlei Variationen geschrieben waren. So musste die Staatsmacht schwitzen, bis sie ihren Delinquenten gefunden hatte. Vielleicht eröffnete diesem die Verzögerung eine Gelegenheit, sich aus dem Staub zu machen. - Schließlich habe ich mein Quartiergefunden und es erweist sich  als hochoriginell. Es ist eine Studierstube, die an Dürers Bild "Hieronymus im Gehäus" erinnert; Fenster nur zum Innenhof (das schirmt ab gegen nächtliche Trunkenbolde); der Luxus sind zwei Terrassen im 1. und 2. Stock: zwei Studios zur Luft-Kur und zum Wolkenstudium. Es inspiriert mich gleich zwei Gedichte zu schreiben und zwar über den „Schieber“ und über den „regennassen Regenwurm“. Man ahnt, es ist keine hohe Literatur.

Sonntag nach heilsamem Schlaf erster Stadtrundgang. Zwei neue Brücken ersetzen die nach 2000 Jahren außer Funktion geratene römische Brücke und die „provisorische Fußgängerbrücke". Eine Fahrt mit der Bimmelbahn ist informativ, aber bei fehlender Federung und historischem Kopfstein- Pflaster gewöhnungsbedürftig . Es geht vorbei an der stillgelegten und teilweise ungenutzten Sardinenfabrik durch Salzgärten bis zum stadteigenen Badestrand und Camping. Dort sind zwei Restaurants, was auch die anwesenden Franzosen gleich lobend konstatieren. Nach wie vor wird Salz gewonnen (vielleicht mit halber Kraft). 

Tavira, Römische Brücke, Himmel verfinstert sich, Ebbe
Römische Brücke Wechsel d. Tageszeit und Flut
Grandioser Ausblick von Hotel auf d. Burgberg
Li. Maurische Burg, Mitte u.re. 3 markante Kirchtürme

Verschiedene Völkerwanderungsstämme waren hier, u.a. auch die Seumen. Ein Völkchen, was wenig Spuren hinterlassen hat. Niemand sagt heute „Ich bin ein stolzer Seume, Seumen waren meine Vorfahren!“. Natürlich waren auch die Römer, die Phönizier und zwischenrein Spanier und Franzosen hier. 1910 wurde das sympathische Ländchen Portugal Republik. Dann kam die fatale Entscheidung: Man wollte lieber den starken Mann, und es kam der Diktator Salazar. 

Ich bekam ein Mittagessen am Fluss mit herrlichem Blick auf die sich im Wasser spiegelnden Bauten und die alte Brücke. Die Chefin meines Restaurants kommt aus Europas Norden und hat in Portugal Fuß gefasst. In Norwegen wäre die Gaststätte gut angekommen; hier wird man keine Stammgäste gewinnen. Nichts Originelles in der Küche und ein überzogener Preis; Ein typischer Anfängerfehler ein Lokal ausgrechnet an einem touristischen Brennpunkt zu suchen. Man sollte auch nicht dorthin gehen, wo man lautstark zum Eintrten genötigt wird.

Tavira, maurische Burg mit Camera obscura vom Wasserturm aus gesehen
Ehem. Kloster jetzt feudale Pousada nahe maurischem Viertel

Das malerische Städtchen wimmelt von Kirchen. Viele von ihnen sind ehemalige Moscheen. Man bekommt einen Blick dafür, die alten Kuppeln innerhalb der heutigen Bauten zu erkennen. Eine der vielen positiven Überraschungen ist die Volksbibliothek; hier gibt es neben vielem anderen gute Computer zur kostenlosen Nutzung. Allerdings muss ein Ausweis ausgestellt werden. Der freundliche Mitarbeiter hat große Schwierigkeiten herauszufinden, was unter meinen verschiedenen Namen der Nachname sein könnte. Schließlich entscheidet er sich entgegen meiner nicht so ganz sprachkundigen Erklärung für einen „Herrn Hubertus“: Gelegenheit für einen Rundbrief an 50 Leute.

Kirche Misericordia, Werke geistiger Barherzigkeit
Beliebter Maler aus Tavira portraitiert Fernando Pessoa (Pseudonym, Heteronym) möglicherweise in Tavira geboren
An der Kirche San Jago (Jakob) in Taviara; der Heilige - nicht von seiner freundlichen Seite als Bruder Jesu - sondern als Morentöter

Ich bin so fitt, dass ich einen Ausflug nach Osten zur spanischen Grenze, nach San Antonio mache. San Antonio ist eine barocke Reißbrettstadt, geplant von Pombal, einem arbeitswütigen und ehrgeizigen Minister seines portugiesischen Königs; der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Nach dem verheerenden Erdbeben von 1755 wurde genauso einer wie er dringend gebraucht. Hinzugekommen sind Gründerzeitliche Hotels (z.B. Hotel Guadiand). Oberhalb der Stadt führt die Autobahnbrücke hinüber nach Spanien (Sevilla ist nicht weit). 

Kirchlein östlich Palácio da Galeria, klassischer Tavira-Himmel
Im Maurschen Viertel, sehenswert

Vermeiden sollte man das benachbarte Monte Gordo. Dort gibt es Beton-Hotelburgen, geschätzte Größe jeweils 560 Zimmer pro Block. AUch das ist Süd- Portugal, aber der Teil, den man meiden sollte. Dort kann man höchstens ein Buch schreiben; nichtmal das, weil die guten Inspirationen fehlen. Allenfalls das Buch über den "Beton".

In Tavira beginnt der östlichste der portugiesischen Jakobswege. Und einem solchen folge ich jetzt ein kleines Stück auf meinem Weg nach Castro Marin. Auf kleiner Straße geht es durch Kiefernwälder und Kakteen. In Rio Secco sehe ich zum ersten Mal ein“ Turismo rural“. Erste Eukalyptusbäume zwischen Brackwasserfeldern. 

Castro M. präsentiert sich sehr gepflegt und lebhaft. Im älteren  Dorfteil eingeschossige Bebauung; hier gibt es den Luxus von reichlichen Parkplätzen. Eine schmucke Kirche liegt am Fuße einer der beiden überdimensionierten Burgen. Zeitweise waren hier die Ritterschaften ansässig, welche Portugal von den Mauren befreit haben. Also wichtige Leute, die sich auch sehr wichtig fühlten, sich an strenge Regeln hielten, diese aber auch anderen aufzwangen. 

Oft regnet es, auch die Arbeiter leidendann
Dann sieht ein Baum durchs Autofenster so aus. Die Farben gehen verloren die Konturen verwischen

Jetzt bewege ich mich bereits weg vom Meer entlang dem Fluss Guadiana. Auf der N 122 sind es 115 km nach Beja, die Straße ist sehr gut, umsäumt von Hügeln von 50 bis 100 m Höhe, Gestrüpp. Die Straße führt also nicht direkt am Fluss entlang, der noch (ca. 50 km) bis nach Mertola für kleine Boote schiffbar ist. 

Fahrt über die Staumauer des Foz de Odeleite. Ein Wegweiser zeigt nach rechts nach Alcoutim und von dort aus über den Fluss zum spanischen Nachbardorf mit einer großen Festung. Der Abstand zum Fluss ist jetzt beträchtlich. Alles sehr schön grün, es hat ja auch gut geregnet und sollte am nächsten Morgen heftig weiterregnen. Ausnahmsweise begegnet mir ein Lastwagen, nur ausnahmsweise ist in dieser Naturlandschaft ein Acker bestellt, ein Mäuerchen aufgerichtet, ein Obstgarten angelegt. Die ganze Strecke gilt zu Recht als schön. Die Landschaft ist ganz anders als in Nordportugal. Dort hat man manchmal den Eindruck der Übervölkerung, und wilde Bebauung hat der Landschaft nicht gut getan. Hier im Süden gehört das Land den Schafen; Flusstäler schmücken sich mit Rosen und Ginster. 

Inneres Peterskirche nahe Markthalle
So wird aufgetischt, jedenfalls abseits vom Republica Platz

Man fährt sehr gepflegt und sehr repräsentativ in Mertola ein. Dieses Städtchen liegt dort, wo die Straße und der Fluss wieder aufeinandertreffen. Weiter südlich ist die Straße westlich vom Fluss verlaufen. Wie schon gesagt: der Fluss ist die 100 km bis hierher schiffbar. Mündungsnahe war er mindestens 1 km breit, jetzt nur noch 10 m. Das Städtchen ist sehr eindrucksvoll durch seine mächtige maurische Burg, weitere Reste der islamischen Zeit, am eindrucksvollsten in der Kirche (klein Cordoba). Beachtliche Ausgrabungsaktivitäten und Rekonstruktionen. 

Kleiner scheinbarer Nachteil von Mertola: zum Essen muss man auf gewisse Ansprüche verzichten und die eine Dorf- Wirtschaft aufsuchen. Es wird kein Wort ausländisch gesprochen. Auch das gibt es entgegen aller anderslautender Beteuerungen.  Für Langzeiturlaub ist das Städtchen zu klein. Hier kann man einen Roman schreiben, vorausgesetzt man hat ihn schon sehr gut im Hinterkopf. Wenn dem einsamen Gast die Ideen für große Teile des Romans fehlen, wird er sie in diesem Städtchen nicht kriegen.

Bei der Weiterfahrt sitzen auf 20 Telegrafenmasten entlang der Straße 20 Störche mit Anhang. Es scheint Wohnungsnot bei den Störchen zu bestehen. Arme Frösche.

Beja ist eine große Stadt. Sie hat ihre Bedeutung als Flugplatz, auch als Militärflugplatz mit NATO-Verbindungen seit Jahrzehnten. Wenn unsere Jets in den letzten Jahrzehnten wenig Lärm gemacht haben, dann verdanken wir das Beja und der Geduld seiner Anwohner. Danke Beja!

Tourismus ist nur bescheiden ausgebaut. Mit verschiedenen Schwierigkeiten musste ich kämpfen: schlechter Stadtplan, schlechte Ausschilderung, Kälte in der Nacht. Interessant ist die Kirche Misericordia als Teil des Spitals, welches erst vor wenigen Jahren geschlossen hat (sie könnten einen Verein bilden: Würzburg Venedig, Autun, Beja, Evora). Eine weitere markante Kirche ist: Santa Maria mit dem alten offenbar romanischen Turm. Es gibt einige Maurische Residuen und als Kontrast unter den neueren Bauten, Art Déco-Gebäude. 

Cacela Velha ca.6km östlich Tavira
wunderbares romantisches "Nest"

Eine echte Sensation könnte das westgotische Museum sein, wenn es denn ausgeschildert, beschriftet und sogar geöffnet wäre. So bleibt es ein Wunschtraum der Fantasie, versunken im Vergessen, genau wie die Zeit die es beschreiben soll. Theoretisch findet es sich in einer Kirche nahe der Burg, nur ist diese Kirche verrammelt, als ob ein Überfall der Mauren zu befürchten wäre. Kein Schild verweist darauf, was hier zu finden ist und in welcher Jahreszeit oder in welcher Zeit des Jahrzehnts wir die Öffnung erwarten dürfen. Ich möchte so viel Portugisisch lernen, dass ich bei der Stadtverwaltung freundlich anfragen kann.

Die Burg macht etwas mehr Reklame. Sie gilt als ein Beispiel für sich ändernde Strategien im Laufe des Mittelalters. Vom „Einigeln“ ist man übergegangen zu einer Taktik, die den Angreifern sehr gezielte Nadelstiche verpasst hat.

Es ist sehr kalt, es regnet stark. Das verleitete eine Verlängerung des Aufenthalts.

Der Weg von Beja nach Evora ist unproblematisch und schön. Die Landschaft hier ist noch malerischer als im Süden. Man freut sich an wechselndem Baumbestand und zahllosen Büschen. Fast ein Bild wie es Otto Ubbelohde (* 5. 1. 1867 in Marburg an der Lahn; † 8. Mai 1922 in Goßfelden)  in Nordhessen mit Tusche gezeichnet hat. 

Erfreulicherweise sind einige Arbeiten aus dessen großem Werk in unserem Archiv bzw. an Museen ausgeliehen. Bei nächster Gelegenheit muss ich in Wikipedia darauf hinweisen, dass in August Buxbaum: Darmstadt und Umgebung von 1920 Zeichnungen von Otto Ubbelohde den wichtigsten Raum einnehmen. Dieses Buch ist nicht zitiert. Auch in meinem Beitrag „Fahrt nach Norddeutschland“ wird Otto Ubbelohde im Zusammenhang mit Worpswede angesprochen.

Auf halber Höhe folge ich nicht dem Wegweiser nach Alvito. Auch den großen, offenbar künstlich angelegten See lasse ich aus.