In Italien haben uns eigentlich nur noch beschäftigt mit einem unserem Quartier nahe gelegenen Ort: Ventimiglia. Unser Quartier war noch ein Stückchen weiter grenznahe: Mortola superiore. Von der Staatstraße scharf abzweigen Richtung Landes-Inneres. 4 enge 340 Grad Kurven durch parkende Fahrzeuge. Mülltonnen waren weite Herausforderungen. Man gelangt auf einen gefährlich anmutenden Grad: es geht links und rechts steil hinunter. Dann geleiten freundliche Wegweiser zu unserem Quartier. Die Wirtin ist eine geniale Künstlerin, solange sie nicht nach der Natur malen muss. Beim Aktmodell sind die Schulter- und Hüftgelenke etwas untypisch eingepflanzt. Sie macht uns gleich bekannt mit der Nachbarin, ca. 80-jährig, hat in diesem Flecken mal ein Café betrieben, geht regelmäßig zum Tanzen, von wo sie sehr spät nach Hause kommt und letztendlich erfolgreich ihren Parkplatz über dem Abgrund einnimmt. Es erübrigt sich die Frage, ob das schon mal schief gegangen ist. Das ganze Ensemble unserer Wirtin besteht aus ca. 20 Einheiten, von denen man sagen kann, sie sind absolut nicht in Reih und Glied ausgerichtet. Im Gegenteil: Jeder Raum hat eine andere Richtung, eine andere Höhe und ist über nach oben, oder nach unten führenden Treppen, Unterbögen, schmale Gänge zu erreichen. Bögen, Strebepfeiler und Fels garantieren Sicherheit. Unser erstes Quartier hatte eine einige 100 Jahre alte Türe, innen oftmals verstärkt. Die ideale Wohnung für jemanden, der viel Post zugestellt bekommt. Man kann die Post sowohl unter der Tür, als auch daneben oder darüber einwerfen, denn die Türe passt seit 150 Jahren nicht mehr so gut.  Die Tür macht auch ein kleines Problem beim Aufmachen, was nur zu einem Drittel möglich ist. Von dort kommt man in mehrere ineinander gehende Räumlichkeiten, teils mit groben Steinen überwölbt, teils mit wuchtigen Balken eingedeckt. Alles mit Kunstwerken verschönert. Leider funktionieren verschiedene Annehmlichkeiten nur teilweise. Das Fenster ist nur zu öffnen, wenn man das Bett etwas nach unten drückt; aber man gelangt nur dorthin, wenn man das Bett erst nach links verschiebt. Zur Küchenbeleuchtung muss man nach einem geheimen Schema die Birne nach rechts und links drehen, wonach sie üppig aufleuchtet. Eine Lampe im Wandschrank leuchtete dagegen andauernd, bis sie schließlich von selbst ihren Geist aufgab. Der Wasserhahn wackelt verdächtig. Wäre alles ganz romantisch, wenn nicht ein kleiner Sitzplatz im Freien fehlen würde. Es gibt zwar eine Sitzbank, aber das dortige Sitzkissen wurden nach ihrem Einkauf grundsätzlich bei keinem Regen ins Trockene verbracht. Da Regengüsse gar nicht zu selten sind, hat sich in den Kissen eine lebhafte Flora und Fauna angesiedelt. Der ureigenste Zweck der Kissen, drauf zu sitzen, bedeutet eine Mutprobe, die nur von Menschen zu meistern ist, die in starkem Einklang mit der Natur leben.

Unsere Wirtin hat vorausgeahnt, dass wir die Besonderheiten dieses Domizil nicht ausreichend würdigen und uns nach zwei Tagen ein anderes zugewiesen. Dieses hatte eine einwandfreie Tür; nur hat die Chefin den Schlüssel vergessen; der Küche litt unter einem Mangel an der segensreichen Wirkung von Wasser, Scheuermilch und den notwendigen Textilien. Brauchbares Geschirr fehlte. Die Dusche war mit einem raffinierten System an Düsen ausgerüstet, welche aber bei voller Funktion das Klo hoffnungslos unter Wasser setzten. Die Klospülung bedurfte eines ausgeklügelten Handgriffes, um sie wieder zum Stillhalten zu bewegen und zu erreichen, dass sich der Wasser-Kasten vollständig auffülle. Auch hier gab es fantasievolle Kunst von deftig-erotisch bis lieblich-verspielt. Wir durften auch das Atelier besehen; es befand sich im Freien und war für 1 bis 28 Kunstschüler eingerichtet. Bei voller Besetzung mussten einige pausieren und die kulinarischen Köstlichkeiten des Landes kosten, während die anderen mit Hammer oder Schnitzmesser arbeiteten. - Wir hätten dieses Quartier zu unserem neuen Lebensmittelpunkt gemacht, aber ein Ereignis, an dem unsere Wirtin völlig unschuldig ist, nahm uns die Entscheidung ab.

Ausgelassen habe ich noch den Besuch in der Altstadt von Ventimiglia. Ein Abenteuer, allerdings für die wenigsten Menschen ein Ort zum Verweilen. Markant ist dieses historische Pflaster alle Mal. Der Eindruck ist am stärksten, wenn man von Osten aus der langweiligen Neustadt kommt: Es türmen sich die Häuser am Westrand des Flusses zu einer eindrucksvollen Kulisse.  Eine attraktive Pension haben wir nur einmal gesehen; ein Gasthaus von der Art einer mitteleuropäischen Pizzeria auch nur einmal. Dagegen wachsen viele Kräuter aus den Regen-Rinnen und tauchen das Gewirr der Rohre in ein sanftes Grün. Vielleicht wird die Fauna auch durch gehaltvollere Abwässer genährt und erfrischt. 

Die Hauptkirche (mit Baptisterium und Krypta) ist unbedingt sehenswert: in den frühromanischen Kirchenkörper ist ein spätromantisches Gewölbe eingepflanzt. D.h. sämtliche eckigen Säulen sind durch zahlreiche halbrunde Pfeiler verstärkt, um viel höher nach oben zu streben und ein mächtiges Steingewölbe zu tragen. Selten sieht man den Übergang von einer Früh- oder Vor-Romanik zu einer Hoch-Romanik so deutlich, sodass es auch dem Nicht- Fachmann auf den ersten Blick verständlich wird.  Demgegenüber ist der Unrat am Strand befremdlich. Da hat man irgendwie aufgegeben. Man meinte, man sei in Deutschland.