Karte von Thrakien und Makedonien

Karte für Thrakien und Makedonien

Schlucht zum Olymp, Griechenland

Abb. 18 Schluchten auf dem steilen Weg zum Olymp

Im weiteren Verlauf versöhnt die Autobahn. Die Maut bleibt überraschend niedrig, rund 4 Euro für die gesamte Strecke. Aber man muss auch auf der Autobahn in der Gewissheit leben: Gewaltige Schlaglöcher kommen. Von Thessaloniki führt die Küste nach Süden in Richtung Athen. Die kleinen Sträßchen an der Küste wurden wegen des Dauerregens ausgelassen.

In der Stadt Kateríni hat man normalerweise einen herrlichen Blick auf das Olymp-Massiv. Ich hatte nur den Blick auf meine nasse Hand, sonst gar nichts, so neblig und regnerisch war es.

Zusammen mit der Schwesterstadt Paralia Katerinis (auf dem i betont) hat Katerini einen berühmten kilometerlangen Badestrand. Schon öfters habe ich erwähnt, dass es für Griechenland segensreich ist, dass die Zahl solcher Sandstrände sehr begrenzt ist: Felsküsten retten das wunderbare Griechenland vor der totalen Bebauung.

Griechische Berglandschaft

Abb. 19 Bewundernswertes Metéora

Eine echte Entschädigung bot das Museum in Dion an. Es liegt ganz nahe am Olymp, ein Bergstädtchen mit einem alten Heiligtum des Zeus, der Demeter und der Isis (ägyptische Gast-Gottheit, beurlaubt zu einem Praktikum auf dem griechischen Olymp).

Wenn ich so täglich mit den alten Töpfen und Plastiken konfrontiert bin, gewinnt meine Sprachkenntnis nur, aber in meiner Vorstellung gewinnen die alten Götter Konturen. Ich begreife, was auf den Vasen, Bildern und Skulpturen dargestellt sein könnte. Jeder Gott hat eine begrenzte Zahl von Heiligtümern.Dion hat hier Fantastisches zu bieten. Neben harmlosen Plastiken sind solche, von denen ein Zauber ausgeht. Einzelne geniale Stücke leuchten heraus.

Dazu viel Praktisches: Wie sahen überhaupt die Werkzeuge aus? Wasserversorgung? Medizin? Eine mechanische Orgel ist in dieser Art der einzige Fund auf der Welt.

Der Olymp ist tatsächlich ein Monster von einem Gebirge. Eine Reihe von Gipfeln ragen bis knapp 3000 m hoch. Die Entfernung vom Meer beträgt nur 20 km. Diese Nähe zum Meer ist dafür verantwortlich, dass die Gipfel so häufig in eine Dunstwolke ragen. Heute waren sämtliche Dunstwolken dort vereinigt. Das verstärkt den Eindruck des Geheimnisvollen.

Fast alle Besteigungen des Olymps gehen vom Dorf Litochoro aus. Ich konnte es nicht lassen, die Auffahrt zu versuchen. Kein Problem für die legendäre Motorkraft eines Renault Twingo. Ein grandioser und unheimlicher Eindruck. Regelmäßig lockert sich der Nebel, und man schaut hinab in gewaltige Schluchten und hinauf zu tief verschneiten Hängen. Gipfel sind nie auszumachen.

Man könnte durch eine Vithos-Schlucht weiterfahren bis nach Prionia. Von dort steigen die Profis bis zur Schutzhütte A und dann bis zu den Gipfeln auf. Der gesamte Weg war mehrfach abgerutscht, einfach weg, keine Straße mehr, Abgrund. Doch in Griechenland ist das überhaupt kein Grund zur Panik, jemand hat mit einem Bulldozer eine mehr als behelfsmäßige Umfahrung in den Hang gekratzt. Ich jedenfalls habe auf dem „Plateau der Musen“ Schluss gemacht.

Ich wollte auf der Schutzhütte D, 1000 m hoch, - ein fester Begriff bei den Olymp-Touristen - übernachten. Mein Schlafsack wäre geeignet gewesen. Fünf regennasse Hunde, groß wie Kälber, begrüßten mich freundlich. Wanderer mit Schlafsack unter dem Arm gehören in ihr Weltbild. Sie führten mich zu ihrem angeketteten, nicht so freundlichen Genossen. Der bewachte 50 Kästen Bier („Mythos“ natürlich, was denn sonst). Eine Menschenseele war in dem Etablissement nicht zu finden. Nicht einmal Pan ließ sich blicken, der sonst die Wanderer erschreckt und auch mir schon den Autoschlüssel versteckt hat.       So trat ich den Rückzug an, und Alex aus Villingen vermietete mir ein Zimmer. Die Vorstellung, ganz in der Nähe der schneebedeckten Giganten zu nächtigen, war Ersatz für verpasstes Gipfelglück.

Platamonas liegt schon südlich vom Olymp. Es ist eine eindrucksvolle Burgruine aus „fränkischer“ Zeit.

Wer diese Franken sind, ist mir noch nicht klar. Würzburger waren es nicht. Franzosen? Deutsche? Diese Franken begegnen uns noch mehrfach auch auf der Peloponnes. In jedem Fall waren sie Mitteleuropäer, „Räuber“, und der weströmischen Religion steuerpflichtig. Sie haben das Byzantinische Reich nahezu kaputt gemacht. Angefangen hat es mit der Veranstaltung eines gewaltigen Kreuzzuges. Zwischendurch hatten die Teilnehmer eine gute und eine schlechte Idee. Die gute: Dieses Heilige Land ist viel zu weit weg. Die schlechte: Machen wir doch mal das oströmische Reich platt, die glauben ja sowieso nicht an den Heiligen Vater. So haben sie Konstantinopel erobert. Ein Bonifatius von Montserrat erhielt das Königreich Thessaloniki und hat diese Burg gebaut.

In der Burg gibt es heutzutage Freilichtaufführungen. Merksatz für den eiligen Touristen: Platamonas früher Kreuzfahrer-, heute Touristenhochburg.

Von Mazedonien nach Thessalien

Südlich von Platamonas wird es für Küstenfahrer ganz schwierig, denn das Ossa-Gebirge stellt sich in den Weg. Diese Berge sind hier noch näher am Meer als der Olymp. Die Autobahn nach Athen weicht von der Küstenstraße ab und folgt dem Tempetal, der Grenze von Mazedonien und Thessalien. Hier bricht der Fluss Pinios aus der fruchtbaren thessalischen Ebene zum Meer durch.

Dieses Tempetal ist wirklich phantastisch. Das haben die alten Märchenerzähler sehr gut erkannt. Wie in ihren Berichten überhaupt viel drinsteckt, vor allem Psychologie.

Das Tal ist ein Park mit gewaltigen exotischen Bäumen; der Fluss war hier besonders reißend. Apoll musste sich ganz schön festhalten, als er sich einem Taufzeremoniell unterziehen musste. Das muss ich erzählen:

Dieser geologisch markante Engpass, fast so berühmt wie die Thermopylen, zapft nicht aus historischer, sondern aus mystischer Zeit seine Beliebtheit:

Der Lichtgott Apoll soll sich hier von Schuld reingewaschen haben, nachdem er die Pythia in Delphi umgebracht hatte. Dabei war er selbst der Chef des delphischen Orakels. Geht man so mit seinen Mitarbeitern um?

Was hatte die Pythia gemacht? Sie hat nicht so „georakelt“, wie Apoll es wollte. Der höchste Rat der Götter musste sich mit der Angelegenheit befassen. So viel Gerechtigkeit musste sein, deshalb durfte Apoll im Amt bleiben, bei voller Pensionsberechtigung, allerdings nicht mit Altersteilzeit, aber er musste sühnen!

Eigentümlich, wie die alten Mythen davon ausgehen, dass sich selbst die Götter und ihre Sprösslinge in Schuld verstricken können. Gleichzeitig ließ man ihnen einen Ausweg offen, der Neuanfang sollte möglich bleiben, damit die Welt weitergeht. Bei den Halbgöttern und bei den Sterblichen ist der Mythos nicht so großzügig: Manchmal ist der Wurm drin, so wie bei der Familie des Sysiphos. Besonders wer sich mit den höchsten Göttern anlegt, stört die Weltordnung so stark, dass alles im Chaos endet.

Eine Story aus unseren Tagen (auch die ist auch ein Stückchen Geschichte): Ein betuchter fränkischer Handwerksmeister hatte auf der Peloponnes ein Haus. Er fing einen Streit mit seinem Nachbarn an, es ging um das „Recht am Wasser“ oder um das Durchgangsrecht auf einem Feldweg. Hätte er ein bisschen was aus der Literatur gekannt, hätte er einen solchen Streit, zumal mit einem Spartaner, vermieden. Der Streit endete tödlich.

Die Sagen haben ihre Funktion, sie warnen uns, ob Grieche oder nicht.Die Sage von Ödipus sagt: „Erschlage keinen Fremden an einer Wegkreuzung um eines lumpigen Vorfahrtsrechtes Willen. Ein Grund das nicht zu tun: es könnte dein Vater sein.“

Der Strom gibt mir so viele Ideen ein, dass ich beschließe, ihm zu folgen. Ursprünglich wollte ich ja nur dem Meer folgen („parallia“).

Metéora Griechenland

Abb. 20 Kontraste und Zauber von Metéora

 

Die Ebene flussaufwärts (Ebenen sind nicht so zahlreich in Griechenland) ist ungewöhnlich groß und rundherum von hohen Bergen umgeben. Zuerst karge felsige Hügel, dann die Stadt Larisa, Hauptstadt von Thessalien und Universitätsstadt. Weitere 60 km flussaufwärts geht es nach Trikala und am Nord-Ostrand der Ebene liegt Kalampaka.

Die Kleinstadt ist Ausgangspunkt für die Metéora-Klöster. Ich kam im Abendlicht an. Alles war extrem plastisch. Ein ganz unglaubliches Fleckchen Erde. Ein Weltwunder. Nach 800 n Chr. kamen die ersten Eisiedler. Später 13.. und 14.n. Chr. entstanden die meisten der Klöster. Unter der türkischen Besatzung mussten sie leiden. Man müsste so Vieles im einzelnen beschreiben.

Das Gute ist: Man kann heute überall hinfahren und muss höchstens ein paar 50 oder 100 Stufen steigen. Nicht mehr mit Netz und Flaschenzug, wie in Zeiten der Gründungen 500 bis 1400 n. Chr.

Ich war am Karfreitag in einem Stephan-Kloster bei den (einzigen) Nonnen. Frauen mussten „anständig“ das ehrwürdige Kloster betreten: Jetzt gab es da einige, die hatten Hosen an. Diesem Ärgernis konnte abgeholfen werden, indem der Einheits-Metéora-Rock ausgegeben wurde: schwarz mit Blümchenmuster. Alle Seniorinnen und Teenager aus Japan, USA oder Rumänien waren mit dem gleichen Rock geziert. Eine Szene von herausgehobener Komik. Die ehrwürdigen Klosterfrauen standen recht verloren zwischen den Touristen aus Europa und Übersee. Die verstanden sie nicht und umgekehrt.

Es hätte pastorale Anknüpfungspunkte ergeben: dass vor Gott alle gleich sind ... Und die Gnade ... Und der Mann, der von Samaria hinaufging nach Galilea und dort unter die griechischen Händler fiel ... Und was dergleichen hoffnungsvolle christliche Bilder sind. Sogar ich - nach 17 Jahren Spital von Zweifeln geschüttelt - hätte hier eine Stegreifpredigt gehalten und wahrscheinlich mit den Wohnmobil-Fahrern aus aller Welt ein gemeinsames Lied gesungen. Schon das wäre ein hoffnungsfrohes österliches Zeichen gewesen.

Übernachtet habe ich in einem Wohnwagen, den mir die Chefin des Campingplatzes preiswert vermietet hat. Vieles ist günstig in Griechenland. Die normale Einzel-Unterkunft wird offenbar auf staatliche Empfehlung auf 30 € festgelegt. Dafür wird verlangt: warme Dusche. Kein Problem bei dem Angebot an Sonne und den preiswerten kleinen Thermosolar-Einheiten. Weniger gute, aber auch sehr gute, kosten 30 €. Mancher verlangt, ohne erkennbare Verbesserung der Qualität, 40 oder 50 €. Es lohnt sich, die netten Anbieter zu bevorzugen.

Von Metéora wieder zurück in den Osten, zum Meer, diesmal am Südrand des schon zitierten Ossa-Gebirges. Der Weg führt durch Agiá, ein fast schweizerisches Bergdörfchen, ans Meer. Schon wieder bin ich von einem Griechen nach dem Weg gefragt worden. Achselzucken. Zwei Leute hatten dasselbe Problem und keine Lösung.

Jetzt ging es auf sehr schöner und sehr kurviger Straße zuerst an der Küste entlang und dann wieder zwangsweise ins Landesinnere Richtung Kalamaki. Es ist schon ein guter Vorgeschmack für das sagenumwobene Pilion: ein Park, „Wald von der abwechslungsreichsten Art“ hätte mein Großvater gesagt.

In einem Dörfchen bin ich regelrecht steckengeblieben, die Gässchen wurden immer enger. Ein barmherziger Mensch hat mir das Hoftor geöffnet, damit ich wenden konnte. Schuld war das Fehlen jeglichen Schildes an der richtigen Abfahrt. Xerxes hat auf seinem Raubzug nach Hellas alle Schilder mitgehen lassen.

Der nette Anwohner hat mir den richtigen Rückweg beschrieben: Dort wo die Erde rot ist, musst du nach links (aristerá)! Das klang wie ein delphisches Orakel. Zuerst begegnete mir ein quietsch-rotes Schwein. Kurz später wurde die Erde tatsächlich sehr rot: wahrscheinlich Eisenerz, solches gibt es auch am Golf von Korinth kurz vor dem Aufstieg nach Delphi.

Zweimal ist mir eine Schildkröte begegnet. Eine von beiden ist nach dem Zwiegespräch betont unauffällig unter dem nächsten Gebüsch verschwunden, und hat noch ein bisschen mit einer alten Coca-Cola- Dose geklappert.

Pilion – ein wirkliches Highlight

In Athen schreibe ich diesen Rückblick auf das Pilion. Mir wurde abgeraten, vom Norden her unter Umgehen von Volos anzufahren. Man hat mein Auto geringschätzig angeguckt und gesagt: „Oh Gastfreund! Mit deinen kleinen Rädern kommst du da nicht durch.“ Solche Ratschläge befolge ich inzwischen ohne Widerspruch. Es wäre über sogenannte „Schotterstraßen“ gegangen. Über die Tiefe der Schlaglöcher ist keine Aussage möglich, 100 m steil unterhalb liegt das Meer. Es kann aber auch sein, dass ein Teil der Straße da unten liegt. Es soll auch mal Brücken ohne Geländer geben. 

Aus dem untersten Zipfel der thessalischen Ebene ging es über ein leicht hügeliges Park-Gelände, was leider als Müllplatz verwendet wurde, nach Volos. Die Stadtdurchfahrt wird erleichtert, weil das Pilion mächtig und gut sichtbar im Westen aufragt, so braucht man keine Schilder.

Während der Auffahrt bieten sich gewaltige Ausblicke hinunter auf die Stadt und die ganze Geographie von Euböa und der Bucht von Volos. Von dort ist es noch schwierig zu erkennen, wo der lange „Kanal“ zwischen Festland und Euböa verläuft. Die modernen Griechen scheuen sich nicht, aus der klangvollen Insel Euböa „Evia“ zu machen.

 

Ein paar Einzelheiten zur Geographie:

1.    Das Piliongebirge setzt sich geologisch als Euböa fort, wird aber durch einen Kanal von dieser Insel getrennt. Ein Kanal oder eine Bucht heißt in Griechenland gerne „Kolpos“

2.    Das Piliongebirge hat auf 3 Seiten Wasser:

-          im Osten die Ägäis,

-          im Süden der erwähnte Kanal, der

-          der in den großen Kolpos im Westen übergeht  , der Pilion vom Festland trennt.

Letzterer setzt sich weit nach Süden zwischen Euböa und dem Festland fort. Dieser Kanal ist lang und auch breit, nur bei Chalkis wird er so schmal, dass er wahrscheinlich schon im Altertum überbrückt wurde. An diesem langen Kanal (Verbindungsstraße, sogar windgeschützt) liegen festlandseitig gleich mehrere Provinzen. Von Norden nach Süden: Phokis, Böotien und Attika.

Die traumschöne Straße schlängelt sich durch das Gebirge des Pilion vorbei an Fünfzehnhunderter-Gipfeln. Sie endet als Sackgasse in Platania. Ohne den trennenden Kolpos würde sie sich auf der Insel Euböa fortsetzen.

Als eines der schönsten Bergdörfer auf dem Pilion gilt Makrinitsa.                     In Potaria in unmittelbarer Nachbarschaft bekomme ich eine Bleibe in einem herrschaftlichen Haus. Es gibt einen eigenen Baustil der Wohnsitze im Pilion. Ihr kennt meine Theorie: Insellage bedeutet Handelsvorteile, Sicherheit und damit Wohlstand. Das gilt zum Teil auch für Halbinseln wie das Pilion. Man war hier recht wohlhabend und hatte seine Gründe für gut befestigte Bauten.

Als ich da war, war die politische Diskussion gerade auf ihrem Höhepunkt. Es ging um den Vorschlag von Kofi Annan zur Zukunft von Zypern: Nai oder Ochi sollten die Griechen sagen. In der Bevölkerung gab es eine riesige Mehrheit für Nein. „Türken sind Asiaten und mit Asiaten geht es nicht“, so das Stimmungsbild. Ich habe versucht zu argumentieren und sogar meine gerade angelesenen Herodot-Kenntnisse ausgepackt.

Herodot von Halikarnas

Herodots Thema in seinen neun Büchern, die er nach den neun Musen benennt, ist die Analyse der Feindschaft zwischen den Hellenen und den Barbaren. Es ist das erste Geschichtsbuch der Menschheit, das versucht, alle Quellen und Meinungen zusammenzutragen. Der Meister ist um Objektivität bemüht. Selbst dem Perserkönig, dem Feind schlechthin, bescheinigt er immer wieder „Größe und edle Gesinnung“. Die Anekdoten, die er über ihn erzählt, sind trotzdem so ausgewählt, dass die griechische Leserschaft was zu lachen hatte: Als der Perserkönig mit seinem Millionenheer über den Bosporus schreitet, lässt er eine Brücke schlagen (unglaublich!). Als der Sturm diese zerstört, lässt er dieses unbotmäßige Meer geißeln und Schmähreden ausbringen. So was hat die Griechen köstlich amüsiert, ihre Schlussfolgerung war allerdings überraschend: Der Perserkönig hat gar nicht verstanden, warum es diesen Sturm gegeben hat. Poseidon hat nachgeholfen. Wer denn sonst. Bei Herodot sind die mythischen Vorstellungen noch tief, im Gegensatz zu Thukydides. Ausgerechnet einen von seinen Landsleuten, Themistokles, den Sieger von Salamis, kann Herodot nicht ausstehen. Bei aller Objektivität kommen seine Sympathien durch.

 

Noch weiter zurück: Aus der Geschichte ind die Sagen und Mythen:

Europa und der Stier

 

Da bei der aktuellen politischen Diskussion so viel über Europa gesprochen wurde, habe ich mir die Story von der „Europa und dem Stier“ durch den Kopf gehen lassen. Nach mehreren tausend Jahren hat sie es geschafft: Ihr Bildnis in ganzer Anmut ziert die Zwei-Euro-Münze.

Bei Amerika war das anders, da hat man sich (allerdings 2000 Jahre nach den Ereignissen mit der Dame Europa) im Vogesenstädtchen Saint Dié, im Hinterzimmer einer Wirtschaft, zusammengesetzt und beratschlagt: Wie nennen wir das, was Kolumbus entdeckt hat? Das was Indien sein sollte, aber offenbar doch nicht Indien ist? Und da musste Amerigo Vespucci, ein drittklassiger Abenteurer, herhalten.

Europa verdankt seinen Namen keiner Verhandlung am Biertisch, sondern einem Mythos:Der griechische Göttervater wollte die kleinasiatische Königstocher Europa (nach meinem Sprachgefühl bedeutet das: „gute Entscheidung“, „günstiger Ausschlag der Waage“, oder ist es „die gut Angezogene“?) ent- und verführen. Er hatte das Problem vieler Chefs: Er hatte keinen, der ihn beraten konnte. Er wusste, mit drei Nelken würde er nicht ankommen. Also entschloss er sich zu einer ausgefallenen Lösung und verwandelte sich ... in einen Stier.

Das „Abgefahrene“ an der Geschichte ist, dass dem Zuhörer zugemutet wird zu glauben, dass die jungen Mädchen damals herumstreunende Stiere einfingen und sich draufsetzten. Wir können annehmen, diese Europa war emanzipiert, praktisch veranlagt, ging nicht gerne zu Fuß und schwang sich tatsächlich auf den Stier. Es fiel ihr nichts auf. Sie hatte keine Lust, abzusteigen, als der Stier mit ihr bei Ochsenfurt (Bosporus) von Asien zu einem noch zu benennenden Kontinent übersetzte. Oder ging es nach Kreta? Im Märchen wird nie der kürzeste Weg gesucht – ja, es war Kreta! Dort war Zeus geboren, das bestärkte seinen Übermut.

Ich weiß nicht, wie die Geschichte noch weiterging. Jedenfalls nicht so traurig, wie die von der Loreley. Freilich hat es der Europa geschmeichelt, dass sie einen ganzen Kontinent benennen sollte, und dass man in weiter Zukunft mit Euro zahlen würde.

Ich weiß auch nicht, was die Familie gesagt hat. Sicher hat der Vater getobt: „Und was soll das heißen, ein Stier ist mir zugelaufen? Und was heißt, ‚Spritztour nach Europa’. Wer sind wir denn, dass wir nach Europa wollen? Wir kleinasiatischen Könige in der 15. Generation, und jetzt so was!“

Ich glaube, Europa hat schließlich aufgehört, auf ihren Studienplatz für Tiermedizin in Izmir zu warten, und hat sich in Milet bei Thales (Mathematik für das höhere Lehrfach)  eingeschrieben .

<Damals wusste ich noch nicht, wie viele Probleme mit dem € auftreten sollten! Dass Griechenland ausgerechnet die "kleinasiatischen Angewohnheiten" zum Verhängnis werden könnten; und - so hoffen wir Philhellenen alle - letzlich doch nicht werden.>

 

Kurz zusammengefasst:

-          Auch Götterväter haben manchmal keine gescheiten Ideen.

-          Die heranwachsende Jugend war auch schon vor 3000 Jahren unternehmungslustig. Streunende Stiere waren vor ihr nicht sicher.

-          In alten Mythen steht sehr viel zwischen den Zeilen, jeder kann sich was rauslesen.

Später könnte ich Euch das Nötigste über die griechischen Götter erzählen. Man muss soviel wissen, dass man bei den Bildern Athena, Artemis, Demeter und Hera auseinanderhalten kann. Sonst macht es keinen Spaß.

Um wegzukommen von den alten Mythen, eine knappe

Zusammenfassung der echten, alten Geschichte.

Ich sage jetzt mal,

-          was man wissen sollte!

-          was man verstehen kann.

-          und was man mit dem besten Willen nicht verstehen kann. (Eine "Geschichte, die noch geschrieben werden muss!)

Alles das ist Geschichte.

Man könnte die Zeit vor Christus in Halbjahrtausende teilen, also

-          500 bis 0 ist das erste Halbjahrtausend,

-          1000 bis 500 ist das zweite Halbjahrtausend.

Im vierten Halbjahrtausend gab es schon eine phantastische minoische Kultur auf Kreta. Die haben so raffiniert gebaut, dass spätere Generationen nur noch glauben konnten, es seien Labyrinthe. Bemerkenswert auch, dass es keine Stadtmauern gab.

Im dritten Halbjahrtausend v. Chr. gab es auf dem Peloponnes eine mykenische Kultur. Wahrscheinlich hat diese mykenische Kultur die ältere minoische mehr oder weniger friedlich übernommen. Die mykenische Kultur verstand es, riesige Felsbrocken zu transportieren und perfekt einzupassen. Wer im praktischen Handwerk sehr gut ist, muss auch gut rechnen können. Sonst hat es aber bei den Mykenern sehr gemenschelt, sie haben sich viel mit Psychoanalyse beschäftigt und sehr gerne reiche fremde Städte (Troja) überfallen. Und zu diesem Zweck geschickte Propaganda getrieben: Man habe ihnen und einem ihrer Könige, Menelaos, die Königin Helena, die schönste Frau der Welt, geklaut. Beide Behauptungen waren an den Haaren herbeigezogen. Andererseits ist an den alten Geschichten einiges wahr: die Existenz von Troja...Diese Kultur wurde im zweiten Halbjahrtausend v. Chr. von neuen griechischen Stämmen (Dorern aus dem Norden) übernommen. Wir wissen trotzdem viel von den Mykenern, weil ihre Geschichten von ihren Nachfolgern übernommen und gleich zu einem Nationalepos verarbeitet wurden: Ilias und Odyssee. Diese waren identitäts-stiftend für Sprache und Kultur der Griechen und sind Schätze der Menschheit. Leider bewirkte diese Nationaldichtung keine politische Einigung der Griechischen Stämme.

 

Auch auf dem Rückweg   vom Pilion nach Süden

kann man Volos nicht umgehen. Es geht am Meer entlang, genauer am Maliakos Kolpos (die Hauptstadt dieser Provinz, Lamia, lassen wir aus; sie bleibt zur Orientierung wichtig). Zuerst geht es nach Neanchialos. Dieses Städtchen am Meer glänzt durch frühchristliche Kirchen. Das ist ein spannendes Thema: gibt es denn gar nichts bis 1000 n. Chr.? Es gibt! Wie vielerorts auch ein Ausgrabungsfeld der vorchristlichen Kultur. Es ist faszinierend - wenn keine Aufsichtsperson da ist - die Reste der Kapitelle, kleine Säulen und Plastiken vorsichtig in die Hand zu nehmen. Anschließend muss ich ins Landesinnere abweichen. Die Straße wendet sich stark nach Osten. Das ist nötig, nicht wegen eines Gebirges, sondern wegen des sumpfigen Tieflandes am Golf.

Gegenüber liegt bereits der Nordwestzipfel von Evia. Eine geographisch schwierige Situation:

Von Lamia erstreckt sich das Griechische Festland hinunter bis zum Kap Sunion. Wenn man auf diesem Festland nach Süden/Osten fährt, kommt man durch 3 Provinzen:

-          Phokis (mit Delphi, dem wunderbaren), dann

-          Böotien (mit dem ehemals mächtigen Theben, heute eine traurige Ansiedlung) und schließlich nach

-          Attika (mit der aufgeblähten Stadt Athen, die trotzdem so schön ist, dass man sie gar nicht kaputtmachen kann).