Karte von Thrakien und Makedonien

Karte für Thrakien und Makedonien

Burg in Kavala

Abb. 15 Kavala; Blick von der Burg
es wird noch dauern,
bis wir dahin kommen.
Siehe Karte

Die Ebene von Thrakien ist in Kavala   zu Ende. Diese an den Hängen des Berges Simvolos, in Form eines Amphitheaters erbaute Hafenstadt, ist groß und lebhaft - mit byzantinischer Festung und mächtigem Aquädukt.  Sie soll eine der schönsten Städte Griechenlands sein. 

Übernachtung in der Nähe von Kavala   in einem "Bungalow" des Campingplatzes.  Preiswert und gut,  realistisch, aber auch  unbeheizt, wie fast überall in Griechenland. (Außer dem „Aigle Palace“). Die Attraktion des Platzes ist die Pfauenzucht. Ein dummer Pfau genügte – es war  ziemlich laut! -          Ohrenstöpsel und alpiner Schlafsack sind die wichtigsten Griechenland-Utensilien für den Monat April.  Die Ohrenstöpsel sind wahrscheinlich das ganze Jahr über unentbehrlich.

Von Kavala   bis Amfipolis beschreibt der Weg einen Viertelkreisbogen um das Pangeongebirge herum, das  2000m  hoch und reich an Gold und Silber ist.

Am Fuß des Pangeon erstreckt sich Amfipolis - eine weitere antike  Stadt – um die es schon  zwischen Athen und Sparta  Streit gab. Das ist bei Städten aus dieser Gegend öfter passiert. Ihr zweiter Name Ennea Othoi  (9Straßen) erinnert an den  einst  wichtigen   Knotenpunkt von 9 antiken Straßen, darunter auch die Via Egnatia, die nach Byzanz führte. 

Schon bin ich in der nächsten „Bucht“, am Golf von Orfanu.  Er schnürt im Osten  die Halbinsel Chalkidike ab. Im Westen tut dies der Golf von Thessaloniki . Viel Schilf und Macchia   trennen die Hauptstraße von  kleinen Kiesbuchten. <das Müllproblem ist 2012 deutlich besser geworden>

Der Strand wird breiter und schöner. Es folgt Asproválta (aspro ist weiß) ein Touristenort der alles hat außer Highlights. Der Strand ist schön, stellenweise könnte man noch was aubauen. Im Städtchen das klassische nebeneinander von guten Bauten und halbfertigen, leicht vermüllten Baustellen.Es ist keine schlechte Adresse, wenn man auf die letzte Minute einen Platz am Meer sucht.

<Wir waren 2012 eine Woche da. In einer knappen Stunde ist man von Tessaloniki mit dem Leiwagen angekommen. Zu Ausfliegen z. B. nach Uranupoli ist es halt ein ganzes Stück.>

Ich bin wieder bei meiner alten Fahrt und betrete Stavros, ein größeres Straßendorf,  am schönen Golf von Orfanu. „Christos anesti“ (Christus ist auferstanden):

Χριστός Ανέστη 

Den orthodoxen Ostergruß verkündet ein Spruchband am  Anfang des Ortes.  Der fromme Pilger antwortet: „Alithos anesti“ (er ist wahrhaftig auferstanden). Dass in Stavros  „Oberdorf“ und „Unterdorf“ so streng getrennt werden,  hat seine Ursache in der Zwangsumsiedlung der Unterdörfler aus der Gegend von Istanbul. Für die Alteingesessenen sind und bleiben sie die Schwarzmeergriechen.  Solche strengen Trennungen von Orts- und Stadtteilen gibt es leider viel  zu viele auf der Welt. Man kann rätseln, wo es am schlimmsten ist: In Belfast, in Jerusalem? 

Ich mache mir so meine Gedanken über die griechischen Kirchen. Größe und Zahl der Kirchen sind in Griechenland  ganz anders als im spanischen Hochland. In Griechenland sind die Gotteshäuser viel bescheidener. Im Gegensatz zum „Burgenland“ Kastilien, wo alle Kirchen so  gebaut sind, als würde morgen das Jüngste Gericht hereinbrechen.  Zumindest aber die Heerscharen der ungläubigen Mauren. Man hat sich nicht darauf verlassen, dass diese „Moren“ beim Anblick des heiligen Kreuzes entsetzt zurückweichen würden, sondern hohe Mauern errichtet. In Kastilien war man fest entschlossen,  eines Tages Spanien zurück zu erobern. Pilgerströme  zum heiligen Jakob nach Santi ago di Compostella   versicherten den Spaniern die Solidarität der gesamten abendländischen Christenheit. –

Warum kommt mir der Vergleich zu Spanien in den Sinn? Hier in Griechenland war alles anders; alles war „gelaufen“. Die Türken hatten das Land fest in der Hand. Mindestens 400 Jahre lang. Als Goethe seine italienische Reise machte, wäre es undenkbar gewesen, diese auf das klassische Griechenland auszudehnen. Das war türkisch und für immer verloren. Auf die aufkeimenden Hoffnungen komme ich noch zurück. 

 

 

Weiter am Golf nach Olimbiada.  Der Ort bekommt mindestens 2 Sterne. Olimbiada wurde, wie so viele andere Städte auch, 1922 gegründet. Dieses Datum 1922 weist immer auf Zwangsumsiedlungen  hin. Trotz des geringen Alters wirkt das Dörfchen frisch und klar. Du glaubst, du fährst in  eine Wohnstube hinein. Das meiste ist neu, die  älteren Häuschen muss man suchen.

2 Themen machen den Ort bekannt:

-  Ein aktueller politischer  Konflikt durch den geplanten Goldabbau einer kanadischen Firma   (Gold gibt es nicht nur in Ghana).

<2012 war der Konflikt noch nicht ausgestanden. Ich stand vor einem bewachten Tor der Firma, es ist eine griechische Tochterfirma angegeben. Habe nichts in Erfahrung gebracht, ob das Unternehmen dem Staat nützt oder nicht? Ob die Befürchtungen über eine Belastung der Umwelt verringert sind, oder unverändert bestehen. Also inzwischen sollte jemand die Geschichte dieses Bergbau- Vorhabens aufzeichen.>           

Abb. 15a: Stagirá (bitte auf die Betonung achten)
Geburtsort des großen Philosophen

Noch ein weitere Besonderheit macht Oymbiada bekannt: Die Nachbarschaft  zu der antiken Stadt: Stagirá, wo  ich das archeologische Feld geschlossen vorfinde.  In dieser Jahreszeit  hat es keine Touristen zu geben, auch dann nicht, wenn  da einer extra aus Unterfranken anreist, um am Grab des Aristoteles einen Stein niederzulegen. Ich muss über den Zaun klettern, obwohl alle Schilder „Kindynos“ – Gefahr androhen:  ein klarer Fall  „göttlichen Rechts“.

Stagirá   liegt sehr malerisch auf einer Halbinsel und  hat alles, was zu einer  antiken Stadt dazugehören sollte: Tempel, Agora, Stoa,  sogar eine Akropolis.

Wie derartige Städte entstanden sind, weiß man heute sehr genau: Nehmen wir Stagira. Sie wurde 650 v. Chr. als Kolonie einer gewissen Insel Andros gegründet. Ein Beweis dafür, dass schon damals die Unternehmungslust  einzelner winziger  Gemeinwesen so groß war, dass sie ansehnliche Kolonien errichten konnte. (Die Insel muss aus den Nähten geplatzt sein). Zur erfolgreichen Gründung einer Kolonie bedurfte es, außer dem Bevölkerungsdruck, auch Geld, geschäftliches Know-how, dazu  Fähigkeiten in der Seefahrt und im Städtebau. Ohne eine gewisse Mathematik war die Logistik nicht zu bewältigen. Es muss auch eine Rechtskultur gegeben haben, wenn jeder irgendwo am Meer "eine Filiale" aufmachen konnte, sollte oder wollte.

 

Wissenswertes über Aristoteles und Co.:

Berühmt natürlich ist  Stagirá  als Geburtsort von  Aristoteles.

Und der ist wahrscheinlich deshalb so berühmt, weil die Kirchenväter Albertus Magnus und Thomas von Aquin 1500 Jahre später, in ihrer eigenen Heiligen Kirche, einen schwerwiegenden Mangel entdeckten: einen Mangel an Mathematik, Logik und Naturbeobachtung. Die Herren Professoren aus Köln und Paris merkten, dass die katholische Lehre auf dem Niveau der Fischer (Petrus) und der Zeltmacher (Paulus) steckengeblieben war. Deshalb spannten sie den heidnischen Philosophen in ihre Dienste und machten ihn zum christlichen Vordenker. Ein  mutiger Schritt, denn Aristoteles war zu Lebzeiten schon mal wegen Gottlosigkeit angeklagt worden. Es hätte es ihn fast den Kopf gekostet, hätte er sich nicht aus dem Staub  gemacht.  Auch sein fraglicher Freitod  (vor dem Erreichen der Pensionsgrenze,) im 63sten Lebensjahr,  passte nicht ins christliche Bild. Die Kirchenväter halfen diesem Mangel nach, indem sie den Monotheismus des Aristoteles herausstellten:  Hatte er nicht tief und klar über den einen Gott nachgedacht? Und hatte er sich nicht  weit von den 12 Göttern Griechenlands entfernt? Aristoteles war genau so ein Monotheist wie Moses. Allerdings war sein  Gott ein deistischer Gott: keiner, der dauernd die Stirn runzelte und zürnte.-   Aristoteles schmeichelt sich    bei den beiden  Kirchenlehrern aus Köln (bzw. Paris) ein: „Es muss eine selbst unbewegte Ursache aller Bewegungen geben. Da   jedes Unbewegte nur durch ein in Bewegung befindliches in Bewegung gesetzt werden kann“. SO der Originalton Aristoteles. Wir vermuten ganz richtig, dass er als den ersten Beweger, als Quell und Ausgangspunkt aller Bewegung und alles Lebens, Gott ausmachte. Er entwirft mit der Macht seines Verstandes ein scharfes Bild von Gott.    Dieser sein Gott ist immateriell, unveränderlich, leidenslos usw. usw.  Aristoteles versucht mit Verstandesmitteln diesen unendlich fernen Gott so genau zu charakterisieren, dass man ihn fast anfassen kann.

In seinem wissenschaftlichen Werk hat Aristoteles sich zwar oft geirrt, gleichzeitig aber eine Unmenge  bedeutsamer Entdeckungen gemachtund gleich eine Reihe von Wissenschaften begründet.

Eine davon, das schlagende Herz des Hühnerembryos, habe ich selbst gesehen und war fasziniert. Aristoteles hat es als „punctum saliens“  mystisch verkannt (überinterpretiert?).

Aristoteles‘ Interesse daran kam nicht von ungefähr. Angeregt von der Ideenlehre seines Chefs Platon faszinierte ihn, dass die Welt einen Zweck in sich trägt. Es bedarf eines Anstoßes von außen, um die Anlage in die Wirklichkeit übergehen zu lassen.

Heute sagen wir, das sind die Gene. Aber auch mit der Entdeckung der Gene  haben wir das Geheimnis noch nicht  entschlüsselt.  Wir wissen nur, es gibt einen Plan. Wieso so viel Geplantes in der chaotischen Welt versteckt ist, wissen wir noch immer nicht.

Der Gedanke einer Anlage, die erst zur Entwicklung und Vollendung gebracht werden muss, die geheimnisvoll in Dingen und Wesen steckt, kann natürlich für viele Wissenschaften genutzt werden: so für die Pädagogik (Rousseau erzieht seinen Emil), für die Politik,  die Dichtkunst,  die Bildhauerei. (Michelangelo befreit seine Idee aus dem Stein...). Immer braucht es einen Initiator, der das schöne Bildwerk dem rohen Marmorblock entreißt. Immerhin war Sokrates Bildhauer von Beruf und hat diese Ideen  seinem geistigen Enkel  weiter vererbt. - Das Schöne ist, nach Aristoteles, weder das zu Große noch das zu Kleine. Ein  griechischer Gedanke.  

Mir fällt auf, dass dem heutigen Beobachter die falschen Interpretationen und die „dummen Sachen“  am meisten im Gedächtnis bleiben. Nehmen wir seine „These“ über den Alkohol:  Er stellt fest, dass sich unter Alkoholeinfluss Menschen küssen, die sich normalerweise nicht küssen würden. (Experimentelle Pyschologie?)

Über Frauen verkündet  Aristoteles unsinnige Theorien, auf die sich seine beiden heiligen Wiederentdecker natürlich mit Leidenschaft stürzten.

Noch mal kurz zur akademischen Vorgeschichte des A:

Der Lehrer seines Lehrers Platon war Sokrates.                       (Die Gemeinsamkeiten von Sokrates und Jesus waren:Beide wurden Opfer eines Justizmordes. Beide waren fanatische Wahrheitssucher. Beide waren fest entschlossen  keine einzige Zeile zu schreiben. Für mich ist eine der spannendsten Fragen, ob Jesus etwas  von Sokrates wusste, der 300 Jahre vor ihm gelebt hat).

Der große Unterschied ist, dass wir, um mit David Strauss (Das Leben Jesu, ein ganz wichtiges Buch!) zu sprechen, von Jesus überhaupt nichts Sicheres bzw. Belegbares wissen. Sokrates dagegen hatte Jünger, die  gerne schrieben. Deshalb wissen wir von ihm, seinem Schüler Plato und dessen Schüler Aristoteles wiederum sehr exakte Lebensdaten:

Aristoteles sollte, wie sein Vater,  Arzt werden, ging aber lieber nach Athen zu Plato. Dieser hatte mit den Büchern über die Dialoge seines Meisters Sokrates, ordentlich Geld verdient.Er wollte mal, erfolglos, einen Staat gründen und hat dann wenigstens eine Akademie ins Leben gerufen.

Aristoteles war einer akademischen Karriere nicht abgeneigt - aber die Athener hatten etwas gegen Makedonier. Deshalb wanderte er nach Lesbos aus, schlief dort bei geöffnetem Fenster, um den Ruf an die Akademie nicht zu überhören! Doch wartete er lange vergeblich. Schließlich kam der Ruf eines Bauernkönigs namens Philip, der  ihn als Hauslehrer für seinen Sohn, den kleinen Alexander, engagierte. Die Ergebnisse dieser Tätigkeit waren folgenschwer.

Kein Nachhilfelehrer hat die Weltgeschichte so stark verändert wie er. Nachdem sein Schüler ein Weltreich erobert und bis zum Indus vorgedrungen war (und überall auch Ideen zurückgelassen hatte), wurde Aristoteles nie wieder mit der Erziehung von Kindern beauftragt.  

 Eine Schwäche hatte Aristoteles:  er konnte nicht still sitzen und musste dauernd umhergehen (daher die peripatetische Schule). Und er musste unablässig nachdenken.

Mein persönliches Fazit: Sokrates ist so wichtig, weil er auf sympathischste Weise feststellt, dass die Wahrheit ein hohes Gut ist und  man  kraft des Denkens sehr viel erreichen kann.


Abb. 15b : Stagira

Abb. 15c : Steine

Mit diesen romantischen Bildern der versunkenen Stadt Stagirá will ich noch weiter über Aristoteles plaudern:

Die  Bedeutung des Aristoteles ist  die eines großen Motors für die Naturwissenschaften. Trotzdem raubten Trugschlüsse ihm den Schlaf.  Zwar war seine Erde rund, die Planeten bewegten sich auf konzentrischen Schalen drum herum, von denen die äußerste Schale den Fixsternhimmel beinhaltete. Diese Schalen drehten sich, während die Erde ruhig stand. Hier hätte Aristoteles besser  seine eigenen logischen Schriften, zusammengefasst als „Organon“,  beherzigen sollen: Was ist wirklich bewiesen? Ist nicht auch das Gegenteil richtig?

Während sich Aristoteles bei der Interpretation des gestirnten Himmels, den Himmelssphären, heftig irrte, hat seine Einteilung der Biosphären bis heute Gültigkeit. Er bildet Stufen von der leblosen Natur, über Pflanzen, Tiere, bis zum Menschen, in dem er das vollkommenste Wesen sieht und zwar nicht in irgendeiner Rasse, irgendeiner Partei, sondern  ausschließlich im Menschen. Er sieht in ihm das Göttliche oder doch Gottähnliche. Dazu kommt etwas von außen, das er Seele nennt. Die Streiterei beginnt nun mit der Frage, ob Aristoteles die menschliche Seele für sterblich oder für unsterblich hält.

Eine kleine egoistische Variante fügt er noch ein: „Wer ist wohl der Mensch, dessen Seele am stärksten entwickelt, der der Gottheit am ähnlichsten ist? Natürlich  der Philosoph.“ (Für Richard Wagner ist es der Komponist, für Napoleon der Feldherr).

Interessant auch, wer die Lehren des Aristoteles bewahrt hat. Sowohl die vandalierenden   Germanen, als auch die  Kreuzfahrer, hatten keine Verwendung für ihn.  Der Islam aber hat ihn archiviert - so kam er nach Spanien zurück und mit Hilfe jüdischer Vermittler (Maimonides) gelangte er wieder ins Abendland. Also der Urvater des abendländische Wissens wurde nur durch Juden und Muslime für die Menschheit bewahrt.

<2012 habe ich meinen Mitreisenden Moni, M und R Stagira gezeigt. Es hat sich von der besten Seite gezeigt. Das Tor war offen. Ein Eintritt wurde nicht verlangt. Die Ausgrabungen sind weiter im Gange, aber es geht langsam voran.> 

Der Regen hat aufgehört, sonst hätte ich Dich/Euch mit noch mehr Philosophen genervt. Das gute Wetter bringt mich  zurück auf die Piste und mitten rein in die Realität. Vor dem Eintritt in die Chalkidike (das Ch ist das griechische chi, es wird vor den dunklen Vokalen wie "auch", "Bach" gesprochen) durchquere ich einen wunderschönen Wald, der mich glauben lässt,  ich sei in Frankreich. Dazu eine phantastische  Aussicht und natürlich  der Athos, der mich immer begleitet.  Er zeigt mir fast überall, wo ich bin. Mit dem Athos braucht man kein „Navi“ und auch keine Nachhilfe in Geometrie. 

Nach einer kleinen Halbinsel folgt der Golf von Ierissós. (Wir kommen noch zum Hauptort).

Weiter über Stratóni, einem verschlafenen  Badeort, der, ganz ungewöhnlich für Griechenland, das freie Campen erlaubt und dazu noch   die geistige Partnerstadt von Erlabrunn am Main ist.  (Erlabrunn, Main- abwärts von Würzburg gelegen, hat einen wunderschönen Baggersee. Jeder ist zum Schwimmen und Erholen eingeladen. Ich habe im heißen Sommer 2003 reichlich davon Gebrauch gemacht. (Völlig erschlagen vom Dienst habe ich im Wasser, auf dem Rücken liegend, den unterfränkischen Himmel beobachtet und an meine Fahrt durch Griechenland gedacht).

Immer mehr nähern wir uns der Basis der Athos-Halbinsel, dem Ort der fleißigen Schiffsbauern:  Ierissós, in der Antike war sein Name:  Arkanthos. Durch die kleine Bucht ein idealer Hafen. Die Einwohner sind wilde Gesellen, es herrscht ein munteres Treiben und eine ungeheure Unordnung, die mich stark an meine Werkstatt zuhause erinnert, wo zwischen allem Chaos noch der Versuchsaufbau für mein Filter-Experiment zum Strahlenschutz steht. <2012 war die handwerkliche Aktivität leider noch weiter zurückgegangen, ansonsten hat der Ort seine gute Lage nutzen können und ist beliebt.>

Aufgrund der Silbervorkommen in der Nachbarschaft waren in der Antike eigene Münzen geprägt worden,  die  in der ganzen Alten Welt im Umlauf waren und gelegentlich das taten,  was Münzen gemeinhin  tun: sie gingen verloren. Und so findet man noch heute, an den unmöglichsten Orten die Münzen mit dem Löwen, der einen Stier verschlingt. Außerdem gab es einen berühmten Arkanthoswein, der in der Antike überall „in Mode“ war.

(Mit „rheinhessisch“ kann man viele griechischen Wörter verstehen: Wein, neugriechisch: Inos, altgriechisch: Eunos, rheinhessisch: Woi.  Lt. Lexikon  heisst Wein in unseren Tagen: Krasi, also der Gemischte ist die Aussprache von der Straße.  Inos ist das gehobene "Schrift-Neugriechisch".

Noch ein Beispiel. Deutsch: einer, rheinhessisch: äner, neugriechisch: ena. -  Hier kommt schon ein Gespräch zustande, freilich nicht in einer „Hochsprache“).

Weiter geht’s über Nea   Roda, blumenreich und mit zwei Supermärkten bestückt. Vorsicht!  Ein Supermarkt ist in Griechenland etwas Teures.

Ganz in der Nähe sieht man schon, auf der anderen Seite, die schmale Landzunge der 2. großen Halbinsel „Sidonia“. Dem Istmus der Athos-Halbinsel ist die Insel  Amoliani vorgelagert. Auf diese kann man übersetzen. Es soll  sogar Menschen geben, die dorthin ihr Auto mitnehmen. Man kann angeblich sämtliche Straßen der Insel in 7 Minuten abfahren! Übrigens wurden dorthin, in früherer Zeit, die unbußfertigen Mönche verbannt (mit oder ohne Auto?). 

Die Landenge an der Basis der Athos-Halbinsel ist nur 2,5 km breit. Vor 2500 Jahren ließ der Perserkönig Xerxes hier einen Kanal ausheben und machte dadurch  Athos zur Insel.  Warum dieser gigantische Aufwand? 9 Jahre zuvor (492 v. Chr.) hatte er den größten Teil seiner Flotte beim Umsegeln von  Athos verloren. Das saß tief, sogar bei dem mächtigsten Mann der Welt. Natürlich wollte er damit auch die Griechen beeindrucken, die wiederum eine geschickte Propaganda betrieben, um ihn lächerlich zu machen.

In meinem Geschichtsbuch heißt es unter der Jahreszahl 492 v. Chr.

„Scheitern der Flotte am Athos“ - Diese Überschrift mit diesem Rhythmus hat mich in der Schulzeit in seinen Bann gezogen. "Das Scheitern der Flotte am Athos" ist für mich nicht der Beginn  strategischer und geschichtlicher Betrachtungen, sondern der Beginn einer  Liebe zur Poesie. So sitze ich jetzt am Rande einer Bodensenke, einem letzten Überbleibsel des Kanals, der ein nochmaliges „Scheitern der Flotte am Athos“ verhüten sollte. Er hat es auch verhindert, aber der König der Könige ist trotzdem am Widerstand der Griechen gescheitert. 

 

Abb. 15d: Uranapolis
Ausgangspunkt für
interessante Ausflüge mit dem Schiff

Weiter nach Uranoupoli. Hier endet die Straße an einem  "Zaun". Ich selbst habe  ihn nicht gesehen – schließlich bin ich nicht gekommen um mir Zäune  anzuschauen.

Der heilige Berg, die Mönchsrepublik, beginnt. Der Athos hat große Bedeutung für die Identität der Orthodoxie, ist eng verflochten mit der griechischen Identität, die im Freiheitskampf zu Anfang des 19. Jahrhunderts wieder konkret werden durfte.  

Der gute Kulturtourist weiß mindestens sieben Klöster vom Athos, genauso,  wie er sieben Paläste entlang  des Canal  grande (so schreibt es sich) in Venedig kennen sollte.

Zwanzig Klöster sind von der UNESCO als Kulturerbe anerkannt. Alle diese Klöster vertrauen nicht nur auf Gott, sondern auch auf die Dicke ihrer Mauern und Wehrtürme. 

Weiter mit meiner Mail von 04: Des schlechten Wetters  wegen  sitze ich immer noch in Uranopolis in der Kneipe. Hier habe ich vor 3 Tagen mit dem Schreiben begonnen. Auch die  zahllosen Wildwestfilme konnten mich nicht abhalten,  mich (und Euch) an Aristoteles zu erinnern. Zum Glück gibt es jetzt im Fernseher über mir Fußball und keine Schießerei. Allerdings ist die Fernsehgemeinde auf 93 Atoma angestiegen.

So unmittelbar am Rande der Mönchsrepublik sind die Eindrücke viel authentischer als in jedem Buch.  Gestern Abend saß ich alleine in meiner Stammkneipe gegenüber. Da   kamen 17 Mann und bestellten 17 Bier. Griechen konnten es unmöglich sein. Griechen hätten nie gleichzeitig 17Bier, sondern höchstens 8 oder 9 bestellt. Die übrigen hätten eine andere Meinung gehabt und was anderes bevorzugt. Schon aus Gründen der Individualität.

Diese Gäste stimmten den Jägerchor aus dem Freischütz an.  Was vermutet Ihr, liebe Leser? - Alles falsch. Keine Deutschen! Rumänen waren es und ihr Gesang blieb  weltlich. Die Gesellschaft wollte sich in einer Kneipe nicht als Pilger „outen“.

<2012 waren wir zu viert wieder da. Was für eine Veränderung. Ist es nur die Jahreszeit: damals April, jetzt September? Oder ist in der Stadt der Wohlstand ausgebrochen. Mindestens 10 Lokale in dem Sträßchen am Hafen. Menschengewirr auf den übrigen Straßen. Zahlreiche Souvenir-Läden. Ich konnte Uranupoli nicht mehr wiedererkennen.

Diesmal die Bootsfahrt entlang der Ostküste des Athos. Ab 10:30. 3 Stunden. Einige Erklärungen in 7 Sprachen. Man findet aber auch ein stilles Eckchen auf dem Schiff. Einige Klosterfrauen waren auch auf dem Boot. Sie dürfen auch nicht an Land - klar.- In Kürze stelle ich einige von den neueren Bildern ins Netz>

Logistisch gibt es große Probleme. Der Athos hängt am Tropf der edlen Spender(Innen?),  auch der UNESCO. Die Mönchsgemeinden sind auf Gastarbeiter angewiesen, (ich habe sie selbst gesehen), da die anfallenden  Arbeiten allein gar nicht zu  bewältigen sind. Die Frauen, die für die Mönchsrepublik arbeiten, treten nicht in Erscheinung. Wenn alle Frauen aus den Wäschereien, Schneidereien, Lebensmittelverarbeitung etc. abgezogen würden, sähe es schlecht aus für die fromme Männergesellschaft. 

Vor diesem Hintergrund ist das Festhalten an der „Klausur“, die Ablehnung der Frauen, ein historisches Residuum, ein "Werbegag" und weiter nichts.

Samstagabend. Spätestens übermorgen geht die Mail ab. 

Montag. Inzwischen habe ich die zwei weiteren  Halbinseln Sidonia   und Kassandra   umrundet,  aber ich komme mit dem Schreiben nicht nach. Kein Wunder bei den Ausflügen zu Herodot etc.

Ihr Lieben, macht Euch auf mehrere weitere Mails gefasst. Bis bald! 

 

Abb. 15f: Berg Athos

Exkurs Athos:

Inzwischen habe ich gelernt: der Athos ist ein (das) Heiligtum der gesamten Orthodoxie. Auch Russen, Serben und Rumänen kommen gerne:  Männerclubs, derart organisiert, dass die komplizierten Formalitäten schon vor der Einreise erledigt sind.  Angeblich dürfen pro Tag nur 10 nicht-orthodoxe Männer  (nach  Anhörung) den Athos betreten. Gegen Russen gibt es leichte Vorbehalte (angeblich  seien sie zu viele). 

Und Frauen dürfen sowieso nicht rein.Meine Empfindungen sind zwiespältig: Immerhin haben diese Klöster 400 Jahre Türkenherrschaft überlebt.

Ein ungeheurer Kulturschatz, diese 20 gewaltigen, aber waffenfreien Festungen. Zweifelsohne ein Stück nationaler Identität. In sich sind die Klöster durchaus gespalten. Fundamentalismus dominiert, die reine, strenge Lehre wirkt immer gut. So beschimpfen manche Klöster ihren Chef, den Patriarchen von Konstantinopel, dass  er mit dem römischen Papst – man schaudert nur daran zu denken – spricht. <2008 gab es eine Eskalation eines sochen Streits>. 

 

Abb, 15g: EInes der Klöster
auf dem Athos,
Blick über Reling
des Ausflugsschiffes

Logistisch gibt es große Probleme. Der Athos hängt am Tropf der edlen Spender(Innen?),  auch der UNESCO. Die Mönchsgemeinden sind auf Gastarbeiter angewiesen, (ich habe sie selbst gesehen), da die anfallenden  Arbeiten allein gar nicht zu  bewältigen sind. Die Frauen, die für die Mönchsrepublik arbeiten, treten nicht in Erscheinung. Wenn alle Frauen aus den Wäschereien, Schneidereien, Lebensmittelverarbeitung etc. abgezogen würden, sähe es schlecht aus für die fromme Männergesellschaft. 

Vor diesem Hintergrund ist das Festhalten an der „Klausur“, die Ablehnung der Frauen, ein historisches Residuum, ein "Werbegag" und weiter nichts.-

Samstagabend. Spätestens übermorgen geht die Mail ab. 

Montag. Inzwischen habe ich die zwei weiteren  Halbinseln Sidonia   und Kassandra   umrundet,  aber ich komme mit dem Schreiben nicht nach. Kein Wunder bei den Ausflügen zu Herodot etc.

Ihr Lieben, bis bald weitere Nachrichten

 

Abb. 15h: Griechische Küste,
Immer wieder eindrucksvoll

Das Meer ist fast überall eindrucksvoll. Welch ein Glück, dass es oft felsig ist und dadurch beschaulich bleibt. Die Menschen sind sympathisch. Ein gastliches Land.

Strand in Griechenland

Abb. 16 Kassandra; Porto Koufo

Der Regen hat aufgehört, sonst hätte ich Dich/Euch mit noch mehr Philosophen genervt. Das gute Wetter bringt mich  zurück auf die Piste und mitten rein in die Realität. Vor dem Eintritt in die Chalkidike (das Ch ist das griechische chi, es wird vor den dunklen Vokalen wie "auch", "Bach" gesprochen) durchquere ich einen wunderschönen Wald, der mich glauben lässt,  ich sei in Frankreich. Dazu eine phantastische  Aussicht und natürlich  der Athos, der mich immer begleitet.  Er zeigt mir fast überall, wo ich bin. Mit dem Athos braucht man kein „Navi“ und auch keine Nachhilfe in Geometrie. 

Nach einer kleinen Halbinsel folgt der Golf von Ierissós. (Wir kommen noch zum Hauptort).

Weiter über Stratóni, einem verschlafenen  Badeort, der, ganz ungewöhnlich für Griechenland, das freie Campen erlaubt und dazu noch   die geistige Partnerstadt von Erlabrunn am Main ist.  (Erlabrunn, Main- abwärts von Würzburg gelegen, hat einen wunderschönen Baggersee. Jeder ist zum Schwimmen und Erholen eingeladen. Ich habe im heißen Sommer 2003 reichlich davon Gebrauch gemacht. (Völlig erschlagen vom Dienst habe ich im Wasser, auf dem Rücken liegend, den unterfränkischen Himmel beobachtet und an meine Fahrt durch Griechenland gedacht).

Immer mehr nähern wir uns der Basis der Athos-Halbinsel, dem Ort der fleißigen Schiffsbauern:  Ierissós, in der Antike war sein Name:  Arkanthos. Durch die kleine Bucht ein idealer Hafen. Die Einwohner sind wilde Gesellen, es herrscht ein munteres Treiben und eine ungeheure Unordnung, die mich stark an meine Werkstatt zuhause erinnert, wo zwischen allem Chaos noch der Versuchsaufbau für mein Filter-Experiment zum Strahlenschutz steht. <2012 war die handwerkliche Aktivität leider noch weiter zurückgegangen, ansonsten hat der Ort seine gute Lage nutzen können und ist beliebt.>

Aufgrund der Silbervorkommen in der Nachbarschaft waren in der Antike eigene Münzen geprägt worden,  die  in der ganzen Alten Welt im Umlauf waren und gelegentlich das taten,  was Münzen gemeinhin  tun: sie gingen verloren. Und so findet man noch heute, an den unmöglichsten Orten die Münzen mit dem Löwen, der einen Stier verschlingt. Außerdem gab es einen berühmten Arkanthoswein, der in der Antike überall „in Mode“ war.

(Mit „rheinhessisch“ kann man viele griechischen Wörter verstehen: Wein, neugriechisch: Inos, altgriechisch: Eunos, rheinhessisch: Woi.  Lt. Lexikon  heisst Wein in unseren Tagen: Krasi, also der Gemischte ist die Aussprache von der Straße.  Inos ist das gehobene "Schrift-Neugriechisch".

Noch ein Beispiel. Deutsch: einer, rheinhessisch: äner, neugriechisch: ena. -  Hier kommt schon ein Gespräch zustande, freilich nicht in einer „Hochsprache“).

Weiter geht’s über Nea   Roda, blumenreich und mit zwei Supermärkten bestückt. Vorsicht!  Ein Supermarkt ist in Griechenland etwas Teures.

Ganz in der Nähe sieht man schon, auf der anderen Seite, die schmale Landzunge der 2. großen Halbinsel „Sidonia“. Dem Istmus der Athos-Halbinsel ist die Insel  Amoliani vorgelagert. Auf diese kann man übersetzen. Es soll  sogar Menschen geben, die dorthin ihr Auto mitnehmen. Man kann angeblich sämtliche Straßen der Insel in 7 Minuten abfahren! Übrigens wurden dorthin, in früherer Zeit, die unbußfertigen Mönche verbannt (mit oder ohne Auto?). 

Die Landenge an der Basis der Athos-Halbinsel ist nur 2,5 km breit. Vor 2500 Jahren ließ der Perserkönig Xerxes hier einen Kanal ausheben und machte dadurch  Athos zur Insel.  Warum dieser gigantische Aufwand? 9 Jahre zuvor (492 v. Chr.) hatte er den größten Teil seiner Flotte beim Umsegeln von  Athos verloren. Das saß tief, sogar bei dem mächtigsten Mann der Welt. Natürlich wollte er damit auch die Griechen beeindrucken, die wiederum eine geschickte Propaganda betrieben, um ihn lächerlich zu machen.

In meinem Geschichtsbuch heißt es unter der Jahreszahl 492 v. Chr.

Scheitern der Flotte am Athos“ - Diese Überschrift mit diesem Rhythmus hat mich in der Schulzeit in seinen Bann gezogen. "Das Scheitern der Flotte am Athos" ist für mich nicht der Beginn  strategischer und geschichtlicher Betrachtungen, sondern der Beginn einer  Liebe zur Poesie. So sitze ich jetzt am Rande einer Bodensenke, einem letzten Überbleibsel des Kanals, der ein nochmaliges „Scheitern der Flotte am Athos“ verhüten sollte. Er hat es auch verhindert, aber der König der Könige ist trotzdem am Widerstand der Griechen gescheitert.

 

 Der zweite Finger der Chalkidiki

Nach den bisher abenteuerlichen Schreib-Bedingungen treffe ich es jetzt besser. Ich sitze in Athen, in der bei den Einheimischen beliebten Themistokeou-Straße, und es ist nirgendwo in der Stadt so leise wie hier. Nicht einmal ein einziger Presslufthammer! Alles lief sehr gut, bis auf einen Zahn, den ich mir gestern fachkundig  aufbohren  lassen musste.

Zurück zum noch fehlenden Teil der Runde - die Beschreibung ist noch lange nicht nicht in Athenangekommen: Die Reise führt erst um Sithonía, den 2. Finger der Chalkidiki. Vorher muss man um den Golf bis Hormo Panagias herumkommen. Das ist schwierig. Ich habe einen kleinen „Umweg durchs Gebirge“ genommen, einschließlich Schotterstraße. Schotter ist „euphemistisch“. Es sind überwiegend Löcher. Es kann aber auch eine solche Unterspülung der Straße vorkommen, die dann den Rückwärtsgang erzwingt.

Übrigens ist der Name gut zu verstehen: „Hormos“ hat immer etwas mit Anker zu tun, siehe „Palermo“. - „Panagias“, das spricht für die Heiligen ; heilig wie bei der „Hagia Sophia“.

Von dort bis vor Sarti ist die Küste der Sithonía    wirklich wild und sehr malerisch. Gewaltige Felsbrocken zwischen bizarren Nadelhölzern. Ich habe mehrfach den Strand angesteuert und auch einige Campingplätze beäugt. Stets ist die Küste zwar felsig zerklüftet, aber immer wieder mit heimeligen Buchten und etwas Sand gesegnet. Das Schönste ist der Ausblick auf die Berge im Hinterland. Diese obere Westküste der Sithonia bringt alles, was man sich wünschen kann. Manchmal liegt alles im Dunst, fast wie eine chinesische Landschaft.  Während des Winters sind überall viele Felsbrocken auf die Straße gefallen. Bei uns hätte man die Straße gesperrt. Man müsste gut die Hälfte von Griechenland sperren. Außerdem sind die Kanaldeckel und die quer verlaufenden Abwassergitter Killer für die Fahrzeugachsen.

< bei der Fahrt 2010 6 Jahre später haben sich die Straßen sehr verbessert, was man neidlos zugeben muss.>

Sárti kann man getrost vergessen, die Schönheit der Westküste ist vorbei. Lediglich der einprägsame Blick hinüber nach Westen zum „heiligen“ Berg Athos bleibt in Erinnerung.

Das ist so interessant an Griechenland: Man orientiert sich so gut (mit gewissen Ausnahmen). Wenn das Wetter ganz toll wäre, könnte man weit draußen auf dem Meer die Insel Limnos sehen.

Ausgelassen habe ich den Abstecher ins Landesinnere nach Sikiá, den französische Touristen sehr empfohlen haben: Alles sei dort aus dem 19. Jahrhundert erhalten, viel älter sogar sei die dem Athanasios gewidmete Dorfkirche mit einer mächtigen Ikonostase.

Den südlichsten Zipfel der Halbinsel schneidet die Straße ab, es geht über Berge: mächtige Aussicht, drohendes Gewitter. Tolles Fotomotiv, doch mein Apparat spielt verrückt und will kein „Tele“ machen. Die Zukunft gehört der digitalen Fotografie.

Am Zipfel von Sithonia - schon mit Blick nach Westen - liegt Porto Kufó, ein natürliches Hafenbecken, umgeben von steilen Felswänden. Es ist ganz leise in diesem idealen Naturhafen. Der Name bedeutet auch etwas wie "taub". Ein Paradies für Taucher wegen der zahlreichen Wracks auf dem Meeresgrund.

Am Südzipfel war die Landschaft „heroisch“, jetzt wird es wieder lieblich: Porto Karas.

Der Reeder Karas hat 1970 einen wenig geschmackvollen Hotelkomplex errichtet. Es gibt alles: vom Spielkasino über Golfplatz, Hubschrauberlandeplatz, bis zum Wachdienst - der keine bemalten Autos reinlassen darf - und auch einen berühmten Weinkeller. Der ist interessant für jemanden, der an das Weinkauderwelsch glaubt.Die G7-Staaten haben auch schon dort getagt; die Hotels sollen aber nun leicht heruntergekommen sein. Auch bei einem Tankerkönig bleibt eine aufgegebene Siedlung aus Fertigelementen einfach liegen und verrottet.

In der Nachbarschaft liegt ein größeres Städtchen, Nea Marmarás, eine mittelalterliche Burg und eine antike Stadt, die im Meer versunken sein soll. Eine Gaumenspezialität sind Röllchen mit Schafskäse, also so eine Art Pfannkuchen, dies es auch als süße Variante mit Pudding und Zucker gibt.

Die ganze Chalkidike hat die Form eines Dreizacks. Leider ist die Sage mit dem Dreizack des Meeresgottes Poseidon nicht ganz aus der Luft gegriffen. Ist es ein böses Omen? Es gibt tatsächlich schlimme Erdbeben, ein solches hat 1957 das Bergdorf Parthenónas verwüstet. Das Dorf wird zum Teil wieder stilvoll hergerichtet und der erzwungene Dornröschen-Schlaf zieht Ausflügler aus aller Welt an.

Das nächste Dörfchen ist nach dem heiligen Georg - der hier natürlich ganz stark im Geschäft ist - benannt; die Felslandschaft ist wieder wild heroisch. Eine nette Begegnung am Rande: Von einer griechisch-estnischen Parkplatz-Bekanntschaft wurde ich mit einem roten Osterei beschenkt.

Insgesamt: die obere (nördliche, basisnahe) Sithonia ist sehr schön, mit mehr Wald als bisher.

Um den Golf herum zum nächsten Zipfel (der Kassandra) ist es relativ langweilig. Ich übernachte nahe Polygyros, führte vorher recht interessante „vorsokratische Dialoge“ in der Wirtschaft.

Es ist schwierig, Unterkunft zu finden, weil fast alle Hotels geschlossen sind. Es wäre vernünftig gewesen, ein kleines Zelt dabei zu haben. In meinem Auto war es jedenfalls unbequem.

Auch Privatleute rechnen noch nicht mit einem einsamen Touristen. Das führt dazu, dass ich schon mehrfach nach dem Weg gefragt wurde. Ich antworte auf Griechisch,  etwa so: „nix verstehen, selbes Problem, erstes Tag Ellada, schön wir darüber sprechen“.                                                                         Nur die Wohnmobile tröpfeln bereits über die Berge. Sie sind die Vorreiter und jetzt die Könige: Über ungeheizte Zimmer können sie nur lachen. Ihre Aufmerksamkeit ist allerdings absorbiert von der für sie lebensnotwendigen Frage: Wo kann ich frisches Wasser zapfen?

Vor Kassandra passiert man noch Olynthos. Wieder eine Kolonie nach Rastergrundriss (der Städteplaner ist Hippodamos, wieder einmal eine von Philip II. zerstörte Stadt. Er muss übel gewütet haben, um die Griechen fügsam zu machen).

Die nächste (Halb-)Insel Kassándra wird durch den 1,2 km langen Kanal von Potídea vom Festland abgeschnitten. So wird sie zur Insel. Genauso wie in historischer Zeit der Perserkönig den Athos abgetrennt hat. Sie gilt - ich glaube zu Unrecht - als Neckermann-Insel. Bemerkenswert ist die Fülle von Leuchtreklamen nahe dem Städtchen Kallithea. Das ist zwar nicht schön, zeigt uns aber, dass die Kassandra als Naherholungsgebiet (von Thessaloniki) touristisch gut erschlossen ist.

Auch auf Kassandra sind die felsumrahmten Buchten eindrucksvoll. Bei dem niedrigen Buschwerk ist die Brandgefahr überall sehr hoch.Bekannt ist das Bergdorf Paraskeui. Dort beginnt ein Wanderweg, der Kassandrahöhenweg.<seither sind weitere und gute Wanderwege angelegt worden>

Eine vollständige Rundfahrt um Kassandra ist  - wieder einmal - nicht möglich. Sehr gut hat mir, an der Ostküste auf halber Höhe, die Campingregion Paliouri gefallen: eine Landzunge zwischen Meer und einer Lagune, auf der eine dichte buschige Vegetation wächst. Sehenswert auch der Blick auf die Nachbar-Halbinsel Sithonia mit der Porto Karas vorgelagerten markanten Insel.

An der Südspitze dr Kassándra ein längerer Schotterausflug über Berg und Tal zu einem malerischen Kirchlein am Cap (im Zweifelsfall: St. Nikolaus): darin ca. 50 recht schöne Ikonen - völlig unbewacht. Hoffentlich packt sich kein Vandale das Auto voll! Wir müssen verstehen, dass die Ikonen in der Orthodoxie etwas anderes sind als Bildwerke bei uns. Sie stellen nicht nur Heiliges dar, sie sind etwas Heiliges, was weit über das „Bild“ hinausgeht. Ikonen genießen in diesem Kulturraum Respekt und Verehrung, ungewöhnlich, dass man sie stehlen würde.

Dieser Ausflug durch die „Wildnis des Südens“ war das Interessanteste an Kassandra. Leider kann man solche Abstecher nicht oft machen. Die Wege neigen dazu, sich derart zu verschlechtern, dass der kluge Chauffeur umkehrt. 

Abb. 16a : Triumphbogen des Galerius

Abb. 16b: Thessaloniki, unterhalb der Burg

4. Mail

In diesem Abschnitt wurde ich mein Konzept leid, der Küste zu folgen. Die Straßenränder sind durch tote Hunde markiert. Öfters schläft auch mal ein Hund auf dem Asphalt. Sie sind fatalistisch, sie halten sich nicht für unersetzbar.       Es gibt nur noch Müllplätze, dazwischen Hasenställe, Kitsch und Schrott. Irgendwann ist genug. Keine Apollo-Küste, sondern die Küste der Hühner- und Ziegenställe. Es gilt das ungeschriebene Gesetz, dass Ziegenställe nur aus Material vom Sperrmüll gebaut werden dürfen.

Aus meinen Zeilen ist eine leichte Abneigung gegen diese Strecke entlang des Golfs von Thessaloniki herauszuhören. Die Autobahn („Dromos aphtokinetou“) kürzte mir den Weg ab.

Schließlich bin ich in Peraia - gerade gegenüber dem Hafen von Thessaloniki - gelandet. Man sieht die großen Schiffe ein- und auslaufen. Meistens läuft auch Öl aus.

Die 10 Hunde vor meinem Hotel machten sich Gedanken über den Fortbestand ihrer Art. Touristisch gibt es nichts, lediglich viele Internet-Cafés, wo sich die Dorfjugend bei Computer-Spielen die Seele aus dem Leib schreit. Solches Geschrei brach auch los, als Miltiades bei Marathon das unendlich große Heer des Perserkönigs angriff. Doch davon später.

Heute war ich ohne Auto in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt  <iframe style="height: 250px; width: 100%;" class="editorIframe" src="javascript:void(0);"></iframe> Griechenlands. Sie hat mich sehr überrascht.

  Bis 1000 n. Chr. war Thessaloniki eine wichtige christliche Stadt und die zweitwichtigste im Byzantinischen Reich.Byzanz war schließlich ein großes Reich und die Fortsetzung des Römischen Reiches, nachdem West-Rom untergegangen war.

Dann haben Markomannen, Franken und Venezianer auch diesem Tessaloniki übel zugesetzt. Diese Völkerschaften auseinander zu halten ist wirklich schwierig. Man muss es sich so vorstellen:Nach der Eroberung von Konstantinopel durch die Kreuzfahrer 1204 (Stichwort „Wahnsinn“) wurden große Teile Griechenlands abhängig von westlichen Adelshäusern. Besonders die Villehardouin-Familie hat auf der Peloponnes ihre Burgen hinterlassen, zum Beispiel Mystras.Die Venetianer folgten im Schlepptau dieser „Franken“. Die Republik Venedig hat in Heraklion auf Kreta, Methioni, Koroni, Nafplio, Akrokorinth, Monemvasia und an vielen weiteren Orten Burgen gebaut.

Also das oströmische Reich wurde nach dem Jahre 1000 vielfach schwer geschwächt. Dann kam 1430 Sultan Murat II. Er eroberte Konstantinopel, viele Kirchen wurden Moscheen, nachdem vorher aus römischen Gebäuden Kirchen geworden waren.1430 war aus christlichem Standpunkt der vorweggenommene Weltuntergang, verschuldet durch Borniertheit, Dummheit und Verrat. Gelernt hat man aus 1430 nicht. Sonst hätten sich die christlichen Parteien nicht in der Reformation weiter gegenseitig niedergemacht. (obwohl die Türken mitten in Europa standen). Anscheinend ist die Geschichte nicht zum Lernen da.

Schicksalsschläge im 20. Jahrhundert waren

-  ein Großfeuer 1917,                                                                                            - schon mehrfach erwähnt 1923, als 1,6 Millionen Griechen aus Kleinasien nach Griechenland umgesiedelt wurden,                                                                       - und während der deutschen Besatzung die Deportation der Juden aus Thessaloniki.       

Wahrzeichen der Stadt Thessaloniki ist ein gewaltiger „Weißer Turm“, Teil der mächtigen Befestigungsanlage. Warum weiß? Ein Sultan hat ihn tünchen lassen, um eine üble Erinnerung vergessen zu machen. Fragt man nach Leukos - ich dachte an Leukoplast -  versteht es keiner. „Lefkos“ ist verständlich.

Dann gibt es einen römischen Triumphbogen eines Kaisers Galerius mit eindrucksvoll erhaltenen Reliefs. Und vor allem die großartige Rotunde: ein römisches Mausoleum, umfunktioniert zur Kirche (Georgskirche), dann Moschee, die ein Minarett erhielt, und erst 1912 kamen die Christen zurück und schlugen ausnahmsweise das Minarett nicht klein. Der Eindruck der Rotunde ist so intensiv wie der des Pantheon in Rom oder der Hagia Sophia in Konstantinopel. Über das Pantheon habe ich etwas geschrieben bei den Gedanken über eine Reise meines Großvaters nach Rom 1929.

Aufstieg zur Burg: 7 Türme = Hepta Pyrgi.Eine komplexe Festungsanlage von der noch überraschend viel vorhanden ist. Von dort eine gute Aussicht auf Stadt und Meer.

Es gibt viele und wertvolle Kirchen, reich geschmückt mit ehrwürdigen Ikonen und Mosaiken, z. B. in der Oberstadt Ossios David die Visionen des Propheten Ezechiel.In der Unterstadt dann auch preziöse byzantinischen Kirchen. Am meisten hat mich die Agia Sophia (siehe unten ein Bild aus dem Inneren) beeindruckt, teils Kuppel, teils Basilika mit phantastischen Bildwerken, wie sie sicher in Ravenna und im Markusdom in Venedig nicht schöner sind: die Madonna - Heilige der Heiligen - im tiefroten Gewand in der Apsis, die zwölf Apostel in der Kuppel verrenken sich die Köpfe, um die Himmelfahrt Christi nicht zu verpassen.

Noch keine zehn Jahre alt ist das Museum für byzantinische Kultur, welches zusätzlich zum großen archäologischen Museum entstanden ist. Die zeitliche Trennung beider Museen ist ca das Ende des weströmischen Reiches.

Eine schöne Stadt. Schade, dass es unablässig geschüttet hat. Nicht-Sommer bedeutet anscheinend Regen. So wie heute hat es wahrscheinlich auch geregnet, als der Apostel Paulus hier die zweite Gemeinde auf europäischem Boden gründete.< 2012 waren wir wieder eine halben Tag da. Wieder der Regen, aber wieder ein großartiger Eindruck.>

Am nächsten Morgen habe ich mich trotz Dauerregens mit dem Bus zum Flughafen durchgekämpft. Ich ertrage Regen, Kälte, langweilige Speisekarten ganz gut, nur bei Federungsproblemen mit dem Auto werde ich hysterisch. So hatte ich mein Auto (Clio) vorgestern zurückgegeben und holte heute einen Twingo.

In Griechenland gibt es nur 2 Fremdwörter.Eines ist „Parking“, in griechischen Buchstaben, unwahrscheinlich kompliziert geschrieben.  Das zweite ist französischen Ursprungs: „Frappee“. Man bekommt - eine kleine Sensation: Kaffee gänzlich ohne Satz, er enthält Milch, Zucker und Eiswürfel. Was da frappiert ist, bleibt ein Geheimnis. Ich vermute: Kaffee-Pulver in Wasser. Immer noch bei Dauerregen gönne ich mir einen solchen Frappee zum Aufbruch.

<das war natürlich eine saudumme Darstellung. Heute 1012 werde ich das in Kürze etwas vernünftiger erklären>

Die Ausfahrt zur Nr. 1 Richtung Athen war eine echte Katastrophe. Laster vor, neben und hinter mir, stop and go auf 10 km. Ich hätte mich nicht getraut, durch die 30 cm tiefen Pfützen zu fahren, hätten andere es nicht vorgemacht.  

Abb. 16c: Thessaloniki,
Hagia Sophia

Abb. 17 Tessaloniki; die Rotunde; antike Baukunst; vom römischen Mausoleum zur Moschee und zur Kirche. Ein Vorgeschmack auf den nächsten Bericht

Abb. 17 Tessaloniki; antike Baukunst; vom römischen
Mausoleum zur Moschee und zur Kirche

Kunstwerke im Ausland:„Stehlen“ erinnert mich an das 19. Jahrhundert:

Lord Byron hat voll Zorn über seinen Landsmann Lord Elgin an die Akropolis geschrieben: „Quod non fecerunt Gothi, faciunt Scoti.“Sinngemäß: Was die Vandalen nicht zerschlagen haben, schaffen die Briten fort.Die offizielle griechische Nomenklatur von heute beurteilt die Rolle der Engländer vorsichtig, aber zweideutig: „Elgins Agents“ ließen die Trümmer liegen, wenn etwas beim Transport kaputt ging, es gab ja genug. Die vorsichtige Beurteilung kommt daher, dass England viel zum Gelingen des griechischen Freiheitskampfes beigetragen hat.

Der Weg geht weiter am Golf von Thessaloniki nach Kalikratia. Weiter im Landesinneren sind die bekannten Petralonahöhlen, Tropfsteinhöhlen mit Tier- und Menschenfunden Ich war nicht dort. Sie wären zu dieser Jahreszeit nicht offen gewesen.