Krka, benannt nach dem gleichnamigen Fluss

Abb.35: Alberobello,
Zentrum der Trulli, hier das ehemalige
Trulli-Kloster

Insgesamt ist der ganze Stiefelabsatz = die Halbinsel Salentina = die
Region Puglia eher touristisch unerschlossen. Das macht diese Region ganz besonders interessant.

Bari ist das wohlhabende Zentrum Apuliens (=Puglia). Es wirkt an einigen
Ecken etwas arabisch. Für uns brachte es Stress durch dichtes Verkehrsgewühl.
Der Heilige Nikolaus wird hier verehrt, er soll hier gestorben sein. Er ist sozusagen der Sozial-Minister der Kirche.
Seine Statue wird an seinem Fest aufs Meer hinausgefahren.
Von Bari aus kann man schöne Seereisen machen:
nach Venedig und zwar über Nacht, in sieben Stunden nach Dubrovnik, nach Korfu-Igumenitsa in ca. 12 Stunden, und  von dort kann man nach Piraeus weiterfahren.

Nach Griechenland hinüber geht es von Bari vor allem für uns "Nordlichter" schneller über das südlichere Brindisi.

Dieses haben wir ausgelassen. Es ist auch heute noch
ein sicherer Naturhafen,  der wichtigste für den Übergang in den Orient.
Eine 19 Meter hohe Marmorsäule markiert das Ende der von Rom über
Tarent hierher führenden Via Appia. Am westlichen Hafenarm steht das
Castello Suevo, das Schwabenkastell. Unser schon bekannter Kaiser
Friedrich II. ist dieser Schwabe (bei unsw ein Staufer), obwohl er nur einmal in Deutschland war.
Dort hat er aber seine Gegner überzeugt und wurde in Aachen zum Kaiser
gekrönt. Er hatte dadurch auch in den deutschen Landen Pflichten zu erfüllen, so musste er in deutschen Angelegenheiten Recht sprechen.
Vieles hat er in seinem europäischen Reich weise und engagiert gelöst.

Doch zunächst sind wir noch weiter nördlich.
Wenn man von Bari, noch vor Monopoli, einen Abstecher nach Süden
(Richtung Tarent) macht, kommt man mitten hinein in das Gebiet der Trulli. Eine urzeitliche Bauform, die so garnicht in die Perfektion des römischen Reiches zu passen scheint. Gerade deshalb ein interessantes Phänomen.
Dieses Gebiet stellt man sich viel kleiner vor. Es ist kein lokales Kuriosum,
sondern  auf eine  größeren Region (geschätzt 100 x 100
Kilometer!) ausgedehnt. Sicher gibt es 50.000 Trulli. Eine ganze Stadt aus 1000 Trulli ist
Alberobello.
Es gibt berühmte und unbekannte, solche, die auf den Feldern verstreut
sind, solche, die nur als Unterstände genutzt werden oder solide
Wohnhäuser bilden.

Auf dem Weg über Polignano besuchen wir noch in Castellana, nicht weit
von Alberobello, eine der größten Tropfsteinhöhlen Europas (eine von diesen sind die im letzten Beitrag genannten Adelsberger Grotten in Slowenien).

Die erste Höhle ist die eindrucksvollste. Geschätzte 100 Meter ist die Felskuppel hoch und lässt über eine Öffnung das Tageslicht hinab. Die Fledermäuse huschen durch diesen halbdunklen gigantischen Dom.

In Alberobello übernachten wir sehr nett. Nicht in einem Trullo, wie geplant,
aber immerhin in den hohen Räumen eines ehemaligen Klosters einer Trullo-
Kirche. Ein Restaurant ist nahe und exzellent, wir sind die einzigen Gäste.
Auf der touristischen Trullistraße im Zentrum des Ortes wurde es  ein
bisschen ungemütlich, so viele Händler wollten uns ihre „Grenzfälle"
aufschwätzen. Das ist eher ungewöhnlich.

Weiter über Locorotondo und Cisternino, das von sich behauptet, es sei eines
der schönsten Borghi,

Ostrumi (sehr malerisch mit kleinen
„Hintenrumsträßle" und Gärtle, Trauben in Fülle, Trulli noch und noch), nach

San Vito dei Normanni. Dort bleiben wir im Wolkenbruch stecken.
Mesagne: Auch hier kommt der Regen in voluminösen Schüben, am Hotel
dei Capucini warten wir ab, bis die Überschwemmung der Straße besser
wird.
San Donaci: Die Oliven- und Mandelbäume rechts und links von unserer
Straße stehen inzwischen tief im Wasser. In Italien zeigt niemand so schnell
Panik. Unser Bild vom  gelegentlich theatralischen
Südländer ist einseitig.
– Diese Regenfront sollte sich noch intensivieren: Acht Wochen nach unserer Fahrt, also schon richtig im Herbst, gab es in dieser Region ein ganz verheerendes Unwetter. –

In Apulien konzentriert sich das touristische Interesse auf drei große Städte:
Brindisi, Lecce und Tarent. Das ist etwas einseitig. Was nicht heißen soll,
dass insbesondere Lecce nicht sehr sehenswert wäre und nicht sogar eine
Überraschung darstellt: Lecce liegt mittendrin in der Ferse des Stiefels und
wird das „Florenz des Barocks" genannt. Viele barocke Kirchen, aber auch
 barocke Profanbauten. Die Porta Napoli ist ein 1548 für Karl V.
errichteter Triumphbogen. Daneben findet sich auch ein römisches Amphitheater und ein Kastell.

An Restaurierungsarbeit wäre viel zu tun, das liegt auch an dem
sehr empfindlichen, goldgelben Sandstein.
Weiter geht es mehrere Kilometer auf schnurgerader Römerstraße zum
Meer. Dort, in Cataldo, liegt ein kleines Naturreservat. Bald kommt an der
Küste Torre dell Orso, da bleiben wir in einem als B+B avisierten Haus.
Etwas eng, aber Meeresblick der besonderen Art: Man sieht albanische
Berge am Horizont! Und unser Auto steht im Schatten unter einem
Feigenbaum.
Der Dauerregen ängstigt uns etwas, nicht die Italiener. Nach 100 Metern
gelangt man von unserer Unterkunft zur felsigen Steilküste und wie auf
Bestellung ragt ein wunderbarer natürlicher Arcus in das tobenden Meer.
Das nächste Örtchen ist zwei bis drei Kilometer entfernt. Wir erreichen es durch Felder, Pinien und Felsen. Es gibt dort einen langen Sandstrand. Abräumarbeiten sind im Gange. Sogar einen alten quadratischen Wachturm hat man zur Hälfte abgetragen, das bringt ihn nicht zum Einsturz, weil er sowieso fast gänzlich aus Stein besteht.
Wir bleiben zwei Tage. Wären wir doch öfter so vernünftig gewesen. Dann
der Aufbruch entlang der weiterhin schönen Küstenstraße.
 

Seen und Sümpfe im wunderschönen Nationalpark

Abb.36: Otranto am Cap,
östlichster Punkt Italiens, alte Basilika

Otranto am Kap, der östlichste Punkt Italiens. Die ganze Stadt ist barock
befestigt. Also sehr wuchtig, funktionell,  sicher vor Beschuss,  entsprechend der Funktion „abweisend". Eine kanadische Radwanderergruppe bekommt jeden Tag zusätzlich zum Dauertraining etwas Kultur verordnet. Solche Reisepläne sind großartig. Nicht immer nur Sand und Bitburger.  

Abb.37: Die frühromanische Krypta, fast ein Mini-Cordoba

Der alte Dom (Basilika) ist höchst wertvoll. Wunderbare frühromanische
Krypta, fast ein Mini-Cordoba. Die zahlreichen Säulen Jahrhunderte vor
dem Bau im Römischen Reich gefertigt und aus allen Himmelsrichtungen
zusammengesammelt. Im Boden der Kirche ausgedehnte frühe Mosaike mit
sehr konkreter Information: die nackten Menschen im Paradies. An der
Arche Noah wird richtig gesägt und mit dem Beil gearbeitet. Alles soweit es die Künstler kannten , ist sehr sachlich und plastisch. Bei Elefanten und
Fabeltieren mussten sie ihre Phantasie bemühen.  

Krka Nationalpark

Abb.38: Vor der Südspitze der
Puglia liegt Gagliano del Capo

Auch der weitere Weg von diesem östlichsten Punkt Italiens nach Süden
ist sehr schön. Wegen der exponierten Lage horchen viele Radarohren tief in
den Raum über Adria und Balkan. Wahrscheinlich ist die Bedeutung der Empfangsantennen zurückgegangen. Die Straße liegt rund 50 Meter oberhalb des Meeres. Die Landschaft ist überwiegend karg, nur ab und zu ein Äckerchen, ein Wäldchen. Ausnahmsweise sind hier mal zwei runde Wachtürme (Torre
Minervo) am Meer zu finden. Näheres, was der Unterschied zu den vielen
quadratischen Burgen ist, weiß ich nicht. Vielleicht finden wir es raus.

Cesarea Terme hat einen orientalisch wirkenden Kuppelbau –
wahrscheinlich neueren Datums – und einen regelrechten Kurbetrieb.
Politessen regeln den Verkehr. Hier gibt es eine andere Form von Trulli. Sie
sind nicht bekannt und nach unserer Beobachtung nicht bewohnt. Die
Mauern verlaufen schräg, also ein Kegel, der auf dem Boden sitzt. Aber die
Spitze ist durch ein flaches Gewölbe abgestumpft. Letzteres kann die
Außenmauern nicht auseinander drücken, da sie so stark nach innen geneigt
sind. Es ist offenbar der „südpulische Spezialtrullo".
In Castro werden wir umgeleitet, die Burg, ewig breit und tief, wie ein
wehrhafter Kasten, erinnerte uns an Zeilitzheim in Franken.
Unmittelbar vor der Südspitze der Puglia liegt Gagliano del Capo: eine
wunderbare Badebucht. Hoch oben von der Straße schaut man zwischen
den Felsen in das smaragdgrüne Wasser, was von brav rudernden
Schwimmern besiedelt ist. Wir wurden - wie so oft -  aufmerksam, weil andere
gebannt von der Brücke runterschauten. 

Krka Nationalpark

Abb.39:: Wunderbare Badebucht
bei Gagliano del Capo

Am südlichsten Punkt liegt Leuca. Ich vermerke in den Notizen, dass das Kloster "etwas Trostloses" habe. Der Eindruck war nicht so einprägend, dass ich mich
erinnere. Die Häuser der Stadt sind sehr repräsentativ.  

Primošten

Abb.40: Vom südlichsten Punkt der Puglia,
Leuca, ist Gallipoli nicht mehr weit.
Leider ist das markante Castello nicht erfasst

Da wir jetzt die gesamte Adria abgewickelt haben, ist es Zeit für eine
Rückrufaktion: Zeit zu verharren und ein bisschen Kultur und
Kulturgeschichte nachzulesen und aufzufrischen:
Ein Vorteil von Italien – im Vergleich zu Griechenland – ist die erheblich
einfachere Sprache. Man kann die Italiener bedauern, was sie sprachlich von
den Touristen vorgesetzt bekommen. Man sollte soweit kommen, dass ... ich
lösche lieber, ganz kleinlaut, die ursprünglichen Ziele.
 

Primošten

Abb.41: Kirchturm in Gallipoli

Die italienische Kultur ist dem regelmäßigen Besucher des
Mainfrankentheaters besonders durch die Werke des fleißigen Maestro
Verdi vertraut. Dieser Herr Grün und der schon zitierte Dostojewski mochten
übrigens Schiller(n) sehr.
Eine knappe Generation älter als Verdi ist Rossini (mit seinem Barbier von
Sevilla und Wilhelm Tell).
Eine satte Generation jünger als Verdi ist Puccini. Ich kann mir gut merken:
Tosca komponiert 1900, spielt 1800.
Kommt noch Leoncavallo (mit seinem Bajazzo).
Mir gefällt an den italienischen Opern, dass auch der Mensch, der daneben
gelangt hat (La Traviata) nicht verdammt wird.


Gehen wir weiter zurück:
Allen gut bekannt sind die großen Maler und Bildhauer der Renaissance.
Es muss eine gewaltige Zeit gewesen sein, als man das ungeheuer
Mystische der Gotik zu überwinden suchte. Nicht nur tiefste Frömmigkeit kennzeichnete die Gotik, auch eine tiefe Depression, da die alten Träume von einem Reich und einer christlichen Kirche zerbrochen waren.

-

Trogir (griechische Gründung)

Abb.42: Fassade im üppigen
Licht der „Hahnenstadt“

In der Renaissance hat man den neuen Menschen gesucht. Einen, der nicht
nur von der Kirche definiert wird. Kennzeichen der Renaissance waren
Ausgewogenheit und Ruhe.
Nach einer weiteren schlimmen Enttäuschung (Dreißigjähriger Krieg) kam
die Barockzeit und mit ihr in der Kunst ein Element der Lebhaftigkeit und
Bewegtheit hinzu.

Einige Namen: Michelangelo (1475-1564) war jung, als man Jahreszahlen
mit 14.. schrieb, reif und kreativ bei den Jahreszahlen mit 15.. .

(Nie kapiere ich ohne Nachdenken die Zählung der Jahrhunderte:
Michelangelo ist im 15. Jahrhundert geboren. Die Italiener machen es sich in
zweierlei Hinsicht viel einfacher: sie sagen sehr genial quadrocento. Also "4
und noch was". Sie sagen nicht millequadrocento. Nein: quadrocento!!!
Dazu vermeiden sie diese Schwierigkeit mit 15. Jahrhundert = 14.. .)

Michelangelo hat Calvin, Luther und Zwingli erlebt, allerdings im Dienste von
deren Gegenspieler, dem Papst, gestanden. Er hat die Kuppel des
Petersdoms (nach der Vorarbeit von Bramante) gebaut, seine berühmten,
programmatischen Bildwerke aus dem Marmor „befreit" und die Sixtinische
Kapelle ausgemalt. Daneben hat er noch gedichtet. Sogar dem fleißigen
Goethe erschien das reichlich viel.

Altersgenossen von Michelangelo sind
Tizian, für mich als Maler der Größte, und
Rafael, ebenfalls ein Altersgenosse, er durfte nicht so alt werden wie seine
Kollegen (1483-1520).

Ein Vorgänger, der diese „Neugeburt" Renaissance vorbereitet und
vorgeahnt hat, ist Giotto. Er, der Gotiker, ist vier Generationen vorher (1266-
1337) der große Vordenker. Der hat uns bereits in Padua beeindruckt.
Von Giotto aus gesehen nur eine Generation später lebte Bellini (1400-
1471), der Begründer der venezianischen Malschule, der geistige Vater von
Veronese.

Architektonisch war Brunelleschi der Vorarbeiter der Renaissance. Bis 1446
hat er unter vielen anderen die Domkuppel in Florenz gebaut, ein Zeichen
perfekter Ingenieurskunst, aber auch eine Rückbesinnung auf das Römische
und seine Baukunst.
Baumeister müssen mit B anfangen (Bramante kennen wir schon). Im
Barock: Bernini (Petersplatz in Rom) und Borromini, beide haben sich nicht
geliebt, sondern bekämpft.  

Trogir (griechische Gründung), Blick vom Turm der Kathedrale

Abb.43: Gassen von Gallipoli,
einer ursprünglich griechischen Gründung

Unsere kleine Kunstgeschichte macht einen großen Sprung ins Altertum:
Ein besonderer Kunstschatz in Italien ist das Vermächtnis der Etrusker. Zu
wenig bekannt sind die charakteristischen Dorfanlagen im Norden von Rom,
auch Orvieto und Florenz gehört zu den etruskischen Siedlungen. Man kann
das Auge schulen, eine etruskische Stadtanlage zu erkennen. Am besten
erhalten sind ihre merkwürdigen, teilweise mit Fresken geschmückten
Nekropolen.
Einige etruskische Bildwerke sind weltberühmt: so die kapitolinische Wölfin
in Rom, das ist ein Etruskerwerk. Der starke Einfluss von Griechenland her
ist deutlich.
Es wimmelt an Italiens Küsten von griechischen Kolonien. Oft sind die
Namen erhalten geblieben: Napoli, Palermo, Cumae, Metaponto, Gallipoli.
Mir drängt sich immer wieder die griechische Schreibweise auf, deshalb
schreibe ich häufig K statt C..... Die griechischen Bauten sind vorwiegend in
Sizilien erhalten geblieben und zwar weit mehr, als im Mutterland.
Auf dem italienischen Festland gibt es wenigstens das eindrucksvolle
Heiligtum des Poseidon (Paestum).
Viele griechische Kostbarkeiten sind im Nationalmuseum in Neapel.

Die Archäologie liefert überall Einblicke in vergangene Zeiten. Ein
Experiment der Superlative ist in Pompeji entstanden. Durch den
Vulkanausbruch wurde eine Momentaufnahme klassischer römischer Zeit in
Stein und Asche konserviert.
Am faszinierendsten ist für mich die außerordentlich ästhetische,
liebenswürdige Malerei. Es ist seither wenig hinzugekommen.
Das berühmteste Bronzestandbild aus römischer Zeit ist das
Reiterstandbild des Marc Aurel in Rom und die beiden Plastiken in Reggio
di Calabria.  

Trogir, Blick vom Eingang der Kathedrale

Abb.44: Der Maler Rottmann zeigt
uns im Schatten des famosen Felsen
von Cefalu auf Sizilien den
normannischen Dom (Museum Ludwig
in Köln, unbedingt sehenswert)


Jetzt geht es vom südlichsten Punkt des Stiefelabsatzes auf der Westseite
des Salento (so heißt diese Halbinsel) hinauf. Es ist flach. Prompt
beobachtet man wieder stärkere touristische Aktivität. In Torre San
Giovanni gehen wir weg von der Küste, die etwas langweilig wird.

Alliste, Racale. Erst nach einigem Suchen ist die alte Römerstraße zu finden,
die geradewegs nach Gallipoli führt. Die kleine Stadt ist ausgezeichnet
durch eine außerordentlich schöne Lage auf einer Felseninsel. Es ist ein
zweites Lindau in hellen Farben. Mehrere barocke Kirchen und
ungewöhnliche Wolken bieten schöne Fotomotive. Störend sind lediglich die
vielen knatternden Zweiräder.

Weiter geht die Fahrt über Santa Maria al Bagno. Die Küste ist zwar felsig,
aber recht flach. Das Land ist eben, schöne Gärten und Olivenhaine.
Zwischendurch aufgeforstete Pappelwälder. In Santa Maria etwas höchst
Eigentümliches: Ein Castello, von dem nur noch die vier (sechs- bis
achteckigen) Ecktürme stehen – ein „del Monte"-Vorbild?
St. Katharina: weitere zwei der vielen trutzigen viereckigen Wachtürme.
In Manduria ausgedehnte römische Ausgrabungen und Reste. Wir haben
die Küste verlassen. Auf einer geraden Römerstraße geht es hinein nach
Taranto.

Dieses Tarent liegt da, wo der Fersensporn die meisten Beschwerden macht. Ist das ein schlechtes Omen? Es wurde 700 v. Chr. von Spartanern gegründet ist nach La Spezia der wichtigste Kriegshafen Italiens. Daher das riesige
Arsenal.

Die Durchfahrt wird von Moni gut gemeistert. Die Altstadt auf einer
Felseninsel riegelt das Mare piccolo vom Mare grande ab. Dort befindet sich
eine Hebebrücke. Wir dürfen ohne zu warten passieren. Die Altstadt ist in
verheerendem Zustand, aber es wird gerade mit der Restaurierung
begonnen. Am Festland liegt die Neustadt und die Industrie: Hochöfen,
Walzwerke.

Es blitzt. Flaches Land. Gemüsebau wie so oft in der Nachbarschaft von
großen Städten. Die Straße verläuft in einigem Abstand zum Meer, ist
autobahnartig ausgebaut, jedenfalls solange Puglia (mit ihrem bescheidenen
Reichtum) reicht.

Metaponto liegt schon in der Basilicata. Hier stehen von einem Heratempel
noch zwei Längsseiten. Sieht ehrwürdig aus. Von unserem Quartier, einem
Ferienbungalow, sind wir enttäuscht: zu viele „Peutêterle". Das ist ein
französisches Lehnwort im Schwäbischen gebraucht und benennt Dinge, die manchmal funktionieren, manchmal auch nicht. Im gleichen Betrieb haben wir gut
gegessen. Wir kamen ins Gespräch mit einem Professor für Stadtplanung
und seinen vier anfangs wenig kommunikativen Studenten. Es gab bei den
Griechen ein ausgeklügeltes System der Stadtplanung und Leute, die das
zum Hauptberuf gemacht hatten. Siehe meine "lichtvollen" Bemerkungen aus
Griechenland. Bei der Forschergruppe war der Umgang mit Messer und Gabel
noch nicht in die Forschung mit einbezogen.


Der moderne Ableger am Strand (Lido) ist ausgestorben wie nach einer
Malaria-Epidemie.
Es gibt noch einen modernen Ort Metaponto, dieser liegt dagegen etwas im
Land. Es ist eine Siedlung zum Abgewöhnen, eine Unterkunft für die Arbeiter
im Lido oder im Bereich der großen Ausgrabungen. Das Museum aber ist
voller wertvoller und hochinteressanter Stücke. Fünf Leute vom Personal und
wir zwei Besucher. Da wächst eine heimliche Solidarität: Sie lassen mich
durchgehen, als ich voller Überzeugung sage, ich sei 65. Vor wenigen
Jahren bin ich doch noch als Student durchgerutscht. Soll man froh oder
traurig darüber sein?

Die Weiterfahrt bei reichlichem Regen. Policoro, ursprünglich griechisch wie
fast alles hier, in neuerer Zeit ein Kloster, liegt markant am Berg.
Heraklea: der Versuch, Geld abzuheben, mit einigen Fehlversuchen (no
lege, liest nicht). Die Appennino-Ausläufer sind wolkenverhangen.
Rocca imperiale: von einer Burg gekrönt.
Wegen des Sauwetters beschließen wir, bei Sibari ins Land zu fahren und
vom Ionischen zum Tyrrhenischen Meer Calabria abzuschneiden. Bei dem
Wetter wirkt Calabria noch etwas unsolider, als es wahrscheinlich wirklich ist.
Hoffentlich kürzt uns unser Geldgeber, der Direktor, jetzt nicht die
Reisespesen.

Was haben wir ausgelassen?
Crotone – klingt bekannt –. Den kleinen Ort Stilo, 15 Kilometer im Land, er
birgt eine Ruine einer früh-byzantinischen Kapelle ca. 950 n. Chr. Sehr
romantisch und auch kunstgeschichtlich wertvoll.
Ausgelassen haben wir auch die Umrundung des (Monte) Aspromonte mit
der Übersicht über alle Meere um die Stiefelspitze bis hin zu einer der
berühmtesten Meerengen. Der Blick soll – nach Aussage von Touri-Kollegen
– hinüber nach Sizilien schweifen, in das zweite Griechenland, jene Insel, die
so viele Turbulenzen erlebt hat, dass ihr Ruf irgendwie gelitten hat.
Ausgelassen auch Reggio. Auch das ist eine griechische Gründung, die
Altertümer wurden Opfer der zahlreichen Erdbeben (ganz schlimm 1908), die
auch das benachbarte Messina heimgesucht haben. Im Museum die beiden
großartigen Bronzestatuen von Riace, die erst in neuster Zeit aus dem Meer
gefischt wurden. Viele Schätze der Menschheit sind so wertvoll, dass man
sie in einen Sandkasten setzt, damit sie beim nächsten Erbeben weich
fallen. Manchmal ist es sogar sinnvoll, Kulturgüter wieder einzugraben. Mit
den Menschen selber macht man sich nicht immer so viele Gedanken.

Scilla ist ein für den Schwertfischfang bekannter Hafen. Der Name erinnert
an die homerischen Seeungeheuer, die man schon seit alten Zeiten hierher
lokalisiert.
Weiter wäre es an der Küste gegangen: Bagnara mit schöner Aussicht bis
zu den Liparischen Inseln, vorausgesetzt, das Wetter ist nicht so säuisch.

Noch zu erwähnen, aber auch ausgelassen: Vibo Valentia, eine griechische
Gründung (Hipponion) mit einem Kastell, das auch auf Kaiser Friedrich II.
zurückgeht.
Was mir leid tut, ist der ausgelassene Abstecher nach Tropea, ein Cap, ein
Sporn mit schöner Aussicht, eine Art „17 miles dive". Nicht weit von der
Küste entfernt liegt eine herrliche normannische Kathedrale. Sie erinnert
sehr an die beiden phantastischen Bauwerke auf Sizilien, nämlich in Cefalu
und Monreale in Palermo.

Ausgelassen dann auch Amantea. Vorher kommt Paola, ein sehr
interessant an Schlucht und Berghang gelegenes Fischerdorf und Geburtsort
eines der vielen heiligen Franze. Die heiligen Franze und heiligen Johannese
könnten Fußballmannschaften bilden und gegeneinander spielen. Vielleicht
mit dem Heiligen Georg als Schiedsrichter.
Von hier aus kann man einen Abstecher nach Cosenza machen. Das Grab
des Westgotenkönigs Alerich soll sich im Flussbett des Flusses Posente
befinden. Der Posente ist das Bermuda-Dreieck von Süditalien: Auch der
älteste Sohn Heinrich des Kaisers Friedrich II. ist in Cosenza verschollen, es
scheint erwiesen, dass er seinem Leben ein Ende gemacht hat. Es gab auch
bei „Kaisers" herbe Niederlagen.
Im Osten von Cosenza liegt das mächtige Sila-Gebirge, an deutsche
Mittelgebirge erinnernd mit seinen gemischten Laub- und Nadelwäldern.

Da kann ja jeder lange Reiseberichte schreiben, wenn er nur aufzählt, was er
alles nicht gesehen hat! Was haben wir wirklich gemacht?

Als wir vom Ionischen Meer abdrehen, Cassano Therme lassen wir  rechts
liegen, geht es durch ein breites Tal mit viel Obst (fast wie Südtirol) nach
Firmo.

Rechts vor uns, oben am Berg liegt sehr markant Saracena, links
Altomonte. Weiter nach Lungro, alles grau in grau. Das klingt doch sehr
merkwürdig ausgerechnet in Italien.

Tatsächlich lebt dort ein vergessener Volkstamm der sogenannten Litalo-
Albaner. Ein herbes, offenbar wenig gastfreundliches Völkchen. Sie erhalten
auch selten Besuch aus dem Rest der Welt. „Mitropa shim" heißt „auf
wiedersehen", das ist anscheinend ihre liebste Redensart. Manche sagen,
die Übersetzung wäre geschönt; es bedeutet in Wirklichkeit „lass dich bloß
nicht mehr blicken". Solche Leute mit lockerem Mundwerk kennen wir bei
uns zuhause gar nicht. Aqua formosa und San Donato haben italienische
Namen, aber es überwiegt dieser eingeborene Stamm.  

Trogir, Kathedrale,  Adam und Eva am Portal.

Abb.45: Der romantische Küstenabschnitt
zwischen Belvedere und Silento

Eine toller, ebenfalls wilder Pass bringt uns über diese Berge. Zuletzt Passo
dello Scalone, immer noch 740 Meter über dem Meer. Reichlich
Kastanienwälder. Wunderbar. Für mich gibt es ein Stichwort für einen
solchen Weg: ein Cilento-Weg. Vor 34 Jahren bin ich über den Cilento
gefahren – da kommen wir bald auch wieder hin –, das war ähnlich schön
und ähnlich kurvig. Beim Abstieg ist der Blick in die Schlucht imposant.

Belvedere liegt tatsächlich einmalig und bietet eine wunderbare Aussicht.
Das Meer ist nahe, auf einem 100 Meter hohen Felsen prunkt das Castello
aragonesco. Wenn wir Napoli erreichen, werde ich mal versuchen zu
erklären, wie es von den Schwaben zum Hause Anjou und dann nach
Aragon kam.

Wir kürzen vom Ionischen zum Tyrrhenischen Meer ab und sehen das neue
Meer zuerst bei dem wunderbaren Städtchen Belvedere.
Der nächste Abschnitt, von Belvedere bis zum Cilento, stellt sich als
Überraschung heraus: überwiegend sehr sehr schön. Fast so wie die
Amalfitea, die nördlich an den Cilento anschließt. Dort kommen wir hin. Jetzt
sind wir noch südlich. Die hiesige Küstenstraße hat aber nicht das
Verkehrschaos der Amalfitea, was wir zwischen Salerno und Positano
mitmachen mussten.
Diamante liegt auf einer Landzunge. Der Ort ist ausnahmsweise nicht
wegen seiner Kultur, sondern wegen seiner Zedernbäume berühmt. In
diesem Abschnitt geht das Gebirge hart ans Meer heran. Die Küste ist felsig
und nur gelegentlichen durch kleine Sandstrände aufgelockert.
 

Gastliche Plätze im liebenswürdigen Trogir

Abb.46: Zwischen Belvedere und Silento
liegt eine besonders schöne und nicht
überlaufene Küste

Durch unsere Auslassung haben wir möglicherweise einen interessanten
Küstenabschnitt versäumt: Amatea bis Belvedere kennen wir nicht. Es ist
wahrscheinlich ein Geheimtipp, den wir und die verehrten Leser irgendwann
testen. 

Trogir, In engen winkligen Gassen gibt es Schätze für den Kunstfreund (venezianische Gotik, Renaissance)

Abb.47: Gässchen und Gassen im mittelalterlichen Scalea

Weiter oberhalb von Diamante: in Cirella eine höchst seltsame Ruinenstadt
oben auf dem Berg. Scalea: ein terrassenförmig angelegtes Städtchen. Es
gefällt mir sehr gut, so auch einigen 1000 anderen: es ist überlaufen.
Trotzdem eine Merkwürdigkeit: Der romantischste Teil der oberen Altstadt ist
verlassen. Was wäre hier alles zu tun für meine Freunde aus Krakau und
mich.

Jetzt eröffnet sich nach Norden ein majestätischer Ausblick auf den Cilento,
der hoch und breit, scheinbar unüberwindlich ins Meer vorspringt.

In Maratea (nicht mehr Calabria und noch nicht Campania, sondern ein
schmales Stück der Basilicata, was hier zum Tyrrhenischen Meer
herüberreicht) finden wir ein Hotel und genießen wie richtige Urlauber den
Sonnenuntergang auf unserem Balkon.

Apropos „unüberwindlich": In geschichtlicher Zeit war das Cilento-Gebirge
unwegsam, aber nicht mehr unüberwindlich. Die Menschen kamen mit ihm
klar, wenn auch auf wilden Straßen. Er war das schwierige Tor vom
griechisch dominierten Süditalien (Magna Graecia) ins Römerreich, aber
auch zu den griechischen Brüdern in Paestum.

Von Reggio di Calabria bis hierher wären es 500 Kilometer gewesen. Wir
waren durch unsere kurvenreiche Abkürzung deutlich schneller da.

Die nächsten 150 Kilometer gehen durch die Campania (die Amalfitea
gehört auch dazu).
Zuerst kommt noch ein Wegstück bis zum Cilento-Gebirge. Die Straße ist in
den Felsen gesprengt. Hier habe ich vor 34 Jahren einige Fotos gemacht.
Ich war von der ganzen Gegend höchst beeindruckt.

In Acquafreda fällt ein schöner Kirchturm ins Auge, daneben ein
Rathausturm, er erinnert an die Geschlechtertürme in Giminiano. In
Policastro sind wir bereits ganz nahe an dem zitierten Vorgebirge dran (die
Bucht ist nach diesem Städtchen benannt). Es ist das Cilento, eingedeutscht
Silente-Gebirge. Die Eindeutschungen sind wenig hilfreich und daher
verzichtbar.
Es war damals, 1972, schwer zu entscheiden, wo die Nationalstraße 18
weiterging. Alles löste sich in winklige Sträßchen auf. Der Verkehr rollte
schon zu 99 % auf der Autobahn im Landesinneren. Imposante
Kastanienwälder nahmen damals die Augen gefangen. Ich brauchte vier
Stunden für diese 100 Kilometer. Nur ausnahmsweise kommt man ans Meer
heran. Der Weg erinnert an Griechenland, besonders an das
Zentaurengebirge Pilion. Auch hier sind sicher noch einige Exemplare dieser
Fabelwesen aufzuspüren.

Wir wussten, dass es diesmal einfacher sein würde: Eine neue Straße ab
Policastro durchmisst den größeren Teil des Gebirges. Diese zu finden ist
für uns Fremde schwer. (Man muss nicht ins Basento-Tal, sondern Richtung
„Celle B".) Der Blick über die ca. vier verschiedenen Bergzüge des Cilento
hinweg ist trotz dieser großzügigen Ausbauung gut und einprägsam. In
Ceraso ist der Ausbau zu Ende. Die alte Unsitte, Felder abzubrennen, ist
hier noch nicht überwunden. Kurz vor Vallo führt ein Abstecher zur Küste in
eine Stadt mit Geschichte: Velia oder Elea. Sie wurde von den Phöniziern
gegründete, von griechischen Kolonisten weitergebaut. Der Rest einer
Akropolis darf nicht fehlen. Die Griechen-Stadt liegt heute unter den Ruinen
einer Römer-Stadt. Es ist der Geburtsort einer großen Philosophenschule.

Dann folgt eine malerische Umfahrung des nördlichen Cilento, ein Foto
dokumentiert den Ausblick kurz vor dem Nord-West-Kap. Vor dem Eintritt in
die Ebene von Paestum kommt noch eine Überraschung. Etwas, was
manche Reiseführer vergessen:

Castellabate. Es schmückt die Kuppe eines ca. 400 Meter hohen Berges.
Ein kleines San Marino. Droben ist alles steil, verwinkelt und eng. Wir
schauen unter Lebensgefahr auf den alten griechischen Hafen hinunter:
Archäologie aus der Vogelperspektive.
Der Ort ist UNESCO-Kulturerbe und so interessant, weil er noch viel älter als
die Gotik und Romanik ist. Es ist ein Zeugnis jener recht dunklen Zeit vor
1000 n. Chr. mit einem normannischen Kastell und einer uralte Kirche, heute
wegen einer Hochzeit mit unzähligen Rosen geschmückt. Fast nichts hat
sich verändert seit jener Zeit.