Abb.63: Die Via Appia beginnt und endet in Rom.
www.wolfgang-g-h-schmitt.de/rom-1929-abuxbaum/

Von Terracina nach Rom gibt es mehrere klassische Routen:


1.    An der Küste entlang mit Kaffeepause bei der oben genannten Circe bis
Lido di Roma: landschaftlich schön, kulturell aber dünn. An der Küste liegt
Nettuno und in der Nähe ein finsteres Schloss, Torre Astura, wo
Konradin, der letzte Hohenstaufer, qualvoll gefangengehalten wurde.
Geht man so mit Gästen um?

2.    SS148: mitten durch die Pontinischen Sümpfe. Man hatte wohl schon
immer eine Vorstellung, dass diese Sümpfe eine Bedeutung haben für die
Entstehung der Malaria. Weil man über Mussolini so wenig Positives
sagen kann, wird oft erwähnt, dass er die Pontinischen Sümpfe
trockengelegt und um die neugegründete Stadt Latina blühende
Landschaften geschaffen habe.

3.    N7: noch etwas weiter östlich. Pontinische Sümpfe – Albaner Berge = die
alte Via Appia.

4.    Ein „Hintenrum-Sträßle" zwischen N7 und Autobahn: das wäre am
kulturträchtigsten. Denn von der N7 aus östlich liegen im Hügelland
zahlreiche Sehenswürdigkeiten:
-    Tief im Land (von Gaeta aus gesehen) liegt Pontecorvo, dies hat
Napoleon zum Fürstentum erhoben und seinen General Bernadotte, den
späteren König von Schweden, dort hingesetzt. So hat man sich damals
um die Mitarbeiter gekümmert. Viele gingen aber auch leer aus und
hörten den Kaiser nur über die Grasnarbe hinwegreiten, wie es Heine in
seinem Gedicht schildert.
-    Abbazia di Fossanova: Zisterzienserabtei (auch ein Ausflugsziel von
Terracina aus), schlicht und großartig. Hier ist Thomas von Aquin
gestorben – eigentlich war er doch Professor in Köln.
-    Ganz in der Nähe von Latina ist Ninfa, eine geheimnisvolle Ruinenstadt,
nicht wegen menschlicher Zwietracht, sondern wegen höherer Gewalt
verlassen. Im 17. Jahrhundert hat man wegen der Malaria diese Stadt
aufgegeben.
-    Das mittelalterlich anmutende Anagni mit seinem trutzigen Dom.
-    Fossignione mit den Resten mehrerer antiker Bauten, und ganz
besonders von hier aus ein Abstecher nach
-    Alatri mit einer Burgmauer aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Die
radioaktiven Quellen haben es zum Kurort gemacht.
-    Im Land in den Bergen 25 Kilometer vor Rom liegt Genzano mit einem
schönen Winzerfest in der letzten Septemberwoche.
-    Frascati liegt bereits im Dunstkreis von Rom und ist ein Ausflugziel der
Römer. Weinreben und als Ergebnis viel Wein, Olivenhaine,
Kastanienwälder. Sehr malerisch.

Diese Terracina-Rom-Variante ist ein Geheimtipp, der unter der Hand hier
weitergegeben wird.

Wir entscheiden uns für die Via Appia. Wir finden den Einstieg erst im
zweiten Anlauf. Die schicksalsträchtige Straße erweist sich immer noch als
ein würdiges Denkmal. Über einen hoch aufgehäuften Buckel aus
Kulturschrott zieht sie sich schnurgerade zwischen den endlosen Reihen
schönster Pinienbäume. Ich glaube, die sagenhafte Ruinenstadt Ninfa vom
Auto aus zu sehen.

Obwohl es jetzt geradeaus geht, klagt Moni zum ersten Mal über Schwindel,
eine Nachwirkung unserer wilden Kurvenstrecken und unseres dicht
gedrängten Programms. Ich nutze Monis Leiden gleich aus, um meine
bitteren Vorwürfe gegen die Federung unseres Wagens zu erneuern. Aber
es hört mir keiner mehr zu. Es gibt ja Beschleunigungskräfte in drei
Raumachsen: Bremsen-Beschleunigen, Rechts-Links und Oben-Unten.
Letzteres entsteht durch die Unebenheit der Fahrbahn, respektive die
Federungseigenschaften des Fahrzeugs. Alle Beschleunigungen wirken in
der jeweiligen Summe auf das Gleichgewichtsorgan. Ich glaube, neben der
klassischen Seekrankheit gibt es eine Menge verwandter Störungen des
statischen Organs. Solche, die mit Verzögerung auftreten, solche, die
symptomatisch noch schwerer zu erkennen sind, da sie dem Schwindel
verwandte Symptome zeigen, Erbrechen, Übelkeit, Kopfweh ... . Wie sagt
der Lateiner: Si tacuises philosophus mansises.

Über Cisterna und Velletri mit seinen schönen Villen im Grünen und über ein
waldiges, liebliches Hügelland gelangen wir zum Albaner See. Äußerst
eindrucksvoll. Im Abendrot auf der anderen Seite des steilen Seeufers liegt
Castel Gandolfo. Auf unserer Seite die mächtige Kulisse von Rocca di
Papa. – In meiner Studentenzeit habe ich hier einmal mit zwei Kumpanen
gezeltet. Der Platz war gut gewählt, aber als Stützpunkt für Rom war es
unpraktisch, soweit herumzufahren.
Wir wollen jetzt am Seeufer entlang links herum, das geht nicht. So nutzen
wir weiterhin die berühmt-berüchtigte Via Appia, um feierlich in Rom
einzuziehen. Rom lassen wir trotzdem aus, wenigstens was die
Beschreibung angeht.

Ein eigener Bericht befasst sich mit Rom. Rekonstruktion einer Reise, die mein Großvater August Buxbaum 1929 gemacht hat. Dort gibt es weitere sehr interessante Zeichnungen.

Von der Appia auf die Circulare zu kommen, ist von den Wegweisern
schwierig. Wir kommen in die falsche Richtung. Manchmal ist es besser,
dem gesunden Menschenverstand zu folgen, als den Wegweisern.
Dann hält uns ein Unfall in einem Tunnel auf. Insgesamt gab es –
überraschend und erfreulich – fast keine Unfälle auf unserem Weg. Die
Autobahn führt uns sehr bequem nach Westen zum Flughafen Fiumicino.
Wird nicht auch der Name von Leonardo gebraucht?



Dann Richtung Civitavecchia am Meer entlang. Meine Absicht ist, Moni
etwas von den Etruskern zu zeigen, jenem sagenhaften Völkchen, das von
Rom aufgesogen wurde. Es gab in alter Zeit zwölf große Etruskerstädte,
Tarquinia ist die vornehmste davon. Wir versuchen vorher, Cerveteri
anzusteuern. Die Idee: wenn das sehr einfach erreichbare Cerveteri einen
umfassenden Eindruck vermittelt, sparen wir Tarquinia.

Der erste Eindruck ist mehr als bescheiden. Das einzige Hotel am Platz, „El
Paso", schien mehrere Jahre nicht bewohnt worden zu sein. Außerdem
musste man befürchten, dass es in Kürze wiederum für nicht absehbare Zeit
„zumacht". So besuchen wir am nächsten Morgen mit geringen Erwartungen
das Museum und die Nekropole, die Totenstadt der Etrusker. Dieses Volk
war erfinderisch in der Befestigung seiner Städte, aber offenbar nicht sehr
kriegerisch. Die zärtliche Darstellung der Menschenpaare verrät eine feine,
zwischenmenschliche Kultur. Und sie waren geradezu verrückt bei ihrer
Beschäftigung mit dem Jenseits.
Meine Vorkenntnisse und Erwartungen waren gering: „Im Norden der
modernen Siedlung gibt es viele Räume der etruskischen Nekropole". So
waren wir frei von vorgefassten Meinungen. Die knapp 3000 Jahre alte
Etruskerstadt lassen wir auf uns einwirken. Einzig die Kunstschätze des
örtlichen Museums, die aus dieser Stadt stammen, hatten wir vorher
angeschaut.
Man wird auch nach 3000 Jahren gepackt von der Schönheit und Würde
dieser Anlage. Es ist ein besonderer Platz auf der Welt (so wie vielleicht
Olympia, Paestum und Stonehenge).

Die architektonische Beschreibung kann die „Wirkung" nicht verdeutlichen:
„Zylinder" sind aus dem Tuffstein herausgemeißelt, mal fünf Meter, mal 20
Meter im Durchmesser. Wo kein Stein war, wurde das fehlende Stück sehr
sorgfältig mit diesem Stein ausgemauert. Am
Oberrand der Zylinder findet sich als einziger Schmuck eine umlaufende
Steinbordüre in exaktester Ausführung. Das Dach ist (heute) ein Erdhügel.
Von hunderten Gebilden sind viele ausgegraben, viele nicht. Ist der Blick
etwas geschult, erkennt man sie weit verstreut in der Landschaft. Alles fügt
sich zu einem Organismus zusammen. Es erinnert eher an die Pyramiden
als an einen Palast (etwa den von Knossos).

In die Tiefe dieser felsigen Gebilde sind Gänge herausgehauen, die sich an
ihrem Ende zu Kammern erweitern. Es gibt ein bevorzugtes Schema, aber
nichts ist identisch. Die steinernen Schmuckelemente sind einfach. Steinerne
Kissen, gelegentlich Säulen, und öfters eine ornamentale Bemalung. Nur in
einer Kammer werden wir von einer üppigen Bemalung überrascht:
Werkzeuge hängen steinern, aber lebhaft bemalt, an der Wand. Dazu ein
dreiköpfiger Höllenhund und andere Ungeheuer der Unterwelt.

Bei der sauberen Mathematik fällt auf, dass die Etrusker kein Gewölbe
kannten (ähnlich den Trullis in der Puglia). Wohl sind die ausgefrästen
Räume und Türen gewölbt. Wo gemauert wurde und wo es etwas nach oben
zu verschließen gab, hat man die Steine enger gesetzt und einen letzten
Stein T-förmig gesägt. Er verhütet, dass die beiden darunter liegenden
zusammenrutschen und schließt nach oben ab. Bei unserer geringen
Vorinformation blieben viele Fragen: Wie waren die Toten in diesen
Kammern präpariert und ausgestattet? Wurden sie da besucht? Was hat die
Grabräuberei über die Jahrhunderte so erfreulich in Grenzen gehalten?
Vielleicht war das Gold doch so selten, dass sich das Ausräubern nicht
gelohnt hat.
 

Dubrovnik (Ragusa) = Diplomatie kombiniert mit dicken Mauern

Abb.64: Viterbo, auch eine Etrusker-Stadt

Von Rom nach Norden käme man auf der Via Aurelia nach Civitavecchia
und von dort aus nach Tarquinia mit einer weiteren großen Sammlung
etruskischer Funde (Pl. Vitelleschi) und ebenfalls eine gut erhaltenen
etruskischen Gräberstadt (Wandmalereien). Wir hatten den Eindruck von
Cerveteri zu verdauen und haben uns Tarquinia geschenkt.
 
Man könnte jetzt an der Küste weiterfahren zum Monte Argentario.
Monte Argentario bis fast La Spezia gehört zur Toskana. Soweit ich es
verstehe, sagt man zu diesem Küstenteil Etrurien, offenbar Erinnerung an
das alte Etruskerland.

Dieser Küstenabschnitt ist nicht so spannend. Daher fahren wir über
Banciano mit seiner mächtigen Burg (erinnert an Gaeta) zum Lago di
Bracciano. Ein mächtiger, schöner Kratersee. Beim Versuch, dem Ufer zu
folgen, geraten wir in eine Wildnis. Der Weg wird immer enger. Die
Brombeerranken schlagen zum Autofenster herein. Nur noch Steine und
ausgebleichte Knochen am Wegrand. Die wenigen Hintermänner, die uns
anfangs Mut gemacht haben, haben längst aufgegeben und sind in unserer
Staubwolke abgedreht.
Die Zahl der Geier über uns vergrößert sich bedenklich rasch. Sind wir
vielleicht wirklich südlich von El Paso? Da – ein Bahnübergang. Das Auto –
überlebt. Der Weg scheint wieder geringfügig breiter zu werden. Einige Geier
drehen ab. Wir schöpfen Mut, beginnen sogar, einige Kastanien
aufzusammeln.

Wir erreichen wieder die Zivilisation in Manzana, und gelangen nach
Praiano. Das wirkt auch wie eine etruskische Gründung. Gepflegte
Plantagen mit Haselnüssen, Hügellandschaft mit reichem Baumbestand,
alles sehr grün. An der SS2 Richtung Norden: viele Anwesen mit
großzügigen Alleen als Einfahrten.

Cura ist ummantelt von einer Stadtmauer und liegt gewaltig auf einer
Anhöhe. Ein toller Eindruck. 

Dubrovnik. Stadtheiliger

Abb.65: Viterbo, Campanile des Doms

Viterbo: Eine bemerkenswerte Stadt mit einem mächtigen Festungswall.
Auch eine Etruskergründung. Sie wirkt etwas kalt durch den grauen Stein
(Basalt?). Nur der Dom ist teilweise mit Marmor verkleidet (wie Orvieto). Die
Verschönerung des Domes kam irgendwie zum Stillstand, oder man hat sich
einfach zum grauen Stein bekannt. Papstpalast (wenn es in Rom heiß
herging, war der Papst hier in seiner Burg sicher), Künstler, darunter ein
genialer Holzplastiker, viele Brunnen in den sauberen, recht menschenleeren
Gassen, Palazzo Gatti mit schönem Baumbestand, normannisches Kirchlein.
Durch unsere „Momentaufnahmen" erleben wir manche Städte total hektisch,
andere „ausgestorben". Bei uns zu Hause wären die Unterschiede noch
deutlicher: Wenn man an einem Sonntag Würzburg besucht, schwindet die
Population im Vergleich zum Samstag um den Faktor 100 bis 1000.

Jetzt geht es zum nächsten Krater-See. Um hinzugelangen, muss man
hinauf zum Kraterrand, wo die sagenhafte Stadt Montefiascone thront. Ein
mächtiger Kuppelbau, ausgedehnte Bastion (etruskische Funde auf der Burg
Montaldeschi) und dann einen großartiger Ausblick auf den Lago di Bolsena,
und dazu im Hintergrund das Meer.

Ich bin total erschossen und habe wenig mitgekriegt von Acquapendente
und Proceno. Von dort finden wir nach hartnäckiger Wegweisersuche
Castello – und schlafen auch wirklich in einem Bilderbuch-Castello,
jedenfalls in den dazugehörigen Räumlichkeiten. Die Mutter des Hausherrn
betreibt im geschickt umgebauten Pferdestall ein Restaurant. Der Herr Sohn
als einziger Spross aus alter Familie düst mit dem Motorrad offenbar in
Verwaltungsgeschäften durch die Lande. Die junge Frau ist aus Asien und
erwartet übermorgen ihre dritte Tochter. Von uns kommen die besten
Wünsche. In unserem Zimmer gibt es handgemalte Teller, Stiche aus aller
Herren Länder, einen schönen Cotto-Fußboden. Macht 70 Euro. Individuell,
gepflegt und engagiert betreut.

Vom Lago di Bolsena hätten wir einen Abstecher nach Orvieto machen
können, das hätte das Etrusker-Thema weiter abgerundet. Ich kenne es und
habe Moni wenigstens vorgeschwärmt.

Wir hätten auch zum Meer zurück gekonnt: über Grosseto zur Hafenstadt
Piombino, von wo man nach Elba übersetzen kann. Über Castiglioncello
ginge es zur modernen Hafenstadt Livorno, praktisch dem Seehaften von
Pisa. 

Die Stadt Dubrovnik konnte sich überwiegend gegen die Venezianer behaupten

Abb.66: Kölner Dom 1860 und heute,
Sicht und Darstellung: Museum Wallraff-Richartz. In Siena lief die Baugeschichte anders

Jetzt wollen wir aber verraten, was wir tatsächlich gemacht haben. Wir
wollten im Land bleiben, lediglich die Siena-Erinnerungen auffrischen und
nach Lucca durchstarten.

Beim Start von Castello am Sonntag morgen hat uns auch die ungewohnte
Temperatur von 10° C und die starke Bewölkung etwas erschreckt.
Es wird bergiger. Schönes Ackerland macht Ödländern Platz. Die
verbliebenen Felder werde mit Kettenfahrzeugen gepflügt, es ist offenbar
schwer, die trockene Kruste umzubrechen.
Radicofani heißt eine aus allen Himmelsrichtungen leicht zu ortende Stadt
auf der Bergkuppe mit kleiner zusätzlicher Erhebung in der Mitte und einem
Burgturm.
Wir fahren einige Kilometer von der Staatsstraße nach Osten Richtung
Montepulciano in das Stadtchen Pienza. Es ist höchst sympathisch. An
diesem Sonntagmorgen sind viele italienische Touristen unterwegs, offenbar
ein Insider-Tipp. Pienza liegt auf einem steilen Felsen und ist aus einem
Stein mit sehr warmen Farbtönen gebaut. Viele malerische Winkel. Ein Papst
Pius II. wird dort verehrt, da er aus dem Städtchen stammt. Wichtige
Produkte, die wir täglich brauchen, werden auf dem Markt angeboten:
Trüffel, schmiedeeiserne Stiefelauszieher etc.
Die Zypressen sind so schön und lockern die Landschaft auf. Durch das
Pflügen wirken die herbstlichen Felder recht kahl.

Castillon d'Orcia liegt ebenfalls sehr markant auf der Bergkuppe und gibt
sich wehrhaft mit seinen zahlreichen Türmen.

Siena lassen wir nicht aus (es ist mein dritter, allerdings immer kurzer
Besuch). Wir parken an der Porta Roma und spazieren im großen Bogen
mitten durch die Stadt. Hier gibt es noch viele Besucher aus aller Herren
Länder. Unsere Nachbarn wollen vino slatko. Ich könnte mich schon als
Dolmetscher verdingen.
Als Studienplatz steht Siena an zweiter oder dritter Stelle, immer noch weit
abgeschlagen hinter Padua.
Die Piazza del Campo ist immer ein Ereignis, das man schwer beschreiben
kann. Senkrecht zum bestehenden Dom plante man irgendwann einen
Mega-Dom, wobei der heutige (sehr schöne) nur als Querschiff erhalten
bleiben sollte. Von diesem geplanten Monster stehen zwei Wände und einige
Säulen, dann ist das wahn- und unsinnige Projekt steckengeblieben. Es
steht da, man hat es auch nicht abgerissen, nicht versteckt. So ist es eben,
es gehört dazu. Wäre der Kölner Dom nicht auch viel schöner im Zustand
von 1860?
Wir bekommen nahe dem Ostchor des Domes einen kleinen Spaghetti
genehmigt. Die Toilettenverhältnisse sind immer noch eigenwillig, wenn auch
gebessert. Das Domprojekt und die Toiletten in Siena sind wie zwei gänzlich
verschiedene Welten. Beide sind Lichtjahre auseinander. Auf der Toilette
versteht man das Dom-Projekt überhaupt nicht mehr und im einem solchen
gewaltigen Dom hätte sowieso niemand mehr gemusst; die ganze Welt wäre
ganz anders gewesen.

Colle di Val d'Elsa ist ein Siena im Kleinen, mit einer mächtig hohen,
natürlichen und künstlichen Stadtmauer. Man fährt im Nord-Osten der Stadt
von ihrem Fuß bis zum „Eingang", dieser ist durch stärkste Befestigungen
geschützt.

Es wird waldig, viel Wein, feine Hotels mit repräsentativen Zufahrten.

Jetzt ist San Gimignano so nahe, dass es sich lohnt, über diese Gegend
das Arnotal anzusteuern. Beim ersten Besuch war ich oder wir waren nicht
„gut drauf", ich habe nichts mitbekommen von der trutzigen, vollständig
erhaltenen Befestigungsanlage, von den Pforten und Gässchen. Nur die
paar merkwürdigen Geschlechtertürme sind mir in Erinnerung. In
gewandelter Form findet man sie auch in Regensburg und auf dem Mani in
Griechenland. Wahnsinnig viele Besucher sammeln sich hier trotz Nebel und
immer heftigerem Regen.

Certaldo ist der letzte, eindrucksvoll gelegene Ort. Anschließend wird es
langweilig bis zum Arnotal, das wir dann auf einer Autobahn flussabwärts
durchmessen.  

Dubrovnik, Rundgang auf der Festungsmauer

Abb.67: Lucca, das römische Amphitheater
ist in Form von Wohnhäusern im Stadtbild erhalten

Vom Arnotal nach Lucca zu gelangen, ist (bei Sauwetter) etwas schwierig
und langwierig. Kurvig geht es „ewig" um einen Apennin-Ausläufer herum.
Das Sträßchen hat sich nicht gelohnt.

Lucca selbst ist eine Wucht. Die erhaltene barocke Wehranlage: sehr
ähnlich wie ehemals das Glacis in Würzburg.

Zahlreiche romanische Kirchen. Dazu das wunderbare Experiment, das alte Amphitheater in eine Wohnanlage zu verwandeln. Vieles wäre noch zu beschreiben. Lucca ist ein Überraschungstreffer. Erst mit Mühe und tätiger Mithilfe von gastlichen Anwohnern finden wir einen Platz zum Schlafen und zum Essen.
Die Eindrücke unserer Fahrt waren so übermächtig, dass wir uns
entschlossen haben, hier einen Endpunkt der Reise zu setzen. (Ligurien bleibt dann einem eigenen Bericht vorbehalten).

Der Fluss, an dem Lucca liegt, ist der Serchio. Er kommt aus dem Norden
(Appennino) und sammelt sein Wasser aus zahllosen Seitentälchen, die den
Nordzipfel der Toskana bilden.
Noch weiter im Norden liegt der Monte Cimone, immerhin ein
Zweitausender.

Wir fahren wegen der Erfahrungen mit dem Dauerregen eine Autobahn, die
uns an die Küstenautobahn bringt. Mächtige bewaldete Hügel bleiben rechts
von uns. Die Bergsilhouetten sind außerordentlich schön, trotz oder wegen
der mächtigen Wolken, die sich in die Täler reinschieben.
Dort, in der Gegend oberhalb von Pisa, soll doch der sehr schöne Lago di
Massaciuccoli liegen. Hier hat Puccini (geboren in Lucca) im Schatten einer
Lindenallee den größten Teil seines Lebens verbracht. Heute braucht man
keinen Baum, um Schatten zu spenden, es gibt nur Schatten. Dazu kommen
knöcheltiefe Pfützen und Dauerregen. Die Wegweiser kommen manchmal
wirklich zu spät, vor allem für uns Neulinge ohne Detailkenntnis des
historisch gewachsenen Straßensystems.

Das Meer kündigt sich durch zahlreiche Wasserbecken und Kanäle an,
wahrscheinlich sind auch kleinere Überschwemmungen dabei. Die Berge
treten nahe heran ans Meer. Bekannte Orte wie Massa (trutziges, fast
quadratisches Castello), über Carrara (großer Hafen) und die Burgenstadt
Caniana nach La Spezia. Ein Marmor-Sägewerk nach dem anderen. Für
jeden Bildhauer ist ein Fünf-Tonnen-Block dabei.

Hier endet der offizielle Teil der Reise. Wir danken allen Sponsoren für die
noch zu erwartenden Beiträge. Demnächst trage ich Notizen zusammen
über den Fortgang des europäischen Erlebnisses.
Ligurien! Dann französische Riviera bis Katalanien (Barcelona), dann weiteres
Spanien bis Gibraltar.

Inzwischen haben wir zwischen uns und La Spezia eine Hügelkette
gelassen, auf dieser liegt eines der imposantesten Städtchen auf unserer
Reise: Arcola.

Über den Appennino nehmen wir die Staatsstraße, erst als diese sehr kurvig
mutiert, die Autobahn. Moni, die Chefpilotin, leidet etwas unter Kinetose.
Niemand würde es glauben, hätte er nicht die Belastungen vergangener
Tage miterlebt. Die Berge sind mächtig, schön bewaldet, die Ansiedlungen
ärmlich. Podenzana hat ein einschüchterndes, düsteres Castello. In
Filattiera finden wir ein ganz primitives frühromanisches Kirchlein.
Wir fahren den Fluss Macra aufwärts und den Fluss Taro nach der anderen
Seite ins Tal des Po hinunter (Parma, wichtige Autobahnstation). Von dort
nach Mantova. Dauerregen der heftigsten Sorte. Sapionata, eine befestigte
Stadt in der Ebene. Auch um drei Uhr mittags spielt das Radio sehr treffend:
„Es wird es Nacht, Señorita". Wir versuchen, den Wassermassen irgend
etwas entgegenzuhalten und kaufen Wein ein. Selbst das Einladen wird zum
logistischen Problem.

Die Durchfahrt durch Mantua gestaltet sich schwierig bei Dauerregen,
Rushhour, Dunkelheit, Bauarbeiten, Unfällen, fehlender Ausschilderung. Der
Theologe nennt so etwas die „Gottesferne". Es ist eines der italienischen
Wunder, dass wir   doch noch den Gardasee erreichen.

Peschiera hat nur einen Nachteil, dass die Festung uns hindert, auf den See
zu schauen. Sonst alle Vorteile: Alles ist da, was die Italiener als italienisch,
die Franzosen als französisch, und die Deutschen als typisch deutsch
empfinden. Wir übernachten bei Valentina, wo alles, auch der Preis, in
freundlicher Weise zusagt.

Dann unser Aufbruch Richtung Heimat, zuerst gemütlich am See entlang.
Der Monte Baldo beherrscht dieses Ost-Ufer, ein kleines Paradies. An
diesem Tag jedoch mit heftigem Wellengang.

Eine Regenpause bis Malcesine (gegenüber von unserem alten Quartier
von 1990).
Dort erscheint ein ganz und gar überdimensionierter Regenbogen, der durch
seine Schönheit den ganzen Straßenverkehr viele Minuten zum Stillstand
bringt. - Allerdings leitet er die Fortsetzung des Regens für die nächsten zwölf
Stunden ein.

Wir sehen Riva mit der charakteristischen Felsenscholle. Dann über
Trento/Trient, vorbei an der Abfahrt nach Madonna di Campiglio, markante
Burg bei Klausen, Abfahrt Grödnertal und Sellajoch. Ausgangspunkt meiner
denkwürdigen Fahrt 1975. Über Brixen habe ich im Griechenlandbeitrag
begeistert berichtet. Dafür gibt es eine Stärkung in Fortezza. Hier sammeln
sich alle, die den Zug verpasst, eine Reifenpanne und sich übernommen haben.

Italien, da kann man nichts falsch machen. Danke den hilfreichen Menschen. Nur war in die knappe Zeit zu viel reingezwängt.  Nichts gelernt vom Großvater:

http://www.wolfgang-g-h-schmitt.de/rom-1929-abuxbaum/