Abb.13: Ein Studium in Padova wäre ein Traum.
An manchen Ecken erinnert es an den Partner Venedig.

Von Venedig bis Ravenna wird der Küstenweg durch das Delta von Po und
Etsch behindert, aber dank der fleißigen Straßen- und Brückenbauer nicht
unmöglich gemacht. (Der Piave ist schon überquert). Wir wollen nicht die
bequeme Verbindung, die Autobahn über Padua und Ferrara.

Padua ist allen ein Begriff, die dauernd ihren Autoschlüssel verlieren und
vergesslich sind. Der Hl. Antonius aus
Padua war übrigens ein Gastarbeiter, er kam aus Portugal. -
Padua ist eine mittelgroße Stadt. Sie steht außer für den
Antonius auch  für den Fortschritt: 1222 hatte sie bereits eine
Universität. Das gesamte Wissen der Zeit war hier konzentriert und konnte
erworben werden: Universitas litterarum. Es war die zweite Uni in Italien und
wurde lange vor Prag und Heidelberg gegründet. Die Renaissance war
vorbereitet. (Ich habe immer davon geträumt, in Padua ein zweites Studium
zu beginnen – ob es noch was wird? Nach Bologna will ich nicht, weil sie die
Spaghetti zu fett machen).
Padua hat meistens zu Venedig gehört. Das weiß jeder, der den „Kaufmann
von Venedig" gesehen hat. Dort werden  vom
venezianischen Gericht die Rechtsgelehrten aus Padua    zu Rate gezogen.


Auch Padua ist für eine Überraschung gut. Bei einer zuerst deprimierenden
Einfahrt erhellt und belebt sich das Stadtbild und wird immer freundlicher.
Seither spreche ich immer vom „Padua-Effekt", wenn etwas ganz schlecht
beginnt und immer besser wird:
junges Publikum (meine Kommilitonen), der gewaltige Dom mit seinen drei
Kreuzgängen, wunderbaren Marmorfußböden und einem üppig blühenden
Devotionalienhandel, Piazza Signori mit dem altertümlichen Profanbau, der
auch das Gericht beherbergte, Piazza delle l'Herbe, auch heute noch mit
Gemüsemarkt, römische Reste.
Was die Mosaike in Ravenna sind, sind hier in Padua die Fresken. In der
Stadt gibt es berühmte Fresken des Giotto (Cappella degli Scrovegni,
Kreuzung Giotto-Garibaldi). Er hat auch die Besten seines Faches gelehrt
und inspiriert, also auch ein Michelangelo hat sich das alles sehr genau
angesehen. Sein Partner auf dem Gebiet der Plastik, Donatello, hat das
Reiterdenkmal  vor der Kirche geschaffen. Galileo hat hier
gelehrt. Also: mehrere Meilensteine in der Weltgeschichte, in der Kunst und in den Geisteswissenschaften standen und stehen in Padua.  

nsel Pag

Abb.14: Traum von Italien.
Eingefangen im Aquarell
von Anneliese Stohr

Ferrara haben wir ausgelassen: Dort gibt es die mit vier Türmen versehene
Wasserburg, den Stammsitz eines kunstsinnigen Herrscherhauses, das über
Jahrhunderte die Stadt verschönerte. (In Ferrara sind noch andere Musen zu
Hause und in der letzten Augustwoche gibt es ein Festival der
Straßenmusikanten.)

Bologna bleibt links liegen. Schön ist der Spitzname der Stadt: La crassa, la
dotta, la rossa.
Crassa spielt auf die fette Küche an, dotta auf die Gelehrsamkeit mit der
ältesten Universität, und rossa auf die traditionell „kommunistischen"
Bürgermeister, die aber erstaunlich gut wirtschaften.

Nichts wissen wollen wir diesmal von:
Cremona, der Stadt der Geigenbauer,
Como, der Stadt der Seidenspinner,
Bergamo, der Renaissancestadt, lange im venezianischen Machtbereich,
und
Brescia, der bekannten Bankenstadt. 

Crkvenica

Abb.15: Die Ruinen des alten Rom beflügeln die Phantasie.
„Papiercollage“ mit Photoshop. www.wolfgang-g-h-schmitt.de
bunte-roentgenbilder/objekte-licht-und-roentgen/

Notizen zu Goethes italienischer Reise


Betrachtungen eines Nicht-Germanisten, der noch dazu Goethe erst vor wenigen Jahren kennen gelernt hat (und zwar
aus Gedichten). Venedig und Umgebung sind eine gute Gelegenheit, uns mit dem alten Dichter zu befassen, weil es einen Schwerpunkt bildet und sogar heute noch gut half zur Vorbereitung unserer Reise. Sie ist und
bleibt für alle Leser lehrreich. Goethe selbst hat von dieser Reise viel gewonnen. Er kehrte mit einem
Rucksack voller Ideen zurück. Er ordnete die Papiere viel später in drei
Bänden. Die Reise zog sich über fast zwei Jahre hin. – Wir kommen
vielleicht schon früher nach Hause.
Goethe war damals knapp 40, also etwas jünger als wir. Die Reise war eine
Flucht. Flucht aus einer Situation, wo er zwar sehr viel erreicht hatte: Er war
berühmter Dichter und Superminister. Trotzdem hatte er Schwierigkeiten.
Wahrscheinlich war seine Stellung schwierig, als Nichtadliger in der
Adelsgesellschaft am Hofe. Es wurde ihm – wie er sagt – das durchaus
„Scheißige" seiner Existenz immer mehr bewusst.
Sein Verhältnis zu seinem Landesvater war trotzdem so gut, dass er sich
erlauben konnte, bei Nacht und Nebel zu verschwinden, und erst nach
mehreren Wochen um unbegrenzten Urlaub zu bitten.
Herrn Goethe war nicht ängstlich. Er war selbstbewusst.

Das Ziel Italien hatte eine lange Vorgeschichte. Sein Vater schwärmte für
Italien und bastelte sein Leben lang an einem eigenen Reisebericht, in
italienischer Sprache. Durch den Vater als Lehrer beherrscht Goethe von
früher Jugend an ein flüssiges Italienisch. Er ist mit Italien sehr vertraut, ein
positives Bild Italiens wird ihm vom Vater immer wieder vor die Seele
gerufen. Dem Sohn fiel das Schreiben viel leichter als dem Vater, und er war
sich dessen bewusst. Auch der Vater war sich klar, dass er mit einem ganz
ungewöhnlichen Sohn gesegnet war. Wenn er nicht der Sohn wäre, man
könnte neidisch auf ihn werden.
Der Alte war aber auch ein Tyrann, besessen von der Vorstellung, dass der
Sohn alles erreichen sollte, was für ihn unerreichbar geblieben war. Deshalb
opferte er so viel Zeit für die Ausbildung des
Erstgeborenen. Seine Schwester ist genervt, wenn sich bei Johann
Wolfgangs Abwesenheit das ganze Über-Ich des Vaters auf sie wirft.
Vater Goethe merkte sehr genau, dass seine überspannten Phantasien
Wirklichkeit wurden, aber er ist auch verbohrt genug, um bei der geringsten
Störung verbittert und gekränkt zu reagieren. So kam es zu einer
unangenehmen Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn, als Hannes
Wolfgang erkrankte, aus Leipzig zurückkehrend, zuhause in Frankfurt
gepflegt werden musste (TBC nach aller Wahrscheinlichkeit). Einen
„Kränkling" konnte sich der Vater nicht vorstellen. Goethe flüchtete bald
nach der Genesung nach Straßburg, seinen zweiten Studienort. Goethes
Schwester ist genervt.
Hannes Wolfgang ist dem Vater Hannes Caspar gegenüber zwiespältig: Bei
aller Kritik ist der Junge schlau genug, die Leistungen des
Vaters mit Dankbarkeit anzuerkennen.

Der junge Goethe ist ein ganz ungewöhnlicher Mensch. Als
„feiner Herr" aufgezogen will und wird er sich nicht zu einem eingebildeten Tagedieb
entwickeln. Er wird ein Schaffer, einer, für den das Lernen, das Erkennen,
Fühlen und Denken sehr viel bedeutet.
Er ist kein Revolutionär, sucht den Kompromiss. Er ist auch kein Frömmler.
Er ist ein selbstbewusster Hochbegabter, dessen Bewusstsein stets eine
Stimmigkeit fordert. Seine Weltsicht muss wahrhaftig sein, nicht etwa nur
den Vorteil bedienen.
In diesem Sinne erlebt er die Flucht nach Italien als eine Chance, seinen
Geist zu erweitern. Er muss die Reise seinem Publikum weitergeben, er
hofft, „Gegenstände, Menschen und Reisende werden dem Leser lebendig
entgegentreten". „Ich freue mich, wenn das Buch zur Anregung und
Erkenntnis dient. Es soll Anregung zum Fühlen und zum Denken geben".
Goethe ist nicht der Mensch, der sich über andere lustig macht. „Projektion"
ist ihm fern. Er ist nicht der, der sagt, wenn ich mich mit dem vergleiche,
dann sehe ich erst, wie gut ich bin.
Er ist nie deshalb schöpferisch und phantasiestark, weil die anderen es nicht
sind, sondern er ist es einfach. Und weil er es ist, findet er es für richtig, dies
zu entwickeln und zu vervollkommnen. In Hass abzugleiten ist ihm gänzlich
fremd. Dieser Gedanke wird in Rom noch einmal sehr eindrücklich vertieft
und wird zur entscheidenden Erkenntnis der Reise.
 

Crkvenica eine sonniger Ferienort

Abb.16: Beispiel für ein antikes Theater,
hier die Ruinen vom römischen Theater
in Taormina, was über einem griechischen
Vorgänger errichtet wurde und
deshalb gerne „griechisches Theater“
genannt wird

Goethes Werk wird zu einer genialen Propagandaschrift für Italien. Es wird
zu einem  Plädoyer für Toleranz und Verständigung der Völker. -
Goethe liebt die bunten Märkte, „Knoblauch und Zwiebeln nach Herzenslust",
wie er sagt. Die Italiener schätzt er hoch ein, er beschreibt sie: „Übrigens
schreien, schäkern und singen sie den ganzen Tag". „Unreinlichkeit und
wenig Bequemlichkeit der Häuser" entschuldigt er.

Gleich zu Beginn der Reise passiert ihm ein gefährliches Missgeschick. Er
zeichnet eine Festung und wird verdächtigt, ein ausländischer Spion zu sein.
Es gelingt ihm, die Anschuldigungen zu zerstreuen, kommt ihm doch zu
Gute, dass er im Argumentieren und Verhandeln erfahren ist.

Eigentlich ist diese Reise nur ein kleiner Ausschnitt von Italien. Sie
konzentriert sich auf Venedig, Rom, Neapel und Sizilien. Die besonderen
Erfahrungen dieser Stationen sollen aufgeführt werden.
In Venedig:
Goethe ist Mensch. Goethe redet sich zu, zu bleiben, „bis er sich am Bilde
dieser Stadt Venedig sattgesehen hat". Er verschweigt seine rastlose
Tätigkeit; wir erfahren nebenbei, dass er in Wirklichkeit so lange bleibt, bis
sein „Paket für Deutschland" fertig ist.

Er besucht in Venedig eine öffentliche Gerichtsverhandlung im Dogenpalast.
Er beherrscht die Sprache so gut, dass er sofort die heikle Situation erkennt:
Es wird gegen den allerhöchsten Repräsentanten der Stadt, nämlich gegen
den Dogen bzw. gegen dessen Ehefrau, verhandelt. Die Republik legt Wert
darauf, dass in ihrem Rechtssystem solche Verhandlungen möglich sind.

Natürlich kennt er Gefühle, manchmal hegt er sie und lebt sie aus. Auch mal
weinerlich, auch mal überschwänglich. Durchaus nicht in einer Weise, die als
typisch männlich gilt.
Er besucht die Gräber. –
Natürlich besucht er das Theater. Er engagiert zwei Sänger, die im
Mondschein auf einer Gondel ihre Kunst darbieten. „Auf welchen Weg sich
die Melodie gemacht hat, will ich nicht untersuchen".
Wenn er die Muscheln am Strand sieht, wünscht er sich Kinder. „Ich habe
selbst kindisch genug ihrer genug aufgelesen". Überhaupt fasziniert ihn die
Natur. Die Vegetation, der Fischmarkt, die Strandbewohner: Seeschnecken,
Patellen und Taschenkrebse erfreuen ihn herzlich: „Was ist doch ein
Lebendiges für ein köstliches, herrliches Ding!" Unter vielem anderen
fasziniert den Dichter die Tinte des Tintenfisches, die er gleich eintrocknen
möchte. Auch die Dynamik in der Natur versteht er wie ein
vorweggenommener Darwinist, „Suchen die Taschenkrebse ihren Raub".  

Südlich Crkvenica kurz vor Lukovo

Abb.17: Dasselbe in einer Subtraktions-Bearbeitung,
die die Strukturen aufleuchten lässt und
flächige Kontraste abschwächt.

In Rom:


Ob er Rom je erreichen würde, darüber beherrscht ihn eine tiefe
Ungewissheit, „dieses unwiderstehliche Bedürfnis, den Mittelpunkt zu
suchen, wurde in den letzten Jahren zu einer Art von Krankheit, von der mich
nur der Anblick und die Gegenwart heilen konnte". An der Porta del Populo
weiß er, er hat es geschafft. Dafür hat er Opfer gebracht, unter anderem
seinen Aufenthalt in Florenz auf drei Stunden gekürzt. (Die Porta del Populo
hat noch öfter Geschichte gemacht, zuletzt als dort die Stadtbefestigung
überwunden und ein „Ende des Kirchenstaates" eingeläutet wurde, siehe oben in der ultrakurzen Betrachtung der Geschichte).
Er ist fasziniert beim Anblick der Sixtinischen Kapelle, „was ein Einzelner
und ganzer Mensch machen und ausrichten kann".
Wenn der Papst in seine Hauskapelle kommt, um die Messe zu zelebrieren,
ist natürlich schon einer da: Goethe. Man bemerkt Goethes Ironie, wenn er
sagt: „mich ergriff ein wunderbar Verlangen, das Oberhaupt der Kirche möge
den goldenen Mund auftun und uns in Entzücken versetzen".
Aber „der Papst gebärdet sich wie ein gemeiner Pfaffe und das Messopfer
will dem Gast keineswegs gefallen". – Goethe ist nicht der Revolutionär, aber
doch der wache und aufrichtige Beobachter. Zusätzlich bringt er seine
dichterische Phantasie ins Spiel und sagt: „Was würde Christus sagen, wenn
er hereinträte, und sein Ebenbild auf Erden summend und hin- und
herschwankend anträfe?"
Und Goethe antwortet seiner eigenen Frage mit einem Zitat, das der
erscheinende Christus – in der Legende – dem Petrus gesagt haben soll:
„Ich komme, um erneut gekreuzigt zu werden!"
Diese Wendung der Gedanken hat sich Dostojewski später bei Goethe
„angeeignet" und genial ausgebaut: Die Begegnung von Jesus mit dem
Großinquisitor in den Brüdern Karamásoff. Geschickt entzieht sich dort
Dostojewski dem Vorwurf des Plagiats. Nicht er erzählt die Geschichte,
sondern Ivan denkt sich diese aus und erzählt sie seinem Bruder Alexej,
genannt Alioscha.
Goethe hat diese Bemerkungen über den Heiligen Vater natürlich nicht allzu
laut gemacht, denn der Papst war der Chef der römischen Geheimpolizei.
(Diese wird in der 1800 spielenden Oper Tosca wenig freundlich geschildert.)
Der Kirchenstaat war überhaupt rückständig. Das regt Goethe nicht so auf.
Viele haben ihn kritisiert, dass er sich mit seinen Kenntnissen und seinem
Einfluss nicht in die Politik einmischt. Das gipfelte in den Vorwürfen der
Fürstendienerei: Er, der freiste Dichter, hat sich 15 Jahre zuvor bei einem
Fürsten verdingt. Vorläufig hält er es mit den Mächtigen, ohne sich von
diesen kaputtmachen zu lassen.
Er ist kein Besserwisser. Er weiß, es ist nicht einfach zu regieren. In
Weimar sind die Kassen auch nicht voll. Er hat selbst versucht, in Illmenau
den Silberabbau anzukurbeln, ist aber gescheitert. (Nur hier erinnert Goethe
an George Bush). Er hat selbst sparen müssen, hat das Heer halbiert,
worauf er heimlich stolz ist.
In Weimar verfügt er zudem nicht über die Spenden, die dem Papst zur
Verfügung stehen, die diesen aber träge gemacht haben. Goethe ist nicht
neidisch.
Er hat – dank Herkunft und Erziehung - eine unverkrampfte
Beziehung zum Geld. Er will Dichter sein, aber auch Geld verdienen. Ein bis
zum heutigen Tage schwieriges Unterfangen. Zu Goethes Zeit war es praktisch
nicht lösbar. Kloppstock hat Ansätze gemacht, einen Teil seines Lebens-
unterhaltes mit
Dichtung zu verdienen. - Eine Anna Maria Karch (ich weiß nicht, ob ich den
Namen richtig schreibe) hat sich und ihre Kinder durch Stegreifgedichte
notdürftig über Wasser gehalten. Dichten war damals nicht viel besser als
betteln.
Wie war das in Goethes Jugend. Wie kam er, der Begüterte, auf die Idee,
sich an einen Fürsten zu verkaufen?
Goethes Vater hat sein stattliches Vermögen verwaltet und ansonsten den
ehrenvollen Titel eines kaiserlichen Rates gepflegt. Das war dem Sohn zu
wenig. Er wollte nicht der „Haussohn" bleiben. Die Lösung „Anwaltspraxis in
Frankfurt" befriedigte ihn nicht. Gott sei Dank kommt ihm zu Gute, dass sein
Vater die Zeit hat, sich um diese Praxis zu kümmern, und das auch gerne
tut.
In dieser Situation lässt er sich vom Fürsten in Weimar engagieren. Sehr
unspektakulär schildert er später seine Dankbarkeit. Er sagt in etwa: Wer
gab mir was für meine sauer errungene Dichtung? Er macht sich lustig:
„selbst der Chinese malt Werthern mit zitternder Hand". Nur sein Fürst gab
ihm ein schönes Haus. Und hat ihm – wenngleich, ohne es zuerst zu wissen
– seinen Wunschtraum einer Italienreise ermöglicht.

Er versucht emsig, „das alte, das vorchristliche Rom aus dem neuen
herauszuklauben" (ungewöhnliches Wort). Stark beeinflusst ihn dabei
Winkelmann, der mit seiner Kunstgeschichte die Antike sozusagen
wiederentdeckt hat.
„Was die Barbaren stehen ließen, haben die Baumeister des Neuen Roms
verwüstet". An diesen Spruch lehnt sich Lord Byron an, er schreibt an die
Akropolis: „Quod non feciunt Goti faciunt Scoti". Was die Vandalen nicht
zerschlagen haben, machen die Briten kaputt – oder so ähnlich. (Jetzt rächt
es sich, dass ich gegen den allzu ausgedehnten Latein-Unterricht wettere).
Goethe bleibt bei allem Geistigen den praktischen Fragen aufgeschlossen:
Natürlich fasziniert ihn die Naturbeobachtung, so auch der Fisch, der dem
Berührenden einen elektrischen Schlag versetzt.
In seinen Briefen versäumt er auch nicht, einmal eine Passage zu bringen,
die man „den Kindern vorlesen kann", wo er den Kleinen erklärt, „was es in
Italien für lustige Dinge zu beobachten gibt".
Bei der Begeisterungsfähigkeit und dem Geschick Goethes, mit Geld
umzugehen, bleibt es nicht aus, dass er eine Menge einkauft, zum Beispiel
interessante Gipsabdrücke. Auch in dieser Beziehung ist er in seinem Italien
der ideale Gast, es ist trotzdem nicht so, dass der sich Wertloses
aufschwatzen lässt.

Sehr entspannt lässt er sich von seinem Freund Tischbein portraitieren, im
Hintergrund die Ruinen Roms, geschätzte 2 x 3 Meter hängen im Städel,
auch heute noch die beste Reklame, die Frankfurt für sich machen kann.
Gleichzeitig eine zeitloses „Werbeplakat" für Italien.
Das Wichtigste: Goethe hat auf der Reise seinen Charakter gebildet, und
er kann die Dinge aussprechen. Er hat sich, wie er sagt, geübt, alle Dinge –
wie sie sind – zu sehen und abzulesen: „meine Treue, das Auge Licht sein
zu lassen, meine völlige Entäußerung von aller Prätention".
Er befreit sich von dem Vorurteil. Und dieses aktive Streben macht ihn auch
„im Stillen höchstglücklich". Er schildert eine Freude und einen tiefen
Frieden, und glaubt, dass diese Erfahrungen gesegnete Folgen für sein
ganzes Leben haben werden „Ich bin nicht hier, um nach meiner Art zu
genießen; befleißigen will ich mich der großen Gegenstände, lernen und
mich ausbilden ehe ich vierzig Jahre alt werde".  

Lukovo

Abb.18: So stellte sich Buxbaum
das römische Theater vor (Marcellus/ Rom).

In Neapel:


Goethe erinnert sich in Neapel mit Rührung seines Vaters. Er bleibt auch
hier menschlich mitfühlend, die Auseinandersetzungen der Vergangenheit
treten zurück.
Er findet das Wetter „unglaublich und unsäglich schön". Er besteigt
gemeinsam mit dem Maler Tischbein den Vesuv. Goethe zeigt sich „total
begeistert, Tischbein völlig genervt vom gewaltigen Donner, der aus dem
tiefsten Schlunde hervortönte".
In Neapel lernt er eine etwas wunderliche Prinzessin kennen, die sich darauf
spezialisiert hat, die hohe Geistlichkeit durch gott- und sittenlose
Bemerkungen zu ärgern. Die einzelnen Aussprüche müssen so markig
gewesen sein, dass Goethe nicht den Mut hat, sie uns mitzuteilen.

Sizilien:


Von Neapel fährt der Dichter nach Sizilien: Kalabrien hatte einen
verheerenden Ruf und ist diesen bis zum heutigen Tag nicht losgeworden *.
Zu Schiff war es anscheinend doch noch sicherer und schneller als auf dem
Landweg: Sein Schiff ist in Amerika gebaut, wegen beständigem Gegenwind
dauert die Überfahrt vier Tage. Goethe ist seekrank, aber er findet es schon
wieder großartig, einmal ringsum vom Meere umgeben zu sein und er lernt
dauernd etwas dazu, so die Wasserfarbenmalerei. Er studiert Messina, das
von einem Erdbeben noch stark zerstört ist.
Einzelne Episoden verraten viel vom Charakter Goethes:
Auf der Rückfahrt geraten sie in große Gefahr, an der Insel Capri zu
zerschellen. Die Passagiere „schalten und tobten gegen den Kapitän". In
dieser ziemlich verworrenen Situation traut Goethe sich zu, das Wort zu
ergreifen, und es gelingt ihm, Ruhe herzustellen. Schließlich schaffen es die
Seeleute, mit Hilfe der Segel von den gefährlichen Felsen wegzukommen.
Als beim letzten Stück der Rückfahrt die Silhouette von Neapel auftaucht,
stimmt ein Knabe, der hinten auf der Kutsche mitfährt, ein Freudengeheul
an. Goethe fährt ihn an und gebietet ihm zu schweigen. Der vornehme Herr
wünscht Ruhe. Der Junge sagt „Verzeihen Sie Herr, da taucht doch meine
Heimat auf!". Goethe ist gerührt und beschämt.

Wieder in Rom:


Alles „erfreut sein Auge auf das Allerangenehmste".
Auch die Kleinigkeiten des Alltags. Zum Beispiel die „Macaroni, ein zarter,
stark durchgearbeiteter, gekochter, in gewisse Gestalten gepresster Teig von
feinem Mehl". Diese konnte man an der Ecke fast jeder großen Straße „sich
zubereiten lassen". „Viele tausend Menschen tragen ihr Mittag- und
Abendessen von da auf einem Stückchen Papier davon". Der Ursprung von
McDonald's in gesünderer Form liegt also bei Goethe.

„Wir pflegen gewöhnlich, die Liebhaberei zu bunten Farben barbarisch und
geschmacklos zu nennen". Er verteidigt diese Gewohnheit, „sich und alle
seine Gerätschaften mit so hohen Farben wie möglich auszuputzen". Er
meint, die lebhaftesten Farben werden durch das gewaltige Licht gedämpft.
„Begraben sie auch ihre Toten; da stört kein schwarzer langsamer Zug die
Harmonie der lustigen Welt".

Die Faszination der Farben bleibt bei ihm nicht ohne Wirkung. Er hat viele
Jahre an einer großen „Farbenlehre" gearbeitet. Tatsächlich holt ihn hier sein
eigener, von ihm gut erkannter Fehler ein. Er verkennt und verachtet die
Untersuchungen von Isaac Newton, der eine unangreifbare Theorie des
weißen Lichtes und der Farben vorgelegt hatte. Die Prismen, die sich
Goethe für viel Geld hat machen lassen , waren so schlecht, dass
er Newtons Experimente nicht schlüssig nachvollziehen konnte.

Goethe beschäftigt sich ausführlich mit der Frage: „Stimmt das Vorurteil,
dass alle Südländer faul sind?" Er hält es für eine „neuerliche" Ansicht, dass
man jeden für einen Müßiggänger hält, der sich nicht den ganzen Tag
ängstlich abmüht. Er macht sich deshalb auf, selbst Müßiggänger
aufzufinden. Tatsächlich kommt Goethe zu einem anderen, sehr humanen
Ergebnis. Er findet keine eigentlichen Müßiggänger, sondern nur solche, die
noch auf den richtigen Wind, auf Waren, auf ihren Dienst warten. Er findet im
Gegenteil die Menschen sehr beschäftigt: „Sogar die Kinder verkaufen
Fische, Holz, Wasser der Schwefelquellen, Obst, Honig, Kuchen. Andere
schaffen den Kehricht aus der Stadt, bringen zu allen Tageszeiten Gemüse
in die Stadt hinein. Andere, die ohne Umstände auf einem Brett ihre
Kleinigkeiten, oder auf flacher Erde ihren Kram ausbreiten".
Goethe sieht also einen lebhaften, nach seiner Ansicht respektablen Handel
und Wandel. Er empfindet sogar, dass die Menschen hier weniger als in
seiner Heimat untereinander Gräben aufreißen. „Ein Mensch, der sich bei
schlechtem Wetter irgendwo gegen ein geringes Schlafgeld untersteckt, ist
deswegen noch nicht verstoßen und elend; ein Mensch noch nicht arm, weil
er nicht für den anderen Tag gesorgt hat".
Bei der Flut von Eindrücken hat er noch Gelegenheit nachzudenken und
Werke zu planen. Dazu stiftet ihn sein trotz aller Harmonie aktives Über-Ich
an: „Ich bin alt genug, und wenn ich noch etwas machen will, darf ich mich
nicht säumen!"
Oft redet er von seiner „Iphigenie", seinem Theaterstück, an dem er
gewöhnlich am frühen Vormittag arbeitet.
„Nun liegen noch so zwei Steine vor mir: Faust und Tasso". Er sagt
wohlbemerkt nicht, die Steine lägen auf seiner Brust, oder in seinem Magen!
Sie sind vor ihm, zum Anpacken und Wegräumen.

Der feine Herr bleibt bei aller Menschlichkeit gegenüber seinen Mitmenschen
zu sich selbst kritisch. So selbstkritisch, dass er seine Schwächen und
Stärken gerne mit dem Leserpublikum diskutieren möchte. Er entdeckt bei
sich zwei Fehler:
1.    Dass er „nie das Handwerk einer Sache, die ich treiben wollte oder sollte,
lernen mochte." Also er geht autodidaktisch ran und improvisiert.
2.    Dass er nie so viel Zeit auf eine Arbeit oder ein Geschäft wenden
mochte, als dazu erfordert wird.

Bei dieser Analyse ist er durchaus selbstbewusst: Er genieße die
Glückseligkeit, sehr viel in kurzer Zeit denken und kombinieren zu können,
hat er doch seinen Werther und seinen Götz von Berlichingen in wenigen
Wochen zusammengeschrieben, und hat ihn doch sein Freund Merk noch
unter dem Tor der Darmstädter Villa darin bestärkt: „Umarbeiten würde es
auch nicht besser machen. Jetzt müsse die Wäsche auf die Büsch!". (Heute
ist die Merk'sche Villa längst abgerissen, aber das Tor existiert noch. Es
wird  in Ehren gehalten vom Schreiber dieser Zeilen und seiner
Familie.)

Bei solchen selbstkritischen Gedanken bleibt Goethe auch mal einige Zeit
aller Gesellschaft fern. Nach gelungener Einkehr entschließt er sich, in
seinem Quartier eine "Party" steigen zu lassen: nämlich ein Konzert eines
geübten Violinisten. Das ist nicht ganz einfach trotz seiner geräumigen
Unterkunft. Seine Christiane der folgenden Jahrzehnte mag ihm hier gefehlt
haben. Er engagiert Helfer, nämlich „Juden und Tapezierer", diese
schmücken den Raum. Solche Improvisationen hätten Lilli Schönemann
nicht gefallen, sie wollte lieber noch zehn Diener herumspringen haben. Der
Hesse Goethe denkt da praktisch, fast schwäbisch. Er engagiert gerne
Helfer, aber die sollen auch Hosen stopfen, zeichnen, abschreiben,
Koffer packen können.

Natürlich wäre er nicht Goethe, wenn er nicht bei einem Lottospiel (!) eine
Römerin und eine Mailänderin kennen lernte – und ein bisschen Tragik muss
sein: Er weiß gar nicht, in welche er sich verlieben soll. Er wäre kein Mensch
vom Theater, wenn er nicht dramatisch seine Bestürzung schildern könnte,
als er feststellt, dass die Liebgewonnene verlobt ist.


Goethe lässt sich leicht in ein anderes Land verpflanzen. Sicher kommt ihm das
nötige Kleingeld zugute. Was sicher auch sehr hilfreich ist: in der Fremde ist er sofort beschäftigt. Er unternimmt pausenlos etwas, und wenn er nur Pläne macht. Er ist ein idealer Gast, weil er bemüht ist, Gutes zu finden, und er findet
reichlich. Er ist alles in einer Person, auch der Advokat, der Gastgeber.
Man kann ihn nicht nur in andere Länder leicht versetzen, auch in anderen
Zeiten würde er sich leicht zurechtgefunden haben.
Neuerungen späterer Zeit hätte er kritisch, aber mit großem Interesse
aufgenommen. Er ist flexibel, gerade als Dichter kann er sich auch eine ganz
andere Welt, eine ganz andere Gesellschaft denken. Für diese andere Welt
mag er allerdings nicht die Waffen ergreifen, allenfalls die Feder.

Hier enden meine Notizen mit dem Fazit: Besonders der Reisende kann beim
alten Goethe viel lernen.

* Ohne diese Geschichte der Einschätzung von Kalabrien zu kennen, hat
Moni kurz nach unserer Einfahrt dafür plädiert, Kalabrien schleunigst wieder
zu verlassen.