Nin besitzt reichlich römische Reste

Abb.19: Chioggia, 25 km südlich von Venedig,
ein Juwel und Abbild im Kleinen.
Es fehlt nichts: der Dom, viele Kirchen
und viele Brücken.

Wie wird es uns weiter ergehen südlich von Venedig?

Durch viel Schilf und Sumpf über viele Po-Arme hinweg nehmen wir – nach
dem Pflicht-Abstecher über Padua – den kürzesten Küstenweg, um ein
kleines Juwel nicht zu verpassen: das Städtchen Chioggia, 25 Kilometer
südlich von Venedig. Es ist ein verschlafenes, aber malerisches Abbild der
Serenissima, der ehrwürdigen Stadt und Republik Venedig.   

Abb.20: Chioggia, fotogen, auch wenn
öfters ein Kabel im Weg hängt

Obwohl klein,
fehlt in Chioggia nichts: ein Dom, jede Menge weitere Kirchen, Paläste und
viele Brücken. Halb Wasserstraßen, halb Autostraßen. Wenig Touristen und
reichlich Fischerei.
Der moderne Badeort Sottomarina ist durch eine Brücke mit Chioggia
verbunden. Er bietet nichts, was wir nicht noch tausendfach sehen werden.  

Abb.21: Chioggia, viele Kanäle

Nochmals 30 Kilometer südlich entdecken wir ein weiteres Abbild von
Venedig im Kleinen: Comacchio. Noch davor liegt Pomposa, eine ganz berühmte romanische Abtei. Kirche, Kloster und Kirchturm sind gut erhalten und
eindrucksvoll. Giotto begegnet uns schon wieder, er hat auch hier gemalt.
Die Notenschrift wurde hier entwickelt.
Aber um das Jahr 1300 ++ rückte der Sumpf weiter vor, mit ihm kam die Malaria zurück, und die Benediktiner verließen ihr erfolgreiche Wirkungsstätte.

Comacchio liegt an einem Lagunen-See, dessen Ende man nicht sehen
kann. Beliebtestes Fotomotiv ist eine barocke Brücke: Treponti, die
Dreifachgeschwungene. Drei Kanäle laufen hier mercedessternförmig
zusammen. Die Brücke verbindet die drei Ufer. Das ist eine beliebte Bühne
für die Dorfjugend. Es gibt auch zeitgenössische Kunst im Palazzo Bellini.
Und nebenan ein römisches Schiff mit Ladung. Salzgewinnung, ehemalige
Fischfabrik (also die „cannery row" auf Italienisch). Ein Uhrturm ist
umgefallen und musste neu aufgebaut werden: eine alltägliche italienische
Geschichte. Man baute – wenn ich es richtig verstanden habe – eine breite
Basis, wie ein Kerzenständer, damit der Turm besser steht. Cormacchio
möchte etwas tun für die Gäste: Radtouren zwischen See und Meer und
manches andere wird angeboten.

Wir sind im B+B Ponticella untergekommen. Viel Marmor und Ausblick auf
einen Kanal. Ein "Reiseführer mit originellen Quartieren" führt dieses
Quartier auf. In ihm wird unter anderem betont, dass die Mutter persönlich
für den Gast Kuchen bäckt.

Nach Comacchio kommt Lido di Spina, eine Neugründung einer im Meer
versunkenen Etruskerstadt, Spina. Der größte Teil wurde erst 1992 (aus
der Luft) entdeckt. Ungewöhnlich, dass sich das Etruskerland bis zur
Adriaküste erstreckt. Etruskerland in unserer Vorstellung – wir kommen noch
ausführlich dazu – ist die Toskana und das mittlere und nördliche Lazio.
Zugegeben, es gibt Ausläufer nach Umbrien und in die Emilia.
Hier in Spina gibt es zur Zeit nichts zu besichtigen, alles etwas hochgeklappt
in dieser zweiten Septemberhälfte. Aber die Pinienwälder sind schön.
 

Abb.22: In Ravenna, ehemals Hauptstadt
des römischen Reiches sind die byzantinischen
Mosaiken, ein ungeheuerer Schatz.



Von dort nach Süden erreicht man nach 60 Kilometern durch
Lagunenlandschaft  Ravenna.  

Heute präsentiert sich Ravenna zuerst mit seinen mächtigen Raffinerien.
Ravenna hat wahrscheinlich keine Geldsorgen.

Erst mit einiger Mühe findet man den historischen Kern.  

Es war die Hauptstadt des Römischen Reiches; allerdings des Weströmische Reich.
Anschließend an das Römische Reich war es die Residenz
eines der germanischen Nachfolgestaaten, Residenz des Theoderich (493
bis 526). Er gehört zu der nicht kleinen Gruppe genialer Menschen, die nur
33 Jahre alt wurden. Sein Grabmal steht in Ravenna und ist nicht nur ein
sehr wohlgeformter Rundbau mit einem für ein christliches Dokument
ungeheurem Alter, sondern fasziniert auch durch den mächtigen Felsblock,
der das gesamte Dach bildet. Uns zu Ehren war der Bau frisch geputzt und
erstrahlte wie frisch aus der Fabrik. Nein, er ist bestimmt nicht aus der
Fabrik, sondern etwas Einmaliges aus einer Zeit mit so wenig Zeugnissen.
Quellen vermischen sich aus dieser dunklen Zeit mit Sagen. Theoderich ist
wahrscheinlich der „Dietrich von Bern" der Sage.

In diesem Reich wurden die Beziehungen und Einflüsse zu Byzanz sehr
stark. In Byzanz spielte sich die Weltkultur ab. Dort gab es einen Kaiser in
der unstrittigen Nachfolge des Römischen Reiches. In Rom gab es nur noch
einen Papst und römische Ruinen. Also kann man wetten, dass jemand von
Byzanz nach Ravenna herüber und hinüber geheiratet hat.
Es entstanden in Ravenna phantastische (byzantinische) Mosaike, schönste
und wegen ihrer Seltenheit wertvollste Repräsentanten dieser Zeit um 500
Jahre n. Chr.. Am eindrucksvollsten ist San Vitale.

Auch der Markusdom hat alte Mosaike, aber diese sind im Vergleich zu
Ravenna ganz schlecht beleuchtet. Ich durfte im Abstand von 10 bis 20
Jahren Venedig sehen. Beim letzten Besuch fand ich vor dem
Markusdom eine Mensche-Schlange von 300 m Länge. So entschloss ich mich, in
zehn Jahren wiederzukommen. Tourismus hat eigene Gesetze. Es ist
nicht schwierig, die extrem überlaufenen Orte zu meiden und durch andere
wertvolle Orte zu ersetzen, wo niemand wartet. Dort besteht allerdings die Gefahr,
dass man etwas wegen geringer Nachfrage für einige Monate geschlossen
hat.

Mosaike muss man aus der Ferne anschauen und aus der Nähe. Aus der
Ferne verschwimmen die Steinchen zu Malerei, aus der Nähe ist jedes Detail
ein Kunstwerk, oft ein sehr abstraktes, immer ein sehr plastisches.
 
Mancher Deutsche ist froh, wenn er sich die Zahlen auf Italienisch merken
kann. Hier in Ravenna lohnt es sich, sich drei berühmten Kirchen zu merken:
San Vitale, auch mit historischen Darstellungen, nämlich denen des Kaisers
Justinian und der Kaiserin Theodora,
Sant'Apollinare nuovo, und südlich der Stadt
Sant'Apollinare in classe.
Es gibt noch zirka fünf weitere, auch sehr wertvolle Bauten.
Man begreift: Diese Menschen, die die Völkerwanderung in den Süden gebracht hat, waren nicht nur Totschläger, sie waren lernfähig in Sprache, Architektur und Kunst.

Auch Ravenna ist dem Schlamm der Lagunen abgerungen. Ein Wunder,
dass Theoderichs Grabmal das Monsterdach ver- und getragen hat, ohne zu
kippen. Immerhin ist das ganze Bauwerk ganz schön eingesunken.
Dante, der Nationaldichter (und Schöpfer des modernen Italienisch) liegt hier
begraben. Noch in der Grabinschrift beklagt er sich über seine undankbare
Geburtsstadt Florenz. So nachtragend können Kinder sein.
Zu erwähnen ist noch ein mittelalterliches Castello, sehr geeignet zum
Parken im Schatten.



Es folgen einige bekannte Seebäder bis zum 50 Kilometer südlich gelegen
Rimini.
Zugvögel sammeln sich in Scharen. Es gibt ein merkwürdiges Phänomen,
offenbar ist der einzelne Vogel gar nicht zu erkennen. Erst wenn mehrere
beieinander fliegen, sieht man den Schwarm. So verschwindet der Schwarm
und wird wieder sichtbar. Wer kann das ein bisschen besser erklären?  

Abb.23: San Marino.
3 Burgen wachen über der ältesten Republik der Welt

Vor Rimini bei Cervia liegt Milano Marittima, eine moderne Gartenstadt. Ein
Museum befasst sich mit der in dieser Region bedeutsamen Salzindustrie.
Hoffentlich macht sich der Überschuss an Salz nicht bei den Spaghetti
bemerkbar. Ein Torre San Michele (wir begegnen ihm wieder auf dem
Gargano) schützt die Salzspeicher vor Piratenüberfällen.
Bei Cervia fahren wir von der Hauptstraße ab. Es war nicht so beeidruckend:
viel Wald, kleine Äckerle, viel Fischfang. Immerhin nur vereinzelte Bettenburgen.
Nach Cesentario ist es nicht weit. Die Reiseführer sind in dieser Region
schon begeistert, wenn sich ein Hafenstädtchen bei dem unausweichlichen
„Man spricht Deutsch"-Tourismus noch einen alten Stadtkern bewart hat.
Hier gibt es diese „Conserve", eine altertümliche Einrichtung, Fische frisch zu
halten.

Rimini lassen wir, etwas enttäuscht von der vermarkteten (zur Zeit
verwaisten) Küste. Manche sagen, es sei ein elegantes Seebad mit langem
Sandstrand, was bedeutende römische Bauwerke besitzt: den
Triumphbogen des Augustus, die Brücke des Tiberius, Tempio Malatestiano.
Letzteres ist eine Renaissance-Dynastie, die Rimini sehr gestaltet hat.
Stammburg der Malatesta war das Castello Sigismondo. Dazu die Kirche
des Hl. Franz, eine gotische Kirche. Die Gotik muss man in Italien kennen
und erkennen, um sie zu finden. Als Seebad begann der Ruhm der Stadt
1908. An diese Zeit erinnern Jugendstil-Bauten.
Statt Rimini sind wir im nahen Santarcangelo (di Romagna): sehr malerisch,
dazu prähistorische Grotten.

Nur 15 Kilometer von Rimini entfernt kommen wir zum ersten Mal auf
unserer Reise mit einem Bergdorf etruskischen Ursprungs in Kontakt:
Verucchio, beherrscht von der Stammburg der Malatesta, jenem bereits
erwähnten, frommen Adelsgeschlecht der Renaissance. Sie sammelten
Kunst und Pilze, besonders auch die giftigen.

Etwas im Landesinneren liegt San Leo mit der Rocca, einer imposanten
Festung, ehemals päpstliches Staatsgefängnis. Graf Cagliostro zum Beispiel
saß hier ein, ein Hochstapler, Alchemist und Heilkundiger. Erst vor wenigen
Jahren hat wieder ein Autor einen Roman über ihn geschrieben. In dem Dorf
stehen zwei frühromanische Kirchlein, viel schöner als die ganze Festung.
Wir finden in der Nähe bei einer Signora Anna eine gute Unterkunft. Sie hat
um das Haus einen regelrechten Zoo aufgebaut. Alles ist sorgfältigst
gepflegt. Auch das empfohlene Gasthaus ist Spitze und hat uns mit „vino
santo", dem Dessertwein (oder Messwein) der Region, verwöhnt.

Von dort etwas zurück zum Meer ist es nicht weit zur Republik San Marino.
Drei Burgen wachen über dem Stadtstaat. Nach Meinung der Einwohner ist
es die älteste Republik der Welt, die in Funktion ist. Alle sechs Monate
tauschen sie ihre beiden Capitanos aus. Der Stadtstaat ist ein Kuriosum,
was sich über die Jahrhunderte hinweggerettet hat (auch das Juliusspital ist
ein solches Kuriosum). Es erschiene uns kurios, wenn Venedig heutzutage
immer noch einen Dogen hätte und der Doge turnusgemäß Ratspräsident im
Europarat wäre. Die Republik Venedig hatte demokratische Elemente, aber
auch der Losentscheid war in Venedig etabliert.
Die Unabhängigkeit von San Marino ist natürlich auch eine gewaltige
diplomatische Leistung der Einwohner. Sie trotzten der Familie Malatesta,
trotzten dem Papst, Napoleon hatte Respekt vor ihnen, von der italienischen
Einheit waren sie begeistert und blieben eigener Staat. Wieso nicht
zumindest Mussolini dieses Dörfchen mit einem Millionenheer angegriffen
und nach mehrjähriger Belagerung erobert hat, bleibt ein Rätsel. Auch die
Deutschen ließen San Marino offenbar in Ruhe. Geschichte ist kurios, leider
oft schrecklich.
 

Abb. 23a: San Leo mit der eindrucksvollen,
ehemals päpstlichen Festung Rocca.
Maler ist der Autor, er lässt im
Felsen einige geheimnisvolle
Gestalten lebendig werden.

Abb.24: Urbino,
ehemals führendes Kulturzentrum (Renaissance)

Zurück zur Küstenstraße wollen wir nicht, Pesaro lassen wir fallen. Wir
ließen uns erzählen: Viereckiger Grundriss der Stadt spricht für römische
Gründung, zwei Kilometer vor der Stadt liege die schöne Villa Caprile, in der
Stadt die Jugendstil-Villa Ruggheri, und der „Palazzo ducale" an der Piazza
del Popolo. Lukrezia Borgias Badezimmer hätten wir sehen können und das
Geburtshaus von Rossini.

Stattdessen fahren wir von San Marino auf kleinen Sträßchen weiter ins
Landesinnere nach Urbino (33 Kilometer, der Geburtsort Rafaels, das
Geburtshaus ist zu besichtigen). Urbino ist ein ehemals führendes
Kulturzentrum (Renaissance) mit einem herzoglichen Palast (Montefeltro)
und sehr sehr vielen (Kunst-)Studentinnen. Vier Straßen bilden ein Kreuz:
zwei fallen stark ab, zwei steigen stark an.
Trotz der Jahreszeit ist viel los und für den Unkundigen ist es schwer, einen
Parkplatz zu finden. Ab hier sind wir in den „Marken" mit dem Zentrum
Ancona.

Den Berg San Bortolo mit dem schönen Ausblick haben wir uns geschenkt.
Wir fanden, der Eindruck von San Marino wird schwer zu übertreffen sein.
Und bleiben bis Ancona (ca. 50 Kilometer) auf der Autobahn.
 

Abb.25: Ancona,
wichtige Hafenstadt griechischen Ursprungs,
Hauptstadt der „Marken“

Ancona ist griechischen Ursprungs. Es ist sehr geschäftig und – das
entschuldigt – etwas dreckig. In der Altstadt auf der Landzunge steht der
Palazzo Fervetti mit dem Nationalmuseum der Marken. Am Cap in schönster
Lage ein Kriegerdenkmal mit starker Pose. Etwas weiter südlich liegen die Kalkfelsen, die man oft auf alten Stichen und neuen Fotos sieht. Ein solches Bildchen schenkte mir ein Jugendfreund meines Vaters, der Junggeselle und
Lebenskünstler Dr. Hubert Döller. Wenige werden sich an ihn erinnern, ich
tat es beim Anblick der Kalkfelsen von Ancona.

An der jetzt steilen Küste geht es 30 Kilometer nach Süden, ein recht
schöner Abschnitt. In der Ferne rechts die hohe Gebirgskette des Apennin.
Der Monte Conero 30 Kilometer südlich von Ancona gab dem
Strandabschnitt seinen Namen, die Wälder sollen schön und uralt sein. - Es ist
typisch: Steilere Küste bedeutet prompte Verdünnung des Touristen-
Betriebs. Das schätzen wir. Aber Vorsicht, es bedeutet auch Einschränkung
der wirtschaftlichen Möglichkeiten. Ich drücke mich um das Wort "Armut". Dies
spürt man daran, dass man nicht so leicht etwas zum Essen findet. Also die
Ökonomie der Küste ist einfach zu verstehen. Bei der Bewertung kann man
in einen Zwiespalt kommen.
Die mächtige Anlage eines Klosters, Carilo, thront in einiger Entfernung auf
der Anhöhe.

Civitanova Marche: Es wird wieder flacher, die Straße wird eng, sehr
verkehrsreich und manchmal Stau. Die Durchfahrt durch die nächsten Orte
ist ungemütlich.
Porto San Giorgio ist freundlicher, hier bleiben wir im Hotel Rosa
(verschlissene Eleganz) und joggen ein bisschen am Strand im feinen Sand.
Zum Abendessen gibt es Pizza aus der Hand und Bier. Die Lokale waren
nicht so überzeugend.
Vom Vortag der Staatsstraße überdrüssig geht es mit der Autobahn durch
die Abruzzen bis zum Gargano, geschätzte 200 Kilometer. Gut ausgebaut,
viele Tunnel und Brücken.
Von der Landschaft her eine unerwartet schöne Strecke. Es ist, abgesehen
von der kleinen Fischerei, ein Land der Viehzüchter und Kleinbauern. Das
Zentrum der Abruzzen ist übrigens L'Aquila, vom Staufer Friedrich II.
gegründet. Es pflegt die Legende: Es soll 99 Viertel mit 99 Kirchen haben,
also noch ein paar mehr als Würzburg, 99 Paläste an 99 Plätzen mit 99
Brunnen. Hoffentlich hat es auch 99 Wirtschaften. Für uns war es 99
Kilometer zu weit von der Küste entfernt.

Oft liegen oberhalb der Badeorte schöne alte Dörfer. Eigentlich ist es
umgekehrt: Die im Schutze der Hügel gewachsenen Dörfer haben Satelliten
mit Meeresstrand. So liegt oberhalb von Silvi Marina das Bergdorf Silvi Alta.
Auf 240 Metern soll man den schönsten Rundblick haben. Uns genügt der
sehr schöne Ausblick von unserer Straße auf die abwechslungsreiche
Landschaft, die hohen Berge und das Meer. Markant sind auch die oben
geschlossenen Weinberge, so entstehen weite Flächen mit Weinlauben.

Auch in Pescara, nicht verwechseln mit Peschici, wo wir bald hinkommen,
wollen wir nicht mehr von der Autobahn runter. Eine Form von
Suchtverhalten?
Der Apennin im Osten wird jetzt 2900 Meter hoch (Gran Sasso). Chieti,
leicht im Landesinneren, soll einen guten Ausblick über das Bergmassiv
bieten. Notfalls vom Restaurant „Bellavista" im obersten Stock.

Abb.26: Zeit auf dieser Mittelmeerfahrt, dem schweren Beruf
der Fischer zu gedenken.Hier mit einem Kunstwerk, dem Torso
eines Fischers, römische Arbeit nach griechischem Vorbild,
gefunden weit außerhalb Italiens in Aphrodisias (Kleinasien)

Bevor wir den Stiefelsporn Gargano erreichen, führt der Weg durch Termoli.
Es ist bezaubernd, unter der Voraussetzung, dass man sich durch die "üble"
Außenstadt durchgearbeitet hat. Obligatorischer Dom und eine Burg aus der
Stauferzeit. Diese Burg bewacht eine kleine Altstadt, die auf einem 30 Meter
hohen Felsen aus der Meersbrandung ragt. Malerische Winkel mit
interessanten Details. Manches Türornament könnte genauso wie die Burg
aus der Zeit der Staufer stammen. Hier versteht man das Wort "Staufer" nicht: das sind die Schwaben = Suebi.
Termoli hat sich gelohnt. Der gute Eindruck der Kunstgeschichte wurde
durch eine geeignete Brotzeit verstärkt. Hier gab es hauchdünnen
Parmaschinken, der zur Kräftigung und Hebung der Stimmung entscheidend
beitrug. Und vor allem gelingt uns mittlerweile zu erklären, was wir wollen.
Die Italiener sind da unkompliziert: Wenn es verstanden wird, geht fast alles.

Nebenbei: Die Fülle der Eindrücke ist schon jetzt, nach den wenigen Tagen,
sehr groß. Ich merke, dass ich beginne, Fehler in der Reihenfolge der Orte
zu machen, und Termoli mit Trani verwechsele. Das wäre natürlich grober
Unfug. Mit guter Vorbereitung kann man zwar mehr bewältigen als ohne. Trotzdem waren wir  an die Grenzen der Kapazität gestoßen. Sinnvoll
wäre gewesen, doppelt so viele Übernachtungsplätze einzuplanen, und an
jedem von diesen zwei statt einen Tag zu bleiben. Die ganz Fahrstrecke hätten wir halbieren sollen. Dieser nicht gerade genialen Erkenntnis habe ich trotzdem auch später zuwider gehandelt.

Der Gargano ist der Klassiker eines Promonturiums, eines Vorgebirges. Er
gehört geologisch eher zum Balkan. Solche Sachen erzählen uns die
Geologen öfters: So soll auch das Matterhorn afrikanischen Ursprungs sein.
Man kann den Gargano landschaftlich schön umrunden: Vorbei an zwei
großen Lagunen, über Sannicandro und Torre Mileto, kommt man zu den
mächtigen Wachtürmen, die sich nach unten verbreitern. Es gibt diese
Bauart – behaupte ich – 100 Mal, ich glaube sie stammen aus der Zeit der
Normannen.

Rodi Garganico hat einen verfallenen Charme. Hier baden wir, die Strände
sind entgegen der Warnung auch nicht schlecht. 

Abb.27: Verwunschener Ort Vico del Gargano

Bei der Weiterfahrt müssen wir etwas von der Küste weg und sehen in der
Ferne hoch oben auf dem Berg eine Stadt so schön, wie sich Pilger das
himmlische Jerusalem vorgestellt haben.

Ein Auto ist ja ein entmystifizierendes Gerät: Es bleibt nicht bei dem Traum, kurz später sind wir da. 

Abb.28: Hier ist das frühe Mittelalter
stehen geblieben

Vico del Gargano ist das Tor zu einem uralten geheimnisvollen Waldgebiet:
Das Städtchen besteht aus drei Abschnitten: Casale, Terra und dem Castello
normano-suebico. Das sehr frühe Mittelalter ist stehen geblieben. Wir sind
ganz am Beginn einer Entdeckung und Restaurierung. Die Häuschen passen
sich in ein System von Stadtmauern mit komplizierten äußeren und inneren
Ringen ein. Alle Treppen liegen außerhalb der Behausungen. Stattliche
Rundbögen dienen als Tore. Ein Museum liegt im Keller einer römischen
Kultstätte. Eintritt ein Euro – wie gesagt- echtes Mittelalter. 

Abb.29: Peschicci auf der Halbinsel Gargano,
romantische Gässchen mit grandioser Aussicht
aufs Meer. Eng und ärmlich hausten die Großfamilien früher

Die Abfahrt nach Peschici ist kurvenreich. Eindrucksvoll liegt es auf einer
Felsenscholle am Meer. Dort übernachten wir, mit grandioser Aussicht aufs
Meer. Beim Spaziergang durch die romantischen Gässchen finden wir alles
viel besser „in Schuss" als in Vico. Hier ist alles bereits vom Tourismus
entdeckt und vermarktet. Der helle Stein, fast wie Marmor, wirkt freundlich.
Jahrhunderte haben Stufen und Pflaster auf Hochglanz poliert. Die Stadt
passt sich auf jedem Meter dem Felsen an. Das bedeutet viele Herausforderungen an die Phantasie der Bauleute. 

Abb.30: Peschicci, man macht es sich gemütlich

 Mittendrin zeigt uns eine
Frau, wie eng und ärmlich früher manche Großfamilie hauste. Eine andere
Großmutter verkauft uns geschäftstüchtig gestrickte Schuhe für Enkel Felix.
Zwischen den alten Castello-Türmen singt eine Gruppe von Einheimischen
Lieder mit endlosen Strophen. Große allgemeine Freude. Gitarre, ein Eimer
mit Stab als Kontrabass. Der einzige Unmusikalische macht den Dirigenten.
Genau wie bei uns zu Hause.
 

Abb.31: Vieste am Cap auf einem
wunderbaren Kalk-Felsen

Vieste liegt am Cap auf einem wunderbaren Kalkfelsen. Auf einer weiteren
Insel steht der Leuchtturm. Ein wuchtiger, einsamer Fels à la „Lange Anna"
ragt aus dem Meer. Ein Dom mit barockisiertem mächtigem Turm darf nicht
fehlen.  

Abb.32: Aussicht vom Torre Ponte greco -
ziemlich nahe am östlichsten Punkt Italiens

Südlich Vieste liegt mein Lieblingsturm – ich glaube es ist der Torre Ponto
grecco – ziemlich nahe am östlichsten Punkt Italiens. Dieser Torre (und
einer kurz vorher) war erst kürzlich verlassen, es standen noch die Teller des
Lokals auf dem Tisch. Schade, dass wir vernünftige Menschen sind, sonst
wäre ich in Verhandlungen eingetreten.
Bis zum Meer hinunter sind es ca. 20 Meter. Überwiegend ist die Küste hier
am Cap steil, nur gelegentlich findet sich ein winziger Sandstrand.
Die Straße geht jetzt weg von der Küste in steinige Höhen hinauf. Es kommt
der Süden des Gargano. Dieser erscheint küstennah etwas kahl, häufig die
Reste von Bränden, Olivenhaine lockern das eher trostlose Bild. Noch weiter
im Inneren soll man in den uralten Wald vorstoßen. Wir gehen lieber in
Mattinea zum Baden und trotzten der steinigen Küste und der kräftigen
Brandung.

Ausgelassen haben wir Monte San Angelo mit der Wallfahrtskirche Michele
Archangelo. Es war bereits ein heidnisches Heiligtum. Der Erzengel Michael
ist hierher übergesiedelt. Als höflicher Engel hat er sich auch bei seinen
neuen Nachbarn, vorwiegend Hirtenknaben, vorgestellt. So kam der
Erzengel ins Gespräch. Später sind Könige und Kaiser hierher gepilgert.
Italien ist eine Reise von Wunder zu Wunder. Ohne ordentliches Wunder
geht nichts. Das Wunder ist für einen anständigen Ort so obligat wie der
überdimensionierte Glockenturm, der irgendwann zusammenrutscht war und
wieder aufgebaut werden muss. In neuer Zeit war Padre Pio mit den
Wundmalen Christi hier aktiv. Er wird weltweit verehrt, mich überzeugt er
nicht.
Außerdem gibt es die Ruinen eines normannischen Kastells. Zum ersten Mal
begegnen uns diese Normannen, die auf Sizilien sehr präsent sind bzw.
waren.

Manfredonia: Kein Residuum der Völkerwanderung, sondern der
Namensgeber ist ein Sohn des Kaisers. Zum Verweilen lädt es nicht ein.
Auch bei Margherita ist die Strecke nicht so spannend, es gibt viele Etangs
zur Salzgewinnung. (Margherita ist eine Tochter von Friedrich II.)
Nach dem Golf von Manfredonia kommt:

Barletta: im Vergleich zu Manfredonia recht gepflegt. Ein Bronze-Koloss
steht vor dem Rathaus, wir aber wollten weiter.  

Abb.33: Trani hat eine bedeutende romanische Kirche

Südlich Vieste liegt mein Lieblingsturm – ich glaube es ist der Torre Ponto
grecco – ziemlich nahe am östlichsten Punkt Italiens. Dieser Torre (und
einer kurz vorher) war erst kürzlich verlassen, es standen noch die Teller des
Lokals auf dem Tisch. Schade, dass wir vernünftige Menschen sind, sonst
wäre ich in Verhandlungen eingetreten.
Bis zum Meer hinunter sind es ca. 20 Meter. Überwiegend ist die Küste hier
am Cap steil, nur gelegentlich findet sich ein winziger Sandstrand.
Die Straße geht jetzt weg von der Küste in steinige Höhen hinauf. Es kommt
der Süden des Gargano. Dieser erscheint küstennah etwas kahl, häufig die
Reste von Bränden, Olivenhaine lockern das eher trostlose Bild. Noch weiter
im Inneren soll man in den uralten Wald vorstoßen. Wir gehen lieber in
Mattinea zum Baden und trotzten der steinigen Küste und der kräftigen
Brandung.

Ausgelassen haben wir Monte San Angelo mit der Wallfahrtskirche Michele
Archangelo. Es war bereits ein heidnisches Heiligtum. Der Erzengel Michael
ist hierher übergesiedelt. Als höflicher Engel hat er sich auch bei seinen
neuen Nachbarn, vorwiegend Hirtenknaben, vorgestellt. So kam der
Erzengel ins Gespräch. Später sind Könige und Kaiser hierher gepilgert.
Italien ist eine Reise von Wunder zu Wunder. Ohne ordentliches Wunder
geht nichts. Das Wunder ist für einen anständigen Ort so obligat wie der
überdimensionierte Glockenturm, der irgendwann zusammenrutscht war und
wieder aufgebaut werden muss. In neuer Zeit war Padre Pio mit den
Wundmalen Christi hier aktiv. Er wird weltweit verehrt, mich überzeugt er
nicht.
Außerdem gibt es die Ruinen eines normannischen Kastells. Zum ersten Mal
begegnen uns diese Normannen, die auf Sizilien sehr präsent sind bzw.
waren.

Manfredonia: Kein Residuum der Völkerwanderung, sondern der
Namensgeber ist ein Sohn des Kaisers. Zum Verweilen lädt es nicht ein.
Auch bei Margherita ist die Strecke nicht so spannend, es gibt viele Etangs
zur Salzgewinnung. (Margherita ist eine Tochter von Friedrich II.)


Nach dem Golf von Manfredonia kommt:
Barletta: im Vergleich zu Manfredonia recht gepflegt. Ein Bronze-Koloss
steht vor dem Rathaus, wir aber wollten weiter.  

Abb.34: Castel del Monte, Symbol für Macht
und Ideen des Staufers Friedrich II
( Frederico II del Sacro Romano Impero,
siehe auch Wikipedia)

Ein Ausflug führt zum Castel del Monte, einem Highlight der ganzen Reise.
Dieses Symbol für Kunst und Macht des Staufers Friedrich II. war angeblich
als Jagdschloss errichtet, aber es ist so gebaut, dass es jedem Feind
standhält. Magie der Zahl acht: achteckig mit acht ebenfalls achteckigen
Türmen, zwei Geschossen und ehemals reicher (bereits) gotischer
Ausstattung. (Beim Eintritt muss man achtgeben, sonst stolpert man über die Schwelle).

Die Italiener halten ihn in Ehren, den Schwaben, der sich als Italiener und
Europäer fühlte, von dem seine Freunde sagten, er ist das „Erstaunen der
Welt", stupor mundi. - In jüngster Zeit haben sie durch Fernseh-Abstimmung
beschlossen, dass das Castel del Monte auf eine Münze muss, nämlich auf
den „ein Cent". So hat es sich der Kaiser erträumt, sein Werk auf einer
Münze im ganzen Europa, und Gesetze und Schulen und Handel über die
Grenzen hinweg. Nur im Alter war er depressiv und ist an seinem Traum
verzweifelt. Hochspannende Geschichte. Ganz früh hatte er die Eltern
verloren und der Papst war sein Vormund. Dieser und seine drei bis vier
päpstlichen Nachfolger haben ihm ganz übel mitgespielt. Mehrfach wurde er,
der Kaiser, aus der Kirche ausgestoßen. Der Papst wollte ihn zu einem
Kreuzzug zwingen. Friedrich hat auf dem Verhandlungsweg mehr erreicht
als drei Kreuzzüge vorher. Da war der Papst erst recht außer sich, er wollte
Blut sehen. Zum Ende seines bewegten Lebens war Friedrich den
Spannungen nicht mehr gewachsen. Er war zeitlebens ein Erneuerer. Zu
der großen Revolution gegen den Papst, zu einer vorweggenommenen
Reformation, war er nicht mehr in der Lage.

Hätten wir uns nicht das Konzept gehabt "Möglichst Küste", wären wir im Land geblieben. Das hätte sich gelont. Nocht zu weit süd-östlich liegt Gravina in Puglia, Kleinod. Es ist der Hinterglund für den Film "Maria, ihm schmecks nicht"; in diesem Film heißt es "Campobello"