Der „Ponte Diavolo“ führt auf das auf einem Fels liegende Cividale.

Abb.1: Der „Ponte Diavolo“ führt auf das auf einem
Fels liegende Cividale. Die von Caesar gegründete
Stadt war auch der Ausgangspunkt für den
Bericht „Griechenland“.
www.wolfgang-g-h-schmitt.de/europaeische-
mittelmeerkueste/

Gemona ist eine alte Handelsstadt, sie hat sehr unter dem Erdbeben von
1976 gelitten: viele Tote, Campanile und weitere Teile des Domes zerstört.
Im Süden liegt die alte Konkurrentin,
die Hauptstadt des Friauls,

Udine ist bekannt für ihr venezianisches Flair. Mit Würzburg hat Udine den
Maler Tiepolo gemeinsam, er hat in beiden Städten Fresken hinterlassen.
Udine ist eine der ersten Überraschung auf dieser Reise. Die Burg mit dem
frühromanischen Kirchlein, der Kunstgalerie, der Marktplatz mit der
Säulenhalle (Pal. Lionello), die Palazzi: die gesamte Stadt ein
Schmuckstück.

Woher kommt der Name Friaul? Er bedeutet Forum Julii. Das ist der
römische Name des Ortes Cividale. Auch er ist eine Überraschung, wenn
man das Ungewöhnliche und das Seltene und Wertvolle auf sich wirken
lässt.

Durch Cividale bin ich schon einmal gereist, wusste damals fast nichts über
den kulturgeschichtlichen Hintergrund und die geheimnisvollen Wurzeln
dieser Stadt: Von Caesar gegründet, wurde es die erste italienische
Hauptstadt der Langobarden. Hier gibt es überraschend viele Zeugnisse aus
der Zeit 500 bis 1000 n. Chr., von der man so wenig weiß. Ein Tempieto
Langobardo zum Beispiel ist eine Kapelle von ganz ungewöhnlichem
Charakter, 750 n. Chr., aber auch dies ist umstritten, weil es einfach zu
wenig Vergleichbares auf der Welt gibt. Germanische Blumenmuster und
Fresken, byzantinisch beeinflusst (dort wurden Handwerker durch einen
Bildersturm arbeitslos). Dazu nehmen uns sechs große Stuckfiguren in den
Bann – man weiß nicht genau, wer diese Damen sind. All das sind
Zeugnisse nach dem Untergang des Römischen Reiches unter der
Herrschaft germanischer Stämme, die sich langsam an die ihnen
vorausgegangene Kultur anlehnten.
Ist das Auge einmal geschärft, entdeckt man an jeder Ecke, an jedem
zweiten Türpfosten, alte, höchst eigenartige Muster. Für römische Zeugnisse
sind diese Muster nicht perfekt genug, und sie datieren offenbar lange vor
der Romanik.

Ein mächtiger „Ponte Diavolo" (siehe Abb.1) führt auf die auf einem Felsklotz liegende
Stadt. Wie immer in Italien ranken sich Legenden um die Entstehung solcher
ungewöhnlicher Bauwerke.  

Abb.2: Kapitelle und Giebel von römischen Tempeln
gezeichnet von August Buxbaum als Vorbereitung
seiner Reise nach Rom 1921

Da wir schon bei der – oft kaum zu begreifenden – Geschichte sind,
versuche ich eine Ultra-Kurzfassung:

Vom Römische Reich haben alle Schulabsolventen eine Vorstellung: Nach kurzer Zeit des Königtums wurde es zu
einer Republik (510 v. Chr.), und zwar eine mit einer recht komplizierten
Verfassung. Diese Republik war ein Bestseller und hat sich rasch über Italien
ausgedehnt. Nach der Beseitigung ihrer Hauptgegner von der anderen Seite
des Mittelmeeres (Karthago) ist sie weiter über die gesamte Mittelmeerküste, ja sogar bis zum Rhein und zur Donau, zu einem Weltreich angewachsen.

Ein gutes Jahrhundert vor Christus kam eine Reihe von schweren Schlägen,
blutige Bürgerkriege,
soziale Aufstände (Spartakus),
Auseinandersetzungen um soziale Reformen (Brüder Grachus).
Als ob das nicht genug gewesen wäre, kam noch dazu ein
Phänomen, das 400 Jahre später das ganze Reich beenden sollte. Dieses
Phänomen "Völkerwanderung" hält in milderer Form bis zum heutigen Tage an: Germanische Stämme entdeckten ihre Reiselust. Damals waren als zuerst  die Kimbern und Teutonen.

Dann krempelte ein eigenwilliger Mann das Reich um. Er hatte gegen alle
Wahrscheinlichkeit seine Geburt überlebt (durch einen Kaiserschnitt, das
blieb ihm als Spitzname "Caesar"). Er hielt nichts von der Republik und gab allen seinen Nachfolgern seinen Namen, den des „Kaisers", weiter. Er hat sich zwischendurch auch in deutschen Landen bewegt, nämlich in Mainz eine
Brücke über den Rhein schlagen lassen, um den Germanen Angst zu
machen. Eigentlich wollte er weiter den Main hinauf nach Würzburg ziehen,
um zu sehen, ob man dort Wein anbauen könne. Er hörte dann, dass es im
Spessart Räuber gab und war klug genug, sein Vorhaben zu unterlassen.

So ein erfolgreicher Staatsapparat muss perfekt und grausam gewesen sein.
Einer wurde ihm zum Feind, der niemals ein Feind sein wollte: nämlich die
gewaltige Persönlichkeit Christi bzw. das, was seine Nachfolger aus ihm und
seiner Lehre machten.
Nach anfänglich brutalem Widerstand der Staatsmacht schwenkte einer der
Kaiser,  auf das Christentum ein. Wahrscheinlich hat die Entstehung des „geistlichen Reiches der Päpste" das Römische Reich zusätzlich geschwächt. Das Nebeneinander einer geistlichen und einer weltlichen Exekutive war eine Besonderheit des Mittelalters. Jede der beiden Parteien sorgte, dass die andere nicht zu mächtig, aber auch nicht zu schwach war. Das war offenbar die „Breschnew-Doktrin" des Mittelalters.

Aber wir sind noch in der Endphase des Römischen Reiches. Das nun
einsetzende Bombardement der germanischen Horden unterschiedlicher
Zerstörungswut machten das weltliche Reich gänzlich kaputt, stärkte aber
auf lange Zeit den Gottesstaat des Papstes.

„Zuviel Gott" schadet der Kanalisation und vielen anderen praktischen
Dingen.
Den Langobarden folgten die fränkischen Karolinger. Im Jahr 800 sagte der
Papst, nach dem ziemlich üblen Durcheinander der letzten Jahrhunderte mit
diesen Langobarden bräuchte das Land doch wieder einen starken weltlichen Herrscher, so wie damals im kaiserlichen Rom. Er drückte Karl („dem Großen") so ein Blech auf den Kopf, wie es ganz früher der Caesar
gehabt hatte. In offizieller Lesart: Er krönte Karl den Großen zum Kaiser. Die
Franken sollten auf die Langobarden aufpassen.


In der Folge gab es den unausweichlichen Zoff zwischen Papst und Kaiser,
den der Fachmann verstehen will.

Jedenfalls haben in Italien unterschiedlichste Interessengruppen einzelne Staaten gegründet. Das hat den "Gottesstaat Rom" nur gefestigt. Die
andere Fürstentümer und  Stadtstaaten
hatten eigentümliche, komplizierte Verfassungen, so Venedig mit seinem
Dogen.

Die  Staatsdenker späterer Generationen, Hobbes,
Grotius etc., haben natürlich viel nachgedacht: Wie konnte dieses Römische
Reich untergehen? Wie konnte Sparta untergehen? Aber auch die
Verfassungen der Stadtstaaten haben viel zu denken gegeben. Diese
geistige Vorarbeit hat sich wahrscheinlich auf die Französische Revolution
ausgewirkt.

Der Papst blieb bis 1870 ein Fürst mit einem ansehnlichen Staat. Allerdings
galt dieser als etwas rückständig. Angeblich sollen Straßenbeleuchtung
und Schutzimpfungen wieder abgeschafft worden sein. - 1870 schlugen
Truppen eine Koalition gegen den Pabst an der Porta Pia eine Bresche durch die mächtige römische Stadtmauer und der (österreichische) General der päpstlichen Heere war vernünftig und gab auf. - Der Papst war gar nicht zufrieden, er fühlte sich seines Staates beraubt und im Vatikan gefangen gesetzt. Er tröstete sich nicht damit, dass er kurz vorher das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet hatte. Er bedrohte alle mit Exkommunikation, die sich an einer italienischen Wahl beteiligten. Ein solches Szenario hätte mich früher sehr erschreckt. Es wurde aber auf sehr italienische Weise gelöst. Es führte aber nicht zu einem erneuten Dreißigjährigen Krieg, sondern wurde mit Nichtbeachtung beantwortet. Man hat den Papst ernst, aber nicht zu ernst genommen. Es geht auch ohne den radikalen Schnitt und ohne Blutvergießen. Dafür hätte das italienische Volk den Friedens-Nobelpreis verdient, den es erst Jahrzehnte später gab.

Leider bekommt Italien schon 1922, elf Jahre vor Deutschland, eine
faschistische Regierung mit Mussolini. – Immerhin haben sie
irgendwann gesagt: „Es hat keinen Sinn mehr!" und am 25.07.1943 wurde
Mussolini (vom faschistischen Großrat) gestürzt. Hätten sich die Deutschen
doch auch zu solchen Taten aufraffen können. Nein, die missverstandene
Treue und die Todessehnsucht waren zu groß. – Mussolini wurde
unnötigerweise von den "Deutschen" befreit und hat noch einige Zeit ein
Schattenkabinett gebildet. Für ganz Italien konnte er nicht mehr die Macht
ausüben, das trauten ihm die Deutschen nicht mehr zu, besetzten Italien und übernahmen die Administration (in altbewährter Tradition). -
Früher dachte ich, die Italiener haben sich schlau aus der Achse der
Faschisten rausgemogelt. Heute sehe ich, es war die einzige Lösung und
eine weise dazu. In Deutschland hat man vor lauter Treue zu dem
Anstreicher beinahe sich und die halbe Welt umgebracht.

Nach dem Krieg hat man sich nicht zur Erneuerung des Königtums
entschlossen. Die weitere Geschichte mit NATO, Montanunion, Papst
Johannes XXIII. und den Olympischen Spielen 1960 sind gut bekannt. Der
Italiener wurde zum Begriff für den Gastarbeiter in Deutschland und die
italienischen Gerichte in Deutschland noch beliebter. In den letzten
Jahrzehnten kann der Deutsche, wenn er auf seine Pizza wartet, die Wände
beschauen, und jeder kennt jetzt den Dogenpalast, die Engelsburg, und die
rote Sonne, die bei Capri im Meer versinkt.

Ein Beispiel für die liebenswerte italienische Lebensart ist für mich der Schiefe Turm von Pisa. Unvorstellbar, dass man ihn nicht sofort abgerissen hat, als die Schlagseite unverkennbar war. Nein, man hat sich dazu bekannt, dass nicht alle Türme gerade sind. Man sah das Optimum im Kompromiss:
„Bisschen korrigieren und Weiterbauen". Warum einen schönen Turm einreißen nur weil er schief steht. Und auch: Wer abreißen will, muss auch zahlen, ansonsten bleibt er da. 

Colosseum in Rom von A. Buxbaum.

Abb.3: Colosseum in Rom von A. Buxbaum.
Siehe auch:
www.wolfgang-g-h-schmitt.de/rom-1929-abuxbaum/

Wir sind noch in Cividale.
„Agriturismo" sind Bauernhöfe mit Hotel- und Gaststättenbetrieb. Meistens
sind sie originell, meistens sehr ruhig, an Tieren gibt es keinen Mangel.
Zwischen Cividale und Cormons übernachten wir auf einem solchen
Agriturismo. Hier gab es viele Katzen mit einem Knick im Schwanz. – Von
den Mitmenschen stach eine heitere Gruppe aus Wilhelmshaven hervor, die
sich anschickte, bei der anstehenden Weinlese mitzuhelfen. –
Das Niveau der Agriturismi ist (im Durchschnitt, trotz Schwankungen) hoch,
das heißt es gibt Schwimmbad, Reiten oder manchen Luxus.

Überhaupt gibt es verschiedene Möglichkeiten unterzukommen:
Neben Hotels mit Sternen (3* ist die feine Klasse, ca. 70 Euro für das
Doppelzimmer = camera doppia) gibt es:
Albergos, die offenbar weniger kontrolliert sind, und
B+B, nach englischem Vorbild, in unterschiedlicher Qualität, das heißt, hier
können sehr gute dabei sein.

Wichtig: Der Michelin-Führer ist für uns unbrauchbar. Er verzeichnet für Grado
neun Hotels, das Tourist Office meldet 72! Der Hotelführer setzt offenbar
Standards, die wir gar nicht wollen. Dringender Rat: wegschmeißen!

Genauso wenig brauchbar ist die Mehrzahl der Internet-Seiten. Sie
bedienen eine kleine Gruppe von oft teueren Unterkünften ab. Nur wenige Seiten sind verwendbar. Es braucht Erfahrung im Umgang mit dem Netz.
Wer kann hier raten?


Cormons. Abgesehen von einem eigentümlichen undefinierten Geruch ist es
ein malerischer Weinort. Er war zeitweise Sitz des Patriarchen und verehrt
einen Adalberto (Bischof in Prag).
Wir sind ein Stück zur Burg heraufgegangen und wollten dem Patriarchen
unsere Aufwartung machen. Die Natur hatte sich aber den Weg erfolgreich
zurückerobert. – Durch eigene Bautätigkeit in den vergangenen Monaten
angeregt, beobachten wir sehr genau, wie in Italien gebaut wird. Hier zum
Beispiel wurde unter anderem ein uraltes Material verwendet: tragender
Stein (nicht als Querbalken) wurde aus Zement und Sägespänen gegossen.
Jetzt kommen wir rasch nach Triest und haben die Stadt großzügig
durchmessen. Triest ist – am Schnittpunkt der Kulturen – eine Literatenstadt:
James Joyce hat hier geschrieben und ein Italo Suevo, der „schwäbische
Italiener hebräischen Ursprungs".

Duino haben wir nicht besucht. Es ist bekannt durch Rilkes Aufenthalt,
verewigt auf dem Dichterpfad Passeggiata di Rilke.

Goriza, auf Deutsch „Görz", ist Grenzstadt zwischen Italien und Slowenien.
In der friaulischen Sprache wird es nochmals anders geschrieben. – Ich
habe es erst auf der Fahrt nach Kroatien genauer angesehen. Es lohnt sich.

Vor Grado gibt es die schönsten Wolken. Der Ort ist ausgesprochen
gepflegt. Es ist sozusagen der nördlichste Punkt des Mittelmeers und zum
Beispiel für die Österreicher besonders leicht zu erreichen. Dies hat sich
auch in der Geschichte ausgewirkt und alle bisher genannten Orte geprägt.
Der Ort war mächtig und hat immer noch wertvollste kulturelle Zeugnisse, so
die ganz frühe Kirche von 579, St. Euphemia, römische Reste und dazu viel
Romanik (auch in Worms am Rhein gibt es diese Kombination). Zwischen
beiden Epochen klafft kulturgeschichtlich die geheimnisvolle Lücke, die in
Cividale so eindrucksvoll geschlossen wird. Nach sorgfältigem Suchen
entdeckt man auch hier in Grado einzelne wertvolle Ausnahmen, Zeugnisse
aus der sonst so dunklen zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends, vor allem
in der winkligen Altstadt, der „ville blanche".
Eine andere Beobachtung: Für die Kirchenbauten wurden die wunderbaren
und unverwüstlichen römischen Säulen verwendet. Oft mussten sie durch
eigenwillige Basen und Kapitelle passend gemacht werden, oft ein buntes
Durcheinander. Die Beispiele sind zahlreich und werden uns noch in Italien
(Otranto) und außerhalb (Zadar) begegnen.
Gegründet wurde Grado durch Einwohner von Aquilaia, die „400 +-" vor
dem Hunnenkönig Attila flüchteten. Auch dem Patriarchen von Oberitalien
wurde es mulmig und er kam und blieb 200 Jahre in Grado. Der Fluchtweg in
die Lagunen war bekannt und bewährt. Auch die Wurzeln von Venedig
liegen in Aquilaia!
Wir fahren über einen elf Kilometer langen Damm zu dieser bedeutenden
Römerstadt hinüber. Auch sie hat eine früh-romanische Kathedrale von
exquisiter Schönheit. Auch hier mussten die Römer ungefragt mit vielen
alten Säulen aushelfen. Die Kathedrale von Aquilaia hat einen berühmten
Mosaikfußboden mit frommen Szenen, die das Meer zum Inhalt haben.
(Erinnert in seiner Ursprünglichkeit an Otranto am Cap und seine Elefanten
und Fabeltiere im Mosaikboden der Kathedrale.)
Aquilaia  war im Altertum eine sehr große Stadt. Heute ist ein mächtiges
römisches Ruinenfeld übriggeblieben; daneben eine neuzeitlichen Ansiedlung. 

Abb.4: Rückbesinnung der romantischen Maler auf
das römische Erbe. Wer kennt den Meister?
Original in Köln oder in Berlin?

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