Kapitel 1

Faszinierend bei der Fotografie ist die Möglichkeit der "Tiefenschärfe" oder "Schärfentiefe": In einem eingestellten Abstand wird optimale Abbildungsgenauigkeit erreicht. Dies wird  auch Fokussierung genannt. Bei Objektteilen, die näher oder ferner sind, verschwindet diese Tiefenschärfe rasch. Suche auch in der Gebrauchsanweisung nach Schärfeanzeige.

Der Bereich der Scharfeinstellung (bei welcher Tiefe beginnt sie deutlich zu werden? Wo beginnt sie nachzulassen?) gehorcht einer Gesetzmäßigkeit. Scharfstellbereich.

Schärfentiefe ist abhängig von der Blende.

Für die Blendenzahl könnte man eigentlich den Durchmesser angeben. Man macht aber etwas Komplizierteres: Die Brennweite wird durch den Durchmesser des Blendenloches geteilt. Bei 2,8 ist die Brennweite das 2,8-fache des Blendendurchmessers.

So entsteht die Paradoxie, dass eine

hohe Blendenzahl einem kleinen Blendenloch,

eine niedrige Blendenzahl einem großen Blendenloch entspricht.

Jetzt kommt der Zusammenhang von Blende und Schärfentiefe:

Kleine Schärfentiefe entsteht bei einer kleineren Blendenzahl, d. h. einem größeren Blendenloch.

Größere Schärfentiefe wird bei einer größeren Blendenzahl erreicht, sprich einem kleineren Blendenloch.

Die letztgenannten kleinen Blendenlöcher bewirken oft, dass das Bild fast über den gesamten Bereich, von vorne nach hinten, scharf eingestellt ist. Dies gefällt den meisten Fotografen, und die Automatiken tendieren natürlich zu kleinen Blendenöffnungen. Dann beklagt sich niemand über unscharfe Bereiche im Bild.

Wir wollen aber entscheiden können, welche Tiefe scharf und welche unscharf dargestellt ist. Wir wünschen uns gelegentlich ein nicht in allen Bereichen scharfes Bild. So können einzelne Teile, z. B. der Vordergrund, herausgehoben und der Hintergrund verwischt werden. Somit wird die Aufmerksamkeit des Betrachters in eine bestimmte Richtung gelenkt.

Es ist auch denkbar, den Vordergrund zu verwischen und den Hintergrund detailgetreu abzubilden. Solche Maßnahmen fördern in jedem Fall den räumlichen Eindruck des Bildes. Auch mit unseren Augen nehmen wir nie Vorder- und Hintergrund gleichzeitig scharf wahr.

Abb.: 1 „Schräge“ Aufnahme eines Aquarells von Monika Schmitt (siehe Beitrag „leere Wände“). Die nahen und die fernen Anteile des Objektes sind deutlich unscharf; nur im Bereich des mittleren Abstandes besteht Bildschärfe.

Abb.: 2 Sprossender Ahorn. Ganz nah, aber auch ganz fern sind Zweige und Knospen unscharf; solche im mittleren Abstand kommen detailscharf heraus. Schön, dass der Hintergrund nicht nur verschwimmt sondern auch eine relativ dunkle Tinktur annimmt: Guter Kontrast.

In Bild 1 ist diese Tiefenschärfe demonstriert. Es ist ein Bild vom Bild (farbige Skizze). Das scharfe Bild liegt im Bereich der Bildmitte, Vordergrund und Hintergrund verschwimmen. Es wurde also der Schärfebereich gezielt ausgewählt! Das und die gewollte Unschärfe gibt auch dem flachen Objekt eine räumliche Tiefe.

In den Fotoschulen im Internet gibt es weitere schöne Demonstrationen dieses Phänomens.

In Bild 2 wird im Gewirr der Äste ein Eindruck von Räumlichkeit erreicht. Dies gelingt dadurch, dass einzelne Äste in den unscharfen Bereich ausweichen.

Wir wollen mit einem Foto etwas aussagen. Der Blick soll auf das Interessante (Mensch oder Objekt) gelenkt werden. Ungünstig sind daher die Ablenkungen durch allerlei Nebensächlichkeiten, bis hin zum Gerümpel im Hintergrund (und Vordergrund).

Abb.: 3 Schwertlilie am Teich. Schärfe im Bereich der Blume. Der Hintergrund wird unscharf. Gut, dass er gleichzeitig relativ dunkel ist. So konzentriert sich durch Schärfe und Helligkeit der Blick auf die Blume.

Abb.: 4 Fokussiert auf die Blume, während der Hintergrund verschwimmt, und zwar in der Nähe (grünes Blatt) mäßig, in der Ferne ganz stark. Dazu -was oft günstig ist- ist der Hintergrund abgedunkelt.

Die Bilder 3, 4 und 5 zeigen Blumen, die mit Hilfe eines unscharfen Hintergrundes herausgehoben werden. Zusätzlich ist der Hintergrund abgedunkelt, was den erwünschten Effekt verstärkt.

Wie ist eine große Blendenöffnung (= kleine Blendenzahl) einstellbar?

Wir müssen weg von der „Automatik“, weg vom Modus „AUTO“.

Für Modus sage auch Belichtungsmodus.

Bei meiner Canon Power Shot A710 (schon älteres Baujahr) habe ich auf der Oberseite in der Nähe des Auslösers ein Rad für den Modus. ( = Belichtungsmodus )

Normalerweise „AUTO“. Ich will aber Mut machen, durch Drehen einen anderen Modus zu wählen, z. B. Av

Das bedeutet: freie Einstellungen der Blende, z. B. 2,8 (also ein relativ großes Blendenloch).

Für den angesprochenen Zweck – bestimmte Bildbereiche in bestimmten Tiefen unscharf zu machen –  möchten wir natürlich eine möglichst kleine Blendenzahl (größte Blendenöffnung) festlegen. Die Belichtungszeit wird in dieser Av“- Einstellung  automatisch geregelt (Zeitautoatik). Die Lichtmenge wird hier also automatisch ausgeglichen. Dies geschieht über die Belichtungszeit.

Es könnte ein Belichtungsproblem geben, wenn das Objekt so hell ist, dass keine Belichtungszeit klein genug ist, um diese Blende zu verwenden. In diesem Fall sollte man das Motiv verändern, die Schatten vergrößern (Kameraausrichtung mehr im Winkel zur Sonne, oder mehr von unten).

Günstig ist, nahe an das Objekt heranzugehen. So entsteht ein größerer Entfernungsunterschied zwischen Objekt und Hintergrund, und damit wird es wahrscheinlich, den Hintergrund unscharf zu machen.

Abb.: 5 Tulpe. Schwerpunkt liegt auf der Blüte. Die Blätter werden durch Unschärfe „vertuscht“ und gehen in die Dunkelheit des Hintergrundes über.

Abb.: 6 Ägypten. Flug über die Wüste. Durch mangelnden Kontrast wären helle Wölkchen auf hellem Untergrund uninteressant. Das Bild gewinnt durch die Schatten der Wölkchen. Schatten sind immer bedeutungsvoll.

Abb.: 7 Neuer Aspekt anhand des Wasserfalles im Krka-Nationalpark in Nord-Dalmatien. Belichtungszeit: 1/60 sec. Siehe auch: www.wolfgang-g-h-schmitt.de/europa-kueste-kroatien/nord-dalmatien-2/

Abb.: 8 Gleiches Motiv. Belichtungszeit mit 1/10 sec sechsmal so lang. Dies gibt durch die Verwischung eine Vorstellung der zeitlichen Komponente.

Bilder 7 und 8 zeigen einen weiteren Modus: Tv. Er ermöglicht die manuelle Einstellung der Belichtungszeit. Jetzt kann die Belichtungszeit frei gewählt werden. Nach dieser Festlegung der Zeit wird die Blende automatisch geregelt (Blendenautomatik). Man hat immer noch eine bequeme und meistens korrekte Bildbelichtung.

Beide Bilder 7 und 8 zeigen einen Wasserfall im Krka-Nationalpark, einmal mit 1/60 und einmal mit 1/10 Sekunde belichtet. Noch mit „1/60 sec“, also mit einer nicht besonders kurzen Belichtungszeit, ist das Wasser in seiner momentanen Situation „eingefroren“. Man glaubt, den einzelnen Tropfen zu erkennen.

Manche Fotofreunde schätzen solche Bilder nicht, weil sie sozusagen Sekundenbruchteile „herausschneiden“.

Den „Faktor Zeit“ im Bild festzuhalten, gelingt mit einer längeren Belichtungszeit: Bei 1/10 Sekunde ist das Wasser verwischt und vermittelt den Charakter der strömenden Wassermassen. *****

Einen berühmten Ingenieur hat dieser Anblick inspiriert: Tesla hat hier eines der ersten Kraftwerke gebaut, noch vor seinem berühmten Projekt „Niagara Falls“.

Abb.: 9 Figur am Wildberghof (Mittelfranken). Künstliches Licht und kein Blitz. Einstellung der Belichtung als Automatik. Dadurch strahlen die Wände so hell auf und lenken von der Figur als dem eigentlichen Motiv ab.

Abb.:10 Durch Blitzen wird die Figur im Vordergrund hervorgehoben, der Hintergrund ausgelöscht, die Wand im Vordergrund bleibt unverändert störend.

Ein klassisches Instrument, den Vordergrund hell zu gestalten und den Hintergrund abzudunkeln, ist der Blitz. Suche auch bei Blitzautomatik (An/Aus).

Eine Plastik (1852 ehemals Würzburg, Ludwigsbahnhof) ist in Bild 9 bei zufälliger nächtlicher Beleuchtung festgehalten. Hier stören der relativ helle Hintergrund und eine Mauer an der linken Seite des Objektes.

Wie sieht es aus, wenn man den Blitz verwendet?

Bild 10: Die Besonderheit des „Blitzlichtes“ ist, dass sie nur das nächstliegende, also nur wenige Meter stark ausleuchtet.  Mit Blitz wird auf einfache Weise der Hintergrund abgedunkelt. Dadurch, dass der Hintergrund weit entfernt ist, hat das Licht dort seine Kraft verloren, es wird nur noch gering reflektiert. Die Figuren dagegen sind intensiv ausgeleuchtet. ***

Die Mauer am linken Bildrand ist aber immer noch störend. Mit einer geänderten und verbesserten Bildeinstellung (Bildausschnitt) läßt sich ein störendes Objekt aus dem Blickfeld entfernen; z. B. eine Menschengruppe frei aufstellen.

Viele Fotografen sind kritisch mit dem „Blitz“. Einmal ist es ziemlich lächerlich, wenn jemand auf ein größere Distanz den Blitz anwendet. Dieser ist der dann völlig unnütz. Es ist auch unprofessionell Gegenstände zu „blitzen“, die stark spiegeln, wie z.B. ein Ölgemälde.