8. Strahlentherapie heute. Was ist geblieben von der Entzündungsbestrahlung Heidenhain/Fried?

Es gibt gute Quellen zu diesem Thema. Ich kann zusammenfassen:

Trotz der fast durchgehend guten Erfolgen blieb  in den 1940er und 1950er Jahren eine allgemeine Akzeptanz der niedrig dosierten Schmerzbestrahlung relativ niedrig. Sicher spielten im allgemeinen Denken die Langzeitfolgen bei den Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki (Leukämie und solide Tumore nach Jahrzehnten) eine große Rolle. Ein solcher Vergleich ist in den letzten Jahren sehr differenziert erfolgt. Die Ganzkörper-Exposition von Hiroshima (unkontroliert und einzeitig) ist biologisch ganz anders gelagert als die Strahlentherapie eines kleine Feldes in kleinsten Dosen.

Der heutige Stand der Technik wird in Leitlinien definiert. 1996 bis 2000 erarbeitete eine Fachgruppe gemeinsame Leitlinien innerhalb der wissenschaftlichen Fachgesellschaften (DEGRO-AG „Gutartige Erkrankungen“). Damit besteht ein solides Fundament für die Entzündungsbestrahlung, ihre Indikationen und Risiken. 

Viele von Frieds Prinzipien finde ich hier wieder. In mehreren Punkten wird er allerdings nicht mehr anerkannt: 

Heute werden Kinder und auch infektiöse Erkrankungen ausgenommen. Man meidet, trotz der geringen Dosen, strahlenempfindliche Gewebe wie die Augenlinse, Lunge und Brust, meidet große Körpervolumina wie die Wirbelsäule.

Die Tendenz zu Vermeidung großer Körpervolumina findet sich auch schon bei Fried.

Seegenschmiedt  führt – kurz gefasst –  folgendes aus: Die Entdeckungen der Antibiose war ein Einschnitt mit einer Neubewertung der Entzündungsbestrahlung.Einige Indikationen wurden durch bessere Therapien verdrängt. Die Risikobewertung wird heute differenzierter betrachtet.

Heutzutage werden in Deutschland ca. 50.000 gutartige Erkrankungen im Jahr bestrahlt (wenig im Vergleich zu den Strahlentherapien der bösartigen Erkrankungen). Die zunehmende Tendenz wird von Seegenschmiedt mit dem niedrigen Stand in der Nachkriegszeit erklärt. Außerdem spielt das Erfahrungsgut eine Rolle, welches ab den Neunziger-Jahren aus dem Ausland nach Zentraleuropa kam.

In meinem Vortrag wird die Zäsur  herausgestellt, welche im Jahr 1933 stattfand: Erfahrung ging verloren, Entwicklungsarbeit wurde mutwillig unterbrochen. 

Kernpunkt meiner Ausführungen ist die Hypothese:

Nach 1945 wirkte die  „Vernichtung des Gedächtnisses“ zumindest in Deutschland in erstaunlichem Maße fort. Dieses „verordnete Vergessen“ ab 33 wird aus dem nächsten Kapitel besser verständlich.