10. Exil, „Emigration“, Frieds letzte Jahre in São Paulo, Brasilien

Der Verlust der alten Heimat war ein Einschnitt im Leben der Familie Fried. Da er keine autobiographischen Aufzeichnungen hinterlassen hat, wissen wir wenig; daher holt der Verfasser weit aus und versucht, das gesellschaftliche und politische Umfeld zu rekonstruieren. Auch die Biographien einiger Zeitgenossen sollen beitragen, Frieds Lebensschicksal zu verstehen.

Der Ausdruck Emigration wird vermieden (in Anlehnung an Furtado-Kestler), da diese Menschen gezwungen wurden oder sich gezwungen sahen, sich ins Exil zu begeben.

10.1. Vertreibung von Deutschen in den Jahren 1933 bis 1945

Als Laie auf dem Gebiet der Geschichte und Germanistik war ich erstaunt, dass es ca. 100 Veröffentlichungen über das Exil von Deutschen in den Jahren 1933 bis 1945 gibt. Trotz der Fülle erscheint beim näheren Hinsehen vieles lückenhaft (und ist wahrscheinlich auch sehr schwierig zu untersuchen).

Unter den Exilländern steht Lateinamerika deutlich hinter Palästina, USA und England. Die Zahl der Exilierten in diesem Zeitabschnitt wird unter 90.000 geschätzt. Davon war Brasilien in Anbetracht seiner Größe und in Anbetracht der Tatsache, dass es ein klassisches Einwanderungsland war, relativ niedrig, nämlich mit 16.000 Exilanten beteiligt (van zur Mühlen 1988).

Die Umstände der Suche nach Exil waren fast ausschließlich mühselig, erschöpfend und erniedrigend. Um diese Situation deutlich zu machen, schildert Frau Furtado-Kestler die endlose Agenda eines Exil-Suchenden. Sie vermeidet den Begriff Emigration bewusst: „Von den deutschen Schriftstellern und Publizisten ist keiner freiwillig nach Brasilien ausgewandert.“

Da mich Carl Fried interessiert, beschränke ich das Thema im folgenden Kapitel auf Brasilien (und schränke es dann noch weiter ein auf die deutschsprachige Exil-Literatur in Brasilien).

10.2. Exilland Brasilien nach 1933

Aufgrund der – oftmals gültigen, aber nicht veröffentlichten – Restriktionen, die das ursprünglich großzügige brasilianische Einwanderungsrecht zunichte machten, stellte Brasilien kein Einwanderungsziel der ersten Wahl dar. Es geriet erst mit der zweiten Einwanderungswelle ab 1938 ins Blickfeld, nachdem sich für die USA als bevorzugtes Einwanderungsland Hindernisse auftürmten.

Ohne die Arbeit von Frau Furtado-Kestler wüssten wir sehr wenig vom Exil in Brasilien. Daher wird sie im Folgenden sehr häufig zitiert. Bemerkenswert ist, dass die Werkzeuge solcher Forschungsarbeit sehr einfach sind (im Vergleich zu den medizinisch-technischen Versuchsanordnungen, mit denen ich sonst zu arbeiten gewohnt bin): Feder und Papier

Einige Daten aus dem Leben von Prof. Furtado-Kestler: Sie ist am 01.06.2009 tragisch umgekommen, buchstäblich beim Brückenschlag zwischen Brasilien und Europa, beim Unglücksflug des Air-France-Flugs 447, kurz vor ihrem 50. Lebensjahr. Sie war geboren 1959 in Rio de Janeiro, Germanistin, studierte von 1989 bis 1993 in Freiburg. Ihre bedeutsame Promotion stammt von 1992, Doktorvater war Hans-Peter Herrmann in Freiburg. Sie heiratete einen Deutschen und zog nach Stuttgart und später Bonn. Sie galt als Expertin in Fragen Exil. (Es gibt seit dem Jahr 1984 eine Deutsche Gesellschaft für Exilforschung e. V.). Von 2006 bis zu ihrem tragischen Tod 2009 war sie Professorin für Germanistik in Rio und Mitbegründerin des Goethe-Instituts von Brasilien. Dieses befindet sich in der Casa Stefan Zweig und enthält auch Frau Kestlers Nachlass. Im vielfach zitierten Handbuch von Crohn schrieb sie den „Brasilien-Beitrag“.

Was die deutschsprachigen Schriftsteller und Dichter in Brasilien betrifft, so fasst der vorliegende Bericht die Arbeiten von Frau Furtado-Kestler zusammen. Dadurch soll Fried als Wissenschaftler, Arzt und Lehrer im Kontext seiner literarischen Ambitionen beschrieben werden.

10.3. Exil von Berufsgruppen, z. B. von Ärzten

Unter den „emigrierten“ Akademikern standen die Ärzte an erster Stelle, nach den Chemikern.

Untersucht man das Exil getrennt nach Berufsgruppen, so sind zwei Faktoren wichtig:

A) die berufsspezifische Repression im Herkunftsland und

B) die berufsspezifischen Restriktionen im Gastland.

A)   Die Repression gegen Ärzte war in der NS-Ideologie besonders stark: Es wurde mit einem Unwort „Verjudung“ Stimmung gemacht. Nur etwa 10 % der ca. 50.000 Ärztinnen und Ärzte gehörten nach H-P. Körner der jüdischen Glaubensgemeinschaft an: Nach den SS-Kriterien waren etwa 9.000 Ärzte „nicht-arisch“. In den großen Städten und bei den Kassenärzten (Selbstständigkeit) war der relative Anteil deutlich höher, wahrscheinlich mit einem Maximum in Berlin. Dieses tatsächliche Ungleichgewicht von Akademikern im Vergleich zur Gesamtpopulation entsprach sehr wahrscheinlich einer akademischen Tradition und der Tatsache, dass jüdischen Mitbürgern bestimmte Laufbahnen erschwert waren, sodass sie Nischen suchten, selbständige und einträgliche Berufe, verständlicherweise sollten diese gesellschaftlich anerkannt sein.

Wie im vorangegangenen Kapitel geschildert, erfolgte die Repression gegen jüdische Ärzte in Stufen. Es bestand ein wirkungsvolles Nebeneinander von Exekutive und Legislative: einerseits propagandistische Stimmungsmache und Repressalien, andererseits repressive Gesetze.

Diese Kombination der Unterdrückung bestand bereits 1933: Antisemitische Aufrufe einerseits und andererseits das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, welches in breiter Ebene auch auf Krankenhausärzte und Kassenärzte angewendet werden konnte. (Eines der zahlreichen Schicksale war das des Ernst Ludwig Bresslau, Professor an der Universität Köln. Er wurde 1933 in den Ruhestand versetzt, gehörte ein Jahr später zu den Gründern der Universität São Paulo. Er verstarb schon ein Jahr später, was seine Frau Louise Bresslau-Hoff in große Schwierigkeiten brachte. Sie war es, die einen deutschsprachigen literarischen Zirkel eröffnete und zusammen mit Fried Gedichte herausbrachte, siehe unten).

Nach den Schätzungen von Kröner beträgt die Zahl der deutschsprachigen jüdischen „ausgewanderten“ Ärzte 9.000 bis 10.000, wobei der Autor auch die österreichische und tschechoslowakische Nationalität mitzählt. Diese Zahl erscheint hoch gegriffen, da sie den Eindruck erweckt, es sei fast allen jüdischen Ärzten die Flucht gelungen. Tatsächlich ist eine beträchtliche Zahl ermordet worden. Als Stichprobe mag die Tabelle dienen, welche Schwoch 2013 in der „Strahlentherapie“ veröffentlichte.

Die drei wichtigsten Aufnahmeländer für Ärztinnen/Ärzte nahmen nach Kröner 84 % der Emigranten auf:

Palästina stand als „Einwanderungsland“ an erster Stelle, die Zahl der Ärzte stieg dort zwischen 1933 und 1938 auf das Vierfache.

Die Vereinigten Staaten standen als Einwanderungsland an zweiter Stelle, wobei sich diese Position nach 1936 noch verstärkte. Großbritannien an dritter Stelle sank zwischenzeitlich, um nach 1938 infolge einer Lockerung der Bestimmungen wieder anzusteigen.

Lateinamerika nahm nur 2,5 % der Exilierten auf.

Charakteristisch sind zwei „Auswanderungs-Wellen“

a) 1933/34 und b) 1938/39:

a)   Diese erste Welle erfasste jüngere Ärztinnen und Ärzte, die beruflich noch keinen Fuß gefasst hatten, und für die durch die Diskriminierung die Aussichten sehr schlecht waren.

b)   In der zweiten Welle von 1938/39 – zu der Fried gehörte – sind auch die Älteren vertreten, die sich anfänglich mit einer etablierten und anerkannten Position vertröstet hatten, und für die erst die Nürnberger Gesetze und der Entzug der Approbation eine kritische Schwelle darstellten.

Soweit der (in Stufen ansteigende) „Druck zur Flucht“.

B)   Ärzten drohten in den Gastländern schärfere Restriktionen als anderen Berufsgruppen. Die nationalen Ärzte-Organisationen wehrten sich in fast allen Aufnahmeländern gegen die aufkommende Konkurrenz. Dies führte zur Forderung nach Wiederholung der jeweiligen Staatsexamina im Aufnahmeland. Für die häufig nicht mehr jungen Ärzte bedeutete das eine mühselige und mit großer Unsicherheit verbundene Auflage.

Es handelte sich also – besonders, wenn man Brasilien betrachtet – bei Ärzten nicht um eine bevorzugte Berufsgruppe, da ihnen sehr häufig die Zulassung für die Ausübung ihres Berufes erst nach einer Wiederholung des medizinischen Staatsexamens und der Approbation gestattet wurde. Das waren aber nicht die einzigen Hürden.

Insgesamt hatten in Brasilien die handwerklichen Berufe und auch typische Frauenberufe (Haushalt, Erziehung, Sekretariat) deutlich bessere Chancen (Hirschberg, Bach und Morris zitiert nach Furtado-Kestler).

Sehr vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der emigrierten Ärzte im Gastland die Position erreichten, die ihrer ehemaligen entsprach oder diese übertraf.

Die Rückwanderung nach dem Zusammenbruch der faschistischen Regime ist mit etwa 5 % anzunehmen. Diese Tatsache hat zu äußerst komplexen Diskussionen geführt:

Im Fall von Thomas Mann sind uns die öffentlichen Aufforderungen und die tiefsinnigen Gegenreden des Betroffenen überliefert. Betrachtet man ein Einzelschicksal, wie das von Fried, kann man leichter als bei einer namenlosen Menge die Motive nachfühlen. Zweifellos hätte Fried die fachliche Qualifikation gehabt, nach dem Krieg überall in Mitteleuropa eine leitende Stellung zu übernehmen. Zweifellos war seine Vertreibung Unrecht und seine Wiedereinsetzung in seine alte Position wäre eine logische Forderung gewesen. Im Falle von Fried war es verständlicherweise nicht hilfreich, dass seine letzte Arbeitsstelle auf nun polnischem Boden lag, und der materielle und ideelle Wert des jüdischen Krankenhauses in Breslau wahrscheinlich vom Staat beansprucht wurde.

10.4. Politische Situation in Brasilien 1930 bis 1950

Der gesamte Zeitraum von 1930 bis 1945 ist geprägt durch eine einzige Figur an der Spitze des Staates: Getúlio Vargas. 1933 an die Macht geputscht, schien er sich zuerst auf eine Verfassung zuzubewegen, dann musste er selbst 1935 und 1938 Putsche überstehen – und zwar zuerst von ganz linken, dann von ganz rechten Kräften. Zunehmend diktatorisch hob er die Grundrechte auf und verbot mit der Ausrufung des „estado novo“ sämtliche politische Parteien.

Dies war eine Besonderheit der brasilianischen Politik: Der brasilianische Ableger der NSDAP wurde trotz der Kooperation mit Hitler-Deutschland in Wirtschaft und Polizeiarbeit verboten. Mit einer solchen Partei hatte offenbar die Mehrheit der Deutschstämmigen sympathisierte! Es ist zu vermuten, dass man Sonderrechte für Deutschstämmige, vielleicht sogar eine Abtrennung überwiegend deutschstämmiger Siedlungsgebiete im Auge hatte. Es kam jedenfalls nach dem genannten Putsch zu argen Verstimmungen zwischen Berlin und Rio, zwischen zwei faschistischen Regimen. ­– Reichsaußenministers Ribbentrop soll gegenüber den NS-Ideologen den Primat der Außenpolitik gegenüber der Parteienpolitik durchgesetzt haben. Die Verbindung Berlin-Rio hielt dann auch bis Ende 1941 an. Dies änderte sich erst mit dem Überfall Japans auf Pearl Harbor am 07.10.1941, wobei sich der Präsident entgegen der Meinung seiner Militärs entschloss, die diplomatischen Beziehungen zu der Achse abzubrechen und sich zunehmend in Richtung USA zu orientieren. Die Versenkung brasilianischer Tonnage durch U-Boote der Achsenmächte sollte Gegendruck aufbauen, führte aber nur zur Kriegserklärung Brasiliens am 22.08.1942 an Deutschland und Italien. Zwei Jahre später wurden sogar zur Unterstützung der Alliierten in Italien 26.000 Soldaten entsendet.

Die genannten Disziplinierungs- und Vergeltungsmaßnahme waren ein Grund, deutschsprachige Brasilianer finanziell zu belangen und zu Ausgleichszahlungen heranzuziehen.

10.5. Brasilianische Exilpolitik

Ab 1937 wurde die Einwanderungspolitik Brasiliens von einer xenophoben Haltung geprägt. Die zahlreichen Drosselungen und Restriktionen der ursprünglich freien Einwanderung waren ideologisch untermauert durch die Idee eines brasilianischen Volkscharakters bzw. der Idee der Schaffung einer „brasilianischen Rasse“. Diese politischen Programme kennzeichneten die neue Staatsidee, den „Estado novo“. Es wurde zwischen guter und schlechter Einwanderung unterschieden: „Gute Einwanderung“ war die aus den romanischen Kulturkreisen. Einwanderung aus allen anderen Regionen und Volksgruppen war „schlecht“. Diese betraf auch jüdische Menschen: Die Einwanderungspolitik war deutlich antisemitisch geprägt.

Bereits 1941 wurde auch die deutsche (gleichzeitig die italienische und japanische) Sprache verboten. Dies betraf den Gebrauch in der Öffentlichkeit, einschließlich der Druckerzeugnisse.

Gegenüber Arbeitnehmern, die aus diesen Ländern zugewandert waren, wurde das Kündigungsrecht gelockert. – Frau Furtado-Kestler formulierte, dass „die Deutschsprachigen einer zunehmenden Sicherheitsparanoia ausgeliefert waren“. Diese betraf Deutschstämmige, die dem Nationalsozialismus nahe gestanden hatten oder nahe standen, aber auch die deutschstämmigen Opfer des NS-Staates gleichermaßen.

Mit dem 7. April 1941 wurde durch eine letzte Verschärfung des Einwanderungsgesetzes auch die Vergabe von temporären Visa verboten.

Nach Furtado-Kestler grenzt es an ein Wunder, dass trotz der Behinderungen – bis hin zum Verbot der Einwanderung – bis zu 16.000 deutschsprachige Emigranten (überwiegend Juden) in Brasilien einwanderten.

Ab März 1942 sollten Flüchtlinge deutscher Herkunft sogar Entschädigungen zahlen für die Verluste, die durch Schiffstorpedierungen der Achsenmächte entstanden waren. Vermögenswerte von Flüchtlingen wurden beschlagnahmt.

Es erscheint schier unglaublich, dass die Familie Fried unter derartig feindlichen Umständen in São Paulo Fuß fassen konnte. – Es ist Fried gelungen, nicht in den Strudel der allgemeinen antisemitischen Strömungen zu geraten. Das Verbot der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit sowie deutschsprachiger Druckerzeugnisse muss ihn besonders betroffen haben. Ebenso deprimierend waren alle anderen anti-deutschen Aktionen der Regierung.

Andererseits konnte er einer Bekämpfung der faschistischen Regime nicht unbeteiligt gegenüberstehen.

Bei allen staatlich verordneten Schwierigkeiten war die Faszination des Landes sehr stark. Diese blieb offenbar auch bei der Familie Fried nicht ohne Wirkung: Frau Fried und einer ihrer Söhne samt deren Nachkommen sind Brasilien in Treue verbunden geblieben, dem Land, das sie trotz aller Widernisse aufgenommen hatte.

Die belastenden Bedingungen änderten sich nach dem Krieg. Entsprechend kam wieder eine (erhebliche) Einwanderungsbewegung in Gang.

10.6. Exil des Carl Fried der Arzt

Frau Furtado-Kestler schrieb Gertrude (Trude) Fried 1990 an, 50 Jahre nach der Ankunft zusammen mit Ehemann Carl und den beiden Söhnen im Juli 1940. Der Antwortbrief datiert vom 06.01.1990 – er wurde 32 Jahre nach Frieds Tod geschrieben. Er ist kurz, sehr prägnant und für uns außerordentlich wertvoll, da er das einzige Dokument ist, was die Zeit des Exils bewertet.

Nach einer Dozententätigkeit in New York wurde Fried im Juli 1940 Leiter des Röntgen- und Radium-Instituts São Francisco de Assis in São Paulo.

Was die Staatsexamina und Diplome betraf, konnte für ihn eine Kompromisslösung gefunden werden, nämlich seine Anstellung als wissenschaftlicher Direktor. Er durfte die Patienten nicht direkt behandeln, nicht einmal – wie Trude schreibt – ein Rezept ausstellen. Eine erhebliche Behinderung, wenn man bedenkt, dass Ärztinnen und Ärzte viele Rezepte am Tag ausstellen und ihre Arbeitsleistung gerne mit Hilfe solcher zählbarer Leistungen beurteilt wird. Umgekehrt, wer keine Leistungen vorweisen kann, ist auch scheinbar verzichtbar.

Fried war ein klinischer Direktor „zur Seite gestellt“. Dies ist die Diktion von Trude Fried, sie entspricht sicher der, die in der Klinik verwendet wurde. Formell war dieser ihm übergeordnet. Es wird von ihr nicht erwähnt, dass die Einschränkungen sicher noch weitergingen: Er durfte keine intravenöse Injektion verabreichen, sogar der Bestrahlungsplan gewann erst Gültigkeit, wenn er von einem nach brasilianischem Recht approbierten Kollegen unterzeichnet war. Streng genommen war er kein Arzt mehr. Formell hatte er die Tätigkeit einer Arzthelferin. Trude Fried vermeidet ein solches Urteil. Wir dürfen annehmen, dass man es Carl Fried leicht gemacht hat, diese Herabstufung zu ertragen, sodass auch er sich mit der Situation abfinden konnte. Hätte er sich regelmäßig über seine Degradierung beklagt, wäre etwas davon auch nach vielen Jahren in Frau Trudes Beschreibung eingeflossen. Die Situation wird von ihr überaus milde, fast beschönigend gedeutet: Sie sagt, „alles lief gut“. Das Verhältnis zu dem ihm zur Seite gestellten „clinical director“ muss nicht nur erträglich, sondern sogar gut gewesen sein. Dieser hatte wahrscheinlich erkannt, dass er mit einem Kollegen von Rang und Namen eines Carl Fried eine große Chance zur eigenen Weiterbildung hatte, und hatte dafür gesorgt, dass ein unangenehmes Arbeitsklima vermieden wurde.

Wie kann Frieds Alltag ausgesehen haben? Er hat sicher Überweisungen gesichtet, Patienten befragt, untersucht, aufgeklärt, Behandlungspläne entworfen und kontrolliert. Alles jedoch ohne förmliche Entscheidungsbefugnis. Man kann sich vorstellen, dass seine Stärke und Nützlichkeit gerade in den Tätigkeiten lag, die für das Arzt-Patient-Verhältnis so wichtig sind: der regelmäßige Besuch des Patienten, die sorgfältige Dokumentation der Befunde, die patientennahe Anpassung des Bestrahlungsplans.

So sehr Fried das Recht genommen war, ärztliche Dokumente abzuzeichnen, so wirkte er trotzdem als ein vorbildlicher Arzt, Vordenker, Seelsorger, väterlicher Begleiter seiner überwiegend schwerkranken Patienten. Dieses Bild vom Arzt schildert Fried im Gedicht „So mancher Kranke, dem ich Schweres künde“, und es wird auch in seinen Veröffentlichungen deutlich, z. B. wenn er auffordert, Nebenwirkungen uneingeschränkt offenzulegen.

Er konnte sich in den verunsicherten Kranken hineindenken, dieser war nicht einem Schicksal ausgeliefert, sondern wusste einen väterlichen Freund auf seiner Seite. Sein Kollege Siegmund Hadda aus Breslau (siehe Kapitel 9) hat diese Haltung sehr gut in vier Punkten formuliert. Wir können sicher sein, dass sich auch Fried diese Grundregeln zu Eigen gemacht hatte:

1)   In die Lage der Patienten versetzen.

2)   Jedem Kranken das Gefühl geben, er sei mein wichtigster.

3)   Nicht über Honorar reden, bevor das Behandlungskonzept dargelegt ist. Grundsätzlich hierbei auf den Patienten Rücksicht nehmen.

4)   Arme Patienten so behandeln, dass sie ihre Armut nicht fühlen.

Sicher hatte Fried so wie in alten Zeiten öfter das Bedürfnis, einen Sachverhalt wissenschaftlich zu untersuchen. Er hat sich der Aufgabe gestellt, die brasilianische Strahlentherapie maßgeblich voranzubringen. Dazu gehörte auch die Prüfung und Verifizierung der eigenen Ergebnisse. Hier wird er auch die Kollegen ermutigt, wenn nicht sogar gefordert haben. Die (eine mir bekannte) Arbeit in „Radiology“ und in anderen internationalen Zeitschriften zeigen, dass er mit der amerikanischen und europäischen Wissenschaft in engem Kontakt geblieben ist. Er war in São Paulo auch als Universitätslehrer tätig. Allerdings sind mir keine Ergebnisse in Form von Teamarbeiten aus dieser Zeit bekannt. Frieds Leistungen für die brasilianische Strahlentherapie sind lediglich in einem Dokument von „Schlaraffia Paulista“ festgehalten. Hier gilt es, in der Zukunft genauere Aufklärung zu leisten: Gibt es Dokumente der gemeinsamen Arbeit von Fried mit seinen neuen brasilianischen Kolleginnen und Kollegen?

Auf den aus dem deutschen Sprachraum einwandernden Ärzten lastete, wie wir oben gesehen haben, eine große Bürde. Aber ein Phänomen war hilfreich: Der Herkunft aus Deutschland ging ein guter Ruf voraus. Auch Fried konnte trotz seiner – zumindest problematischen – Stellung von diesem positiven Image profitieren. Zwar hatte der 1. Weltkrieg für Deutschland in verschiedenen Fachgebieten einen herben Verlust an menschlichen Ressourcen bedeutet. Schon damals bestand im Durchschnitt eine führende Rolle der US-amerikanischen Medizin. Der Ruf der deutschen Medizin wirkte aber nach, auch wenn er in einzelnen Fachgebieten nicht unbestritten war.

Die emigrierten Ärzte waren im Alter, in ihrer Berufserfahrung, in der Phase ihrer Karriere sehr heterogen. Fried gehörte mit 52 Jahren bereits zu den Älteren.

Hat er seine vormalige Stellung wieder erreicht? Seine Stellung als Chef einer großen Krankenhausabteilung war vor der Emigration bereits sehr hoch. Man kann davon ausgehen, dass er zumindest ideell Anschluss fand an seine alte Position in Breslau. Die finanziellen Bedingungen sind schwer abzuschätzen.

Entscheidend war Frieds persönliche Reputation als Autor von mehreren Dutzend richtungsweisenden Veröffentlichungen. Die Zeitschrift „Strahlentherapie“ (W. G. H. Schmitt) zeigte ja von 1922 bis 1933 ca. 130 Zitierungen, es gab also über zehn Jahre kaum ein Monatsheft dieser Zeitschrift, in dem Fried nicht genannt und damit seine Ruf bestätigt wurde. Es war ihm erstaunlicherweise auch möglich gewesen, die fast sieben Jahre (1933 bis 1939) teilweise zu überbrücken, in denen er durch die Politik der Nationalsozialisten vom wissenschaftlichen Leben weitgehend abgeschnitten war. Ich verwende die Bewertung „teilweise“, weil zu befürchten ist, dass die Damnatio memoriae auf lange Sicht doch nicht ohne Auswirkung war.

In den ersten Exiljahren gab es ein ganz anderes Phänomen, welches den jüdischen Exilanten zu Hilfe kam. In São Paulo herrschte eine Gründungsstimmung, die sich z. B. auch in der Errichtung einer Universität niederschlug. São Paulo war ein Zentrum der Flüchtlinge, es bestand eine Synergie zwischen der „manpower“ und der sich entwickelnden Industrialisierung. Dieser industrielle Aufschwung wurde durch Brasiliens Kriegseintritt weiter angekurbelt.

Was bedeutete das Kriegsende für die Exilierten und speziell für Carl Fried und seine Familie? Nur ein kleiner Anteil der Emigrierten ist nach dem Krieg in die alte Heimat zurückgekehrt. Antrieb und Hemmung der „Remigration“ sind komplizierte Phänomene. Selten wurde sie in der Öffentlichkeit zum Thema gemacht, so wie im Falle des Thomas Mann: Als er öffentlich aufgefordert wurde, nach Deutschland zurückzukehren, hat er seine Entscheidung sehr differenziert und öffentlich dargelegt. –Hugo Simon lässt in seinem Roman „Seidenraupen“ den besten Freund des Ich-Erzählers sagen: „Und wenn es einmal zum Krieg kommt, dann möchte ich weder in einem siegreichen noch in einem geschlagenen Deutschland leben.“ Das sind Zeilen, die geschrieben wurden, als die genannte Bedingung „Krieg“ bereits erschütternde Tatsache war.

Zweifellos hätte Fried die fachliche Qualifikation gehabt, überall in Mitteleuropa eine leitende Stellung zu übernehmen. Für mich bestehen keine Zweifel, dass es auch Rechte gab, ihn wieder in Positionen einzusetzen, aus denen er unter brutalem Druck zur Aufgabe gezwungen worden war. Im Falle von Fried war es verständlicherweise nicht hilfreich, dass seine letzte Arbeitsstelle auf nun polnischem Boden lag und der materielle und ideelle Wert des Krankenhauses in staatlichen Besitz übergegangen war. Frieds Weg entsprach dem der Mehrzahl der Exilierten.

Andere Exilierte haben andere Entscheidungen getroffen. Mein erster Professor im klinischen Studium war Ernst Wollheim (1900 bis 1981). Obwohl er streng und unnahbar wirkte, konnte man bei ihm lernen, Zusammenhänge zu erkennen. Er hatte 1933 als Privatdozent Berlin wegen der für ihn unerträglichen Zustände verlassen, kam aus seinem Exilland Schweden in das Nachkriegs-Deutschland zurück und war 1948 bis 1970 ordentlicher Professor in Würzburg. Nach meiner Kenntnis hat er mit Erfolg verlangt, als Entschädigung für seinen abgebrochenen Berufsweg etwas länger als üblich im Amt bleiben zu dürfen. Im Ruhestand hat er sich zusammen mit seiner Frau als Mäzen verdient gemacht.

Die Remigration blieb von der Zahl der Personen unbedeutend, von der Qualität hatte sie wesentlichen Einfluss darauf, dass sich das deutschsprachige Nachkriegseuropa von der Erstarrung aus der Zeit der Barbarei ablösen konnte.

Fried hat sich nach Ende des braunen Spukes – nach allem was wir wissen – nicht um eine Stelle in Deutschland bemüht (auch nicht in den USA). Es gibt keine autobiographischen Äußerungen, daher sind die Aussagen seiner Gedichte für uns so wichtig.

10.7. Der Dichter

Fried sagt in den Gedichten viel besser, als dies mit Prosa möglich gewesen wäre, dass er kein Einwanderer, sondern ein Verstoßener und Verbannter war. Auch beschreiben seine Gedichte die Wehmut über Verlust und Zerstörung der Heimat. Der Verlust ist ein unwiederbringlicher.

Er beschreibt aber auch seine Schwierigkeiten mit der Assimilation in der neuen Umwelt. Dies, obwohl Brasilien eine große Kraft nachgesagt wurde und verschiedenste Menschen quasi „aufsaugte“.

Fremdgeworden.

Man sagt mir, dass der Fluss noch fließe,

auf dem mich trug des Fährmanns Kahn;

wie einst, sei gelb die große Wiese,

von Hahnenfuß und Löwenzahn.

 

Man sagt mir, dass die hohen Wipfel

Der Eichen rauschen noch im Wind

Und dass der grauen Berge Gipfel

Wie einst dieselben Gipfel sind

 

Man sagt mir, dass die alten Städte

Aus Schutt und Moder neu erstehn…..

Doch wo bleibt meiner Mutter Bette,

– und wohin kann ich selber gehn?

Nach Furtado-Kestler ist die Erwähnung seiner Mutter eine Anspielung darauf, dass sie ein Opfer des Holocaust wurde. Er thematisiert die Unmöglichkeit einer Rückkehr.

Trotz der kleinen Auflage seines Buches zusammen mit L. Bresslau-Hoff macht es das Internet möglich, dieses Buch aufzufinden und zu erwerben. Ich fühle mich vom Reiz dieser Verse stark berührt. Selbst der, dem der Zugang nicht auf Anhieb möglich ist, muss anerkennen, dass es einmalige Dokumente sind, um die Situation eines Exilierten zu verstehen.

Fahrt am Morgen

Die Wälder fliehen längs der D-Zugstrecke

die blauen Hügel sind im Nu vorbei.

Ich aber sehe heute mancherlei,

was immer war, was ich doch neu entdecke:

die Saat schien niemals noch wie heut so grün

nie war so märchenhaft der dunkle Wald,

die Flüsse fließen sanft, doch voll Gewalt,

die Ackererde lockt mich hinzuknien.

Ich sah es nie…Ich seh´s zum letzten Mal:

das Land verließ mich, das ich nie verließ.

Einst rief es mich, wie urzeitweit liegt dies!

Sei hart mein Herz; du Lippe werde schmal!

Ein böses Wort ist dies: zum letzten Mal.

Man darf es nicht in das Bewusstsein lassen.

Es gilt ein neues Leben anzufassen:

sich quälen – jenseits dieser letzten Qual.

die Flüsse fließen sanft, doch voll Gewalt,

die Ackererde lockt mich hinzuknien.

Ich sah es nie…Ich seh´s zum letzten Mal:

das Land verließ mich, das ich nie verließ.

Einst rief es mich, wie urzeitweit liegt dies!

Sei hart mein Herz; du Lippe werde schmal!

Ein böses Wort ist dies: zum letzten Mal.

Man darf es nicht in das Bewusstsein lassen.

Es gilt ein neues Leben anzufassen:

sich quälen – jenseits dieser letzten Qual.

Unter einem Orangenbaum

Die Sonne blickt durchs dunkle Laub

Und schminkt das Gras mit lichten Ringen

Ein Wasservogel hebt die Schwingen

Fern wälzt sich eine Wolke Staub

Die kleinen weißen Segel ziehn

So still und sorglos übern See

Als gäb es in der Welt kein Weh….

Als könnte man der Zeit entfliehn.

 

Die Zweige hängen tief und schwer

Von süßer golden-reifer Frucht

Ich bin zu glauben fast versucht,

dass, was ich sehe wirklich wär.

Seine Bedrückung ist doch so groß, dass es ihm schwerfällt, die freundliche und satte Landschaft zu genießen.

Ähnlich wehmütig ist der Tenor des nächsten Gedichtes.

In Brasilien begleitet ihn die Sehnsucht nach der deutschen Heimat:

 Wo du daheim warst,

ist nicht mehr dein Heim.

Und wo dein Heim ist,

bist du nicht daheim.

Gingst du auch heim

Es wär nicht mehr daheim,

wo du auch gehst

du findest nimmer heim.

 

 

Themen von anderen Gedichten sind:

Tulpen im Sprechzimmer, Am Abend, Vom Sterben, Kinderbeerdigung, Sonett von der Furcht, Die Ipês (brasilianische Bäume, die sich durch besonders üppige Blütenpracht auszeichnen); Abends ist die Sonne müd etc.

Nur zwei Gedichte sind frei von dieser Wehmut: Der Kolibri, Die Rehe.

Seine Gedichte spielen in der Literatur Brasiliens keine Rolle. 1954 wurden von B. A. Aust 20 Gedichte von Carl Fried (und von Frau Louise Bresslau) in São Paulo im Selbstverlag in einer Auflage von 200 Exemplaren veröffentlicht. Der Herausgeber ist der Schwiegersohn von Frau Bresslau; offenbar hat Aust die Autoren zur Herausgabe gedrängt und so verhindert, dass ein Stück Kultur und Geschichte verloren gegangen wäre. Es ist auch ein Dank an seine Schwiegermutter Louise Bresslau-Hoff und ihren literarischen Kreis. B. A. Austs Büchlein ist ebenfalls ein Dank an Frau Bresslaus dichterischen Kollegen für die wahrscheinlich wechselseitige Unterstützung in schwieriger Zeit.

In ihrer Kölner Zeit pflegte sie, die Frau des Professors Bresslau, einen literarischen Freundeskreis. Zu diesem gehörten u. a. die Frau des späteren deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss, Frau Elly Heuss-Knapp, und Albert Schweitzer, der die Schwester ihres Mannes, Prof. Bresslau, geheiratet hatte.

Er, der Kölner Wissenschaftler, war ein frühzeitiges Opfer des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Dieses Gesetz wurde sehr breit angewandt, hat aber Fried als Angehörigen des Jüdischen Krankenhauses verschont. Bresslau emigrierte nach Brasilien, verstarb aber bald, was seine Frau in große Not brachte. Ihr aktiver Weg, durch einen literarischen Zirkel aus der seelischen und materiellen Bedrängnis zu fliehen, war für Fried hilfreich. In der Situation des Verbotes der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit gab es für ihn, den Dichter, eine Zuflucht.

 

 

10.8. Fried als Familienvater, Mitglied des Herrenbundes Schlaraffia, Förderer deutscher Literatur

Heute kann man die Zeitschrift „Aufbau“ vom September 1943 aufrufen und lesen: Silberne Hochzeit Dr. Carl Fried, früher Jüdisches Krankenhaus Breslau, jetzt Direktor São Paulo, Brasilien, und Frau Trude, geb. Strauß, Avenua Altino Arantes 274

Diese Zeilen zeigen, er war in Brasilien angekommen. Seine Stellung entsprach seinem Lebensgefühl, er konnte mit Stolz auf seine Familie verweisen. Die Nennung der Adresse sagt nach meinem Empfinden: Ihr könnt uns besuchen, unser Haus ist offen!

Er ist Mitglied im literarischen Herrenbund Schlaraffia, der sich seiner mit Hochachtung erinnert. Eine Reihe von Mitgliedern kannte Frau Fried, die sie als eine liebenswürdige Dame beschreiben. Es kann noch Mitglieder geben, die Carl Fried erlebt haben. Inwieweit bei den Gesprächen im Freundeskreis die für uns besonders interessanten harten Fakten offenbart wurden, ist offen. Eine weitere Hoffnung ist, dass etwas vom Dichterwerk des Carl Fried in den Analen und Chroniken der „Schlaraffia Paulista“ existiert. Wenn dem so wäre, wird die Gemeinschaft entscheiden, ob dies der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden darf.

Schlaraffia Paulista (eines der schlaraffischen Ryche) berichtet im Netz von seiner Grüdung an der Fried maßgeblich beteiligt war;

 Zwischen 1935 und 1940 waren mehrere Schlaraffen aus Deutschland nach Brasilien gekommen,  nämlich die Ritter Schlarimbin (Dr. Karl Fried) und Säg'scheit (Dipl. Ing. Conrad Körner) aus der Wratslavia (Breslau),sowie mindestens vier weitere Brüder. Dazu gesellten sich neue Ankömmlinge, weitere Schlaraffen und Schlaraffensöhne, s o daß ein bescheidener Wiederanfang der schlaraffischen Tätigkeit möglich war.

1952 kam es infolge einer Zeitungsannonce zu einem Zusammentreffen von Sassen der neuen mit Rittern der alten Paulista im Restaurant "Ao Franciscano". 1959 zählte das Reych 57 Sassen und  konnte zur Gründung zweier Tochterreyche beitragen.

Einer der beiden in Worms geborenen Söhne der Frieds (robert) war ebenfalls ein allseits geschätztes Mitglied. Der zweite Sohn war ein berühmter Biochemiker in den Vereinigten Staaten und Aktivist von „Amnesty International“. Beide Professionen geben Hinweis auf einen deutlichen Einfluss des Vaters.

Fried kannte Stefan Zweig (siehe nächster Abschnitt), dessen Freitod 1942 ihn bedrückte.

1957 war der 100. Todestag von Joseph Eichendorff. Aus diesem Anlass berichtet Aurora, der Eichendorff-Almanach, über eine Vielzahl von weltweiten Feierstunden, u. a. auch in Rio de Janeiro unter der Förderung des bereits schwer kranken Professors C. Fried.

Fried lenkte sich in mehreren seiner Gedichte gleichsam ab von den Widernissen der Geschichte, indem er sich mit den Besonderheiten der alten und neuen Heimat beschäftigte. Im „brasilianischen Herbst“ heißt es: 

Muss man frösteln, nur weil es Winter wird?

Alterndes Herz, in Sorgen eingesponnen,

lern von Brasiliens Herbst, dass der sich irrt,

der glaubt, nichts könne seinen Herbst besonnen.

10.9. Deutsche Literatur von Exilanten in Brasilien; die geringe politische Aktivität

In Brasilien bestand keine deutschsprachige Verlagskultur (das Publikationsverbot nach August 1941 hätte ein solche sowieso unmöglich gemacht).

Unter den emigrierten Autoren fand sich nur ein einziger Name, der vorher in Deutschland bekannt war oder nachher in Brasilien bekannt wurde: Stefan Zweig.

Stefan Zweig war bereits bei einem ersten Besuch Brasiliens 1936 beeindruckt von der „Gleichheit der Rassen“ und der „totalen Abwesenheit jeglicher Gehässigkeit“. Erst Anfang 1941 entschloss er sich, tatsächlich nach Brasilien zu kommen. Er wurde aufgrund seiner Bekanntheit und Verliebtheit in Brasilien sehr gut aufgenommen. Es wurde gegrübelt, was ihn trotzdem so bedrückte, dass es zur suizidalen Katastrophe kam; war es die Zerstörung seiner Welt oder noch viel mehr? Sein Biograf zitiert unter den letzten Zeilen. „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich komme als Ungeduldiger, gehe ihnen voraus!“ Die Morgenröte „Aurora“ wurde vom Dichter Eichendorff mit Vorliebe verwendet und war wahrscheinlich aus diesem Grunde ein wichtiges Symbol bei allen deutschsprachigen Brasilianern.

Trotz seiner Berühmtheit und Produktivität auch in der kurzen brasilianischen Zeit wurde Stefan Zweig nicht zur Leitfigur und zum Integrationspunkt für die gesamte Gemeinde der Emigrierten. Eine solche Funktion hatte nach Furtado-Kestler allenfalls die Emigranten-Kolonie Rolândia. Sie liegt im Norden des Bundesstaates Paraná. Sie bestand aus 50 bis 60 deutsch-jüdischen Sippen, die ausnahmslos antifaschistisch eingestellt waren und zum Teil Deutschland hatten verlassen müssen oder aber auch originäre Siedler waren. Diese politische Einstellung war eher die Ausnahme bei derartigen Kolonien. Der Erfolg trug bei, den Bezugspunkt und den Vorbildcharakter zu bestärken. Im noch zu nennenden Roman von Hugo Simon „Seidenraupen“ spielt der landwirtschaftliche Musterbetrieb als soziale Utopie eine große Rolle.

Stefan Zweig wurde zu Unrecht der Konspiration mit dem Regime verdächtigt. Eine solche lag aber vor bei zwei Autoren (Paul Frischauer und Richard Katz), die sich aus finanzieller Not von der Abteilung für Propaganda zu einer lobhudelnden Biographie des Diktators verführen ließen.

Als deutschsprachige Veröffentlichungen in Brasilien sind lediglich zwei zu nennen: der schon besprochenen Gedichtband von Carl Fried und Louise Bresslau-Hoff und Ulrich Becher: Das Märchen vom Räuber, der Schutzmann wurde.

Es gibt mindestens drei in Brasilien entstandene, aber nicht veröffentlichte Romane. (Frau Furtado-Kestler benennt sie mit dem Wort „Schubladenromane“). Es ist bemerkenswert und bedrückend, dass offenbar interessante Dokumente deutscher Kultur unveröffentlicht sind und damit der Gefahr einer Auslöschung unterliegen.

-        so ein autobiographischer von Marte Brill: Der Schmelztiegel,

-        Karl Lieblich: Erzählungen mit brasilianischen Motiven,

-        Hugo Simon (er war ein außerordentlich gebildeter Bankier und Mäzen, Politiker, Pazifist, kurzzeitig preußischer Finanzminister): Seidenraupen. Es ist ein sehr großer Roman, an dem der Autor bis zu seinem Tod 1950 gearbeitet hat, der unveröffentlicht in der Hamburger Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur verwahrt wird. Der in Ich-Form geschriebene Text mutet autobiographisch an, ist aber nach der ausführlichen und lesenswerten Analyse von Furtado-Kestler ein zeitgeschichtlich orientierter Bildungsroman. Personen der Zeitgeschichte wie Einstein und Liebknecht sind in das Geschehen eingefügt.

Bedeutsam waren einige in der brasilianischen Presse tätige deutschsprachige Presseleute, ein Übersetzer und ein Regisseur Willi Keller, der das deutsch-brasilianische Kulturinstitut in Rio begründet hat (eng verknüpft mit dem Goethe-Institut). Er hat seine Bedeutung als der einsame Rufer in der Wüste, was die politischen Aktivitäten betraf.

Von den exilpolitischen Gruppierungen in Brasilien wird die Notgemeinschaft der deutschen Antifaschisten häufiger genannt, sie gilt als Abzweiger eines argentinischen Komitees „la otra alemania“. Dieser Gruppe standen rechtsgerichtete Bewegungen gegenüber, die mit den Nationalsozialisten kooperierten oder so wie Otto Strassers Frei-Deutschland-Bewegung dies nicht taten.

Alle antifaschistischen Gruppen hatten für den Widerstand keine Bedeutung. Der genannte Willi Keller von der Notgemeinschaft deutscher Antifaschisten plädierte unermüdlich für eine Politisierung der Masse der Exilierten. Hier drei Zitate:

„Aber leider benutzten nur die reaktionären Kräfte die demokratischen Einrichtungen der Weimarer Republik im politischen Sinne – und zwar, um die Republik schachmatt zu setzen.“

„Der politische Plänkler-Zug der Nazis wurde in erster Linie durch die verantwortungslose Haltung der unpolitischen Nutznießer möglich gemacht.“

Die Mehrzahl der Emigranten hat sich nicht in der Lage gesehen, sich politisch zu engagieren. Auch Frieds Situation war zu fragil.

„Der vom Glück begünstigte Emigrant, der nicht in Nazi-Europa leben muss, nimmt alle Vorteile, die ihm die demokratischen Emigrationsländer bieten, gedankenlos mit größter Selbstverständlichkeit entgegen.“

10.10. Carl Frieds letzte Lebensjahre in Brasilien

Er ist noch einmal nach Deutschland zurückgekehrt. Über die letzte Reise von Fried nach Deutschland in der Nachkriegszeit finde ich nur die Notiz von Bossmann und die Bestätigung in dem persönlichen Brief an Schlaraffia in Worms von 1956. Eine Bewertung ist nicht gegeben.

Die Deutsche Röntgengesellschaft hat Fried 1952 zum korrespondierenden Mitglied ernannt. Eine deutliche – für meine Vorstellung bescheidene – späte Rehabilitierung. Die Tilgung aus der Literatur war nicht rückgängig zu machen.

In den Bänden 51 bis 100 der Strahlentherapie (1934 bis 1956) ist unter „den berühmten Ärzten, die durch Widmungen, Lebensbeschreibungen und Nachrufe geehrt wurden“, Fried nicht genannt. Auch in den folgenden Jahren konnte ich keine Notiz finden.

Am 2. Juni 1958 starb Carl Fried in São Paulo.

Ein engagierter Nachruf stammt von dem Brasilianer Reinaldo Bossmann.

Ein Nachruf in Deutschland existiert (entgegen meiner anfänglichen Vermutung) und zwar in der Bamberger Zeitung (Datum nicht lesbar, wird noch ausfindig gemacht). Sein Gymnasium in Bamberg feiert in diesem Jahr 2015 das 125 jährige Bestehen.

 

Jetzt noch ein Kapitel, das aus der Reihe zu tanzen scheint. Es war mir zu umfänglich und zu trocken, um es zu Beginn zu zeigen. Jetzt darf ich dem Leser doch noch eine Chronologie der wissenschaftlichen Arbeiten anbieten.