9. Fried in Breslau und Repressionen

Zurück in das Jahr 1928. Wir haben Fried verlassen zu einem Zeitpunkt, als er von Worms wegging und eine attraktive Stelle am Jüdischen Krankenhaus in Breslau annahm. Er hatte sich entschlossen, hauptamtlich Strahlentherapie zu betreiben, für einen Chirurgen wahrscheinlich eine Entscheidung, die er mit „einem weinendem und einem lachenden Auge“ getroffen hat.

Er hatte wenige gute Jahre in der schlesischen Hauptstadt: dankbare Patienten, neuartige Geräte (siehe Abb.2) und weitere beachtete wissenschaftliche Veröffentlichungen. Dann trafen ihn mit der Machtübernahme der Nazis 1933 in mehreren Stufen die Repressalien allgemein gegen jüdische Ärzte. Über diese sechs Jahre unter der NS-Herrschaft wissen wir sehr wenig. 

Geistigen Leistungen wurden in der Regel nicht honoriert (siehe unter vielen anderen: A. Einstein).  Geistiges Gut stand der Allgemeinheit zur Verfügung; auch die Nazis konnten es in Besitz nehmen (rauben?) oder ablehnen. Bei der Ausnutzung hat nicht gestört, was sie mit den Ideengeben und Eigentümern machten. Manche Idee, die nicht veröffentlicht war, hat manchem Emigranten auf die Beine geholfen.

Die Adresse „Jüdisches Krankenhaus“ hat Fried „exponiert“, das Haus war andererseits attraktiv. Dort gab es eine Reihe von sehr bekannten Ärzten und gute Pflege. Die Mehrzahl der Patienten war zu Beginn der NS-Zeit nicht-jüdisch. 

Von den neuen Gesetzen war das Krankenhaus nicht direkt betroffen. Aber unter der bösartigen Propaganda litt die Belegung, und die finanzielle Situation wurde prekär. Die nicht-jüdischen Patienten blieben aus; die Boykott-Maßnahmen verursachten eine Verarmung großer Teile der jüdischen Bevölkerung. Das Krankenhaus veränderte sich von einem angesehenen konfessionellen Haus in eine Not- und Versorgungs-einrichtung (Reinke).

Die neuen Bestimmungen zum Berufsbeamtentum tangierten das Jüdische Krankenhaus in Breslau noch nicht. Es konnte eine Reihe von renommierten Ärzten aufnehmen, die von anderen Häusern der Region entlassen worden waren; so den erwähnten Dr. Ludwig Guttmann, der schnell Abteilungsleiter wurde und zu dem „kritischen Datum“ 1938 ärztlicher Direktor war. 

Auch er floh erst im letzten Moment. Er hat später in englischem Auftrag die Rehabilitation bei Querschnittslähmungen standardisiert. Das neue Therapieprogramm wurde in  in Stoke-Mandeville konzipiert. Guttmann veränderte „unsere“ Vorstellung von den Folgen einer Querschnittslähmung.

Er wurde später auch in der Bundesrepublik ausgezeichnet. Offenbar ein Widerspruch zu meinen Ausführungen im letzten Kapitel. Ich sehe dies Anerkennung von Guttman als eine löbliche Ausnahme von der Regel des unbewußten oder bewußten Vergessens.

Aber auch bei jüdischen Berufsanfängern gab es große Existenznöte; ihnen waren Stellen als Medizinalassistent verschlossen und damit ihre Bestallung unmöglich. Hier konnten (alle) Jüdische Krankenhäuser als eine Art Selbsthilfe- Organisation fungieren und wenigstens unbezahlte Stellen öffnen (ebenso in der Krankenpflege). (Reinke).

Es grenzt an ein Wunder, dass der Klinikbetrieb bis Kriegsbeginn irgendwie weiterging.

Für Fried persönlich wurde die Situation spätestens mit dem 30.Sept. 1938 dramatisch und existenzbedrohend. Mit diesem Datum wurde ihm Kraft Gestetz die Approbation entzogen. (siehe Schwoch, Gedenkliste in der Veröffentlichung in der "Strahlentherapie und Onkologie" von 2013)

In der Pogromnacht 11/12 November 1938 hatte Dr. Guttmann die Ordre erteilt, jede männliche Person ohne weitere Nachfrage aufzunehmen. Diese Information drang ungehindert  an die Gestapo und SS und war der vorgeschobenen Grund für eine Razzia am Folgetag. An diesem Tag nach der Pogromnacht, wurde Fried im Krankenhaus verhaftet. Dieser Tag war für die Mitarbeiter der Klinik voll von seelischen Belastungen. Unablässig wurden Opfer von Suiziden und Suizidversuchen eingeliefert. Grund für Frieds Verhaftung sei sein „respektloses Verhalten“ gewesen. Er wurde ins  KZ Buchenwald transportiert und teilte das Schicksal mit vielen Breslauer Juden (Hadda). 

Wir verdanken Hadda (eine Zusammenfassung seines lebenswegs in 9.2.) die Schilderung der Ereignisse im unmittelbaren Zusammenhang mit der Pogromnacht.

An dem Tag nach der besagten Nacht waren turbulente bis chaotische Verhältnisse. Die Ereignisse waren verwirrend und bleiben in ihrer Abfolge unverständlich.

Die Gestapo hatte auf der Suche nach Hadda sein Haus aufgebrochen, ihn aber später im Krankenhaus und zwar im Operationssaal ausfindig gemacht. Ihn hier zu verhaften, war die Hemmschwelle offenbar höher. - Auch seinen Sohn hatte man gesucht und zu Hause nicht angetroffen. Er wurde auf dem Nachhauseweg von einem befreundeten Domkapitular abgefangen und für einige Tage versteckt.

Im Krankenhaus wurde Fried kurzfristig verhaftet aber wieder freigelassen. Typisch für Fried war dass er sich nach einer solchen Bedrohung sofort wieder in die Arbeit stürzte. Im Tagesverlauf (Zitat):

 „...... mussten die Chefärzte vor den die ganz Aktion durchführenden Gestapo-Beamten erscheinen. Der Röntgenologe unseres Hauses, Dr. Fried, der gerade mit Durchführung von Durchleuchtungen beschäftigt war und zur Adaptation eine rote Brille trug, erschien mit dieser roten Brille vor den hohen Herrn. Er wurde wegen dieses respektlosen Verhaltens wieder verhaftet und blieb bis Anfang 39 in Buchenwald“

Hier bestätigt Hadda mit dem Wort „Wiederverhaftet“ dass bereits (am Vormittag) eine Aktion mit Verhaftung und Freilassung vorausgegangen war. Die Verbringungen nach Buchenwald hatten damals nicht die Intension, diese Menschen umzubringen; aber es sollte ein massiver Druck aufgebaut werden. Lebensgefährlich waren diese KZ- Einweisungen trotzdem. Beispielhaft ist das Schicksal von Haddas Bruder Heinrich; er verstarb wenige Tage nach der Entlassung aus Buchenwald an einer dort erworbenen Sepsis.

Über diese autentische Schilderung hinaus bleibt es Spekulation: Hat sich Fried deutliche Worte erlaubt? Hatte er doch neben anderen eindeutigen Verdiensten ein Jahr zuvor in einer repräsentativen deutschen Fachzeitschrift zwei richtungsweisende Arbeiten veröffentlicht. War er versucht, für seine Person einen jener Sonderfälle anzunehmen, wo man auf das Fachwissen eines Juden nicht verzichten konnte? Glaubte er fälschlich diese Stellung auch im Interesse der bereits Verhafteten nutzen zu können. Oder war ihn angesichts des vor wenigen Wochen erlittenen Unrechts - dem Entzug der Approbation - die Selbstbeherrschung entglitten?

Er kam Dezember 38 (Notiz von Gertrude Fried) aus Buchenwald frei. Wie und auf welchen Wegen es ihm gelang, das Reichsgebiet zu verlassen, konnte ich nicht herausfinden. (Bossmann nennt es eine „Zwangsemigration“). Er und seine Familie mussten jedenfalls noch mehrere quählenden Monate bis zum April 39 warten.

Die Mehrzahl der anderen Leitenden Ärzte des Jüdischen Krankenhauses emigrierten erst 38/39. Lediglich der Chirurg Dr. Siegmund Hadda (Nachfolger von Guttmann) harrte bis zur Schließung des Hauses aus.

Um die Umstände zu verstehen, muss man sich die Chronologie der NS-Repressionen vor Augen führen.

Es bestanden sehr klare Ziele der braunen Machthaber zur Ausgrenzung und Vernichtung jüdischer Ärzte. Diese hätten jedoch – sofort umgesetzt – massive Probleme in der ärztlichen Versorgung und damit Unmut und Zweifel in der Bevölkerung ausgesät. Die stufenweisen Repressionen bewirkten eine gewisse Beruhigung derer, die sich beruhigen lassen wollten. Viele waren so wie Fried, mit der deutschen Kultur fest verwurzelt und haben sich an die Vorstellung geklammert: „Es wird schon nicht zum Schlimmsten kommen“.

9.1. Stufen der Repressalien gegen Juden

 

Es wirkte eine Synergie von Gesetzen und einer Art „vorauseilender Gehorsam“. Waren vor der NS-Herrschaft 35% der Gesamtärzteschaft jüdischer Abkunft, sank durch die Boykott-Maßnahmen der Anteil bis 1936 auf ein Drittel der ursprünglichen Zahl. Die repressionen waren - auch wenn sie stufenweise erfolgten - sehr wirkungsvoll.

07.04.1933: Durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums konnten beamtete Juden in den Ruhestand versetzt werden, das Gesetz wurde darüber hinaus auch auf Kassenärzte angewendet. Häufig rutschten „arische“ Mediziner kurz nach dem Examen in anspruchsvolle von Nicht-Ariern zwangsgeräumte Stellungen z. B. in sehr große Praxen.

Es gab noch „pro forma“ ein Beschwerdewesen, und es existierten gewisse Ausnahmen für „Niederlassungen vor 1914“ und solche Mediziner, die an der Front als Soldaten gekämpft oder in einem Lazarett frontnahe gedient hatten.

Dies waren wirtschaftliche Ausschaltungsmaßnahmen, die ihre Wirkung nicht verfehlten.

25.4.33 Ein Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen, legten einen Numerus clausus für jüdische Studienanfänger fest. Die Zahl der „Nichtarier“ sollte ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung der Reiches nicht übersteigen. Das klang noch relativ harmlos, war aber in Kombination mit anderen Maßnahmen sehr restriktiv wirksam.

Im November 1933 wurde als nächste Stufe auch „arischen“ Medizinern, die mit einem nicht-arischen Ehegatten verheiratet waren, die Kassenzulassung entzogen: Ein Eingriff in die eigentlich vom Staat zu schützende Ehe und Familie durch Entzug der materiellen Voraussetzungen.

Scheinbar unabhängig von den staatlichen Verordnungen – in Wirklichkeit mit identischer Zielsetzung – liefen alltägliche Boykottmaßnahmen, Verhaftungsaktionen und Misshandlungen (Schwoch): Mietverträge konnten vorzeitig gekündigt werden, Fortbildungskurse durften nicht besucht werden, Teilnahme am ärztlichen Bereitschaftsdienst wurde gestrichen.

Für solche Aktionen wurde durch staatliche Maßnahmen der Boden für alltägliche Unmenschlichkeiten bereitet. 

Ich stelle die Hypothese zur Diskussion: Wissenschaftliche Arbeiten von Juden wurden konsequent nicht mehr publiziert und auch nicht mehr zitiert. Dieses Phänomen ist nicht untersucht und wäre wert bearbeitet zu werden. Auch in diesem Beitrag sind Ausnahmen aufgezeigt: die Arbeiten von Fried und von Guttmann 1937.  Diese Ausnahmen erscheinen mir jedoch nicht als Widerlegung der Regel.

Graphik 3.: zeigt anhand einer einzigen Zeitschrift (Strahlentherapie) die Zitierungen von C.Fried + seine Nennungen als Autor von 1920 bis 1958. Zitierungen in seinen eigenen Arbeiten sind nicht gezählt. Nach 1933 erfolgt ein jäher Abbruch.

Höchst bemerkenswert ist die Tatsache, dass das „Totschweigen“ auch nach 45 sehr weitgehend anhält.

Man muss allerdings auch 2 Ausnahmen in der NS-Periode nennen: Frieds Arbeit in „Strahlentherapie“ 1937 über Glioblastoma multiforme des Gehirn und artifizielle Pneumonie. Das widerspricht der (zwar nicht gesetzlich verordneten aber) gehorsamst befolgten Richtlinie, Leistungen von Juden totzuschweigen. 

War dies einfach unmöglich wie bei Heinrich Heines „Loreley“ schrieb man „Dichter unbekannt“. 

Hier kann man nur mutmaßen, warum 37 ein der ganz seltenen Ausnahmen gemacht wurde: Cushing hatte in den USA über mehrere 1000 durch Op. und Strahlentherapie behandelte Hirntumoren berichtet.

Hypothese: Vielleicht sollte der Eindruck vermieden werden, dass solche Kranke im Reich nicht optimal behandelt würden und sogar zur Behandlung in die USA gehen müssten. Die Überlebenszeiten und das Auskommen der Patienten waren im Breslauer Krankengut vergleichsweise gut. Jedenfalls wurden die Autoren nicht unter Druck gesetzt (oder ließen sich nicht unter Druck setzen), die Ergebnisse schöner zu machen als sie bei dem sehr bösartigen Tumoren sein konnten. Das Jüdische Krankenhaus wird allerdings nicht genannt. – 

Dillmann bringt in der "Jüdische Allgemeine" vom 4.Jan. 2015  eine andere Erklärung: Guttmann wurde im Auftrag (!) des Nazi-Außenministers v.Ribbentrop nach Lissabon geschickz, um einen Freud des dortigen Diktators Salazar zu behandeln.

Es erschien noch eine weitere Arbeit von Fried 1937 in der Strahlentherapie 1937: Experimentalarbeit an einer kleinen Zahl von Ratten zur Frage der Wirkung der Röntgenstrahlen auf Entzündungs-gewebe. Hier nennt er sogar die jüdische Stiftung des Kankenhauses. Was Fried betrifft, kann man sich vorstellen, dass sein Optimismus in lebensgefährlicher Weise beflügelt wurde.

Ein Jahr später wurde Fried nach Buchenwald verschleppt.

Zurück zur Chronologie der staatlichen Maßnahmen:

1935 machte die Prüfungsordnung für Ärzte und Zahnärzte die Approbation vom Nachweis der „arischen Abstammung“ abhängig.

Der Zugang zur Approbation wurde also dreifach verschlossen (was sehr wirkungsvoll war): Fast keine Zulassung zum Studium + keine Medizinalassistentenstellen + keine Erteilung der Approbation.

Die nächste Stufe fand im Rahmen der Nürnberger Rassengesetze vom September 1935 statt. 

Der Wormser Gynäkologe Prof. Hans Dörr, späterer Ärztlicher Direktor des Stadtkrankenhauses, war als Halbjude in einer gefährlichen Lage. Seine schwierige Ersetzbarkeit hat ihm in der Praxis in Gimbsheim das Leben gerettet. Er wurde 1946 Leiter der neu gegründeten, längst überfälligen Gynäkologisch-Geburtshilflichen Abteilung in Worms.

Bezeichnend ist auch eine Verordnung von 1935, wonach Kriegerdenkmäler keine jüdischen Gefallenennamen mehr tragen durften (Mosse).

Mit Stichtag 30.09.1938 wurde den im Reich verbliebenen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen (und wurde auch nicht mehr an Juden erteilt), vorbehaltlich einer widerruflichen Gestattung. Sie durften sich nur „Krankenbehandler für jüdische Patienten“ nennen.

In Frieds Lyrik schimmert selten Bitterkeit, so allerdings im von Bassmann zitierten Vers:


Grad auf dem Worte „lieb“ war jetzt ein „Tritt“:
Der Stiefelabsatz hatte schön getroffen!
Vergebens, hier auf guten Sinn zu hoffen:
Wo Liebe stirbt, stirbt Menschlichkeit meist mit.

Carl Villinger zitiert in seiner nachgelassenen Sammlung Wormser Persönlichkeiten eine andere Version. Anders insofern, als dem verzweifelten Vers ein Vorspann vorausgeschickt ist, der ihm die Schärfe nimmt:

Im Rinnstein lag ein Stück von einem Brief,
quer durchgerissen , schmitzig und zerrknittert;
der war wohl lange durch den Staub geschliddert,
bis er auf etwas Straßenschlamm hier schlief.

Die zarte Mädchenschrift war ganz verblaßt;
vom Regen war verwaschen, was sie schrieb.
Doch stand noch da: ich hab dich lieb,
und jetzt bin ich dir nichts als eine Last.

(jetzt folgt der oben zitierte Vers)

Das Beeindruckende bei den NS-Willkürmaßnahmen ist die Raffinesse: durch Gesetze wurde vordergründig der Schein der Legalität gewahrt. „Legalität“ steckte den Rahmen für Willkür und Schikane (Bahnung).

Wenn man diese stufenweisen Repressionen wahrnimmt, dann fällt auf, wie sehr der physischen Vernichtung vorgearbeitet wurde durch eine Vernichtung der Rechte. Rechte beinhalteten alle Aspekte des materiellen Auskommens, das Ansehen, Partnerschaft, Familie, Erkenntnis, Weiterbildung. 

Ein ganz entscheidender Aspekt des Rechts ist der Respekt, der dem Menschen entgegengebracht wird. Dieser bezieht sich auf die Gegenwart und auch auf die Vergangenheit. Auch die Erinnerung sollte getilgt werden. Diese Vernichtung des Gedächtnisses, lat. Damnatio memoriae, war ein entscheidendes Ziel. Sie greift eng zusammen mit der physischen Vernichtung: Die Tilgung der Erinnerung bereitet die physische Vernichtung vor. Und die Vernichtung besiegelt das Verlöschen des Gedächtnisses.

Der Fall Fried ist exemplarisch. Es scheint den Unmenschen gelungen, die Erinnerung recht weitgehend zu vernichten.

 

9.2. Siegmund Hadda, Frieds Kollege und Verfasser von Zeitdokumenten

Da Hadda seine Lebensgeschichte aufgegeschrieben hat, wissen wir von ihm erheblich mehr als von Fried. Hadda‘s Aufzeichnungen geben ein sehr gutes Bild von der Zeit, insbesondere von den Schrecknissen durch den Nationalsozialismus.

Das Faszinierende an ihm ist und bleibt, dass er sich kompromisslos  seiner Aufgabe verpflichtet fühlte. Wenn Vorbilder für unsere Generation gesucht werden, so kann kaum einer so wie er ein solches Vorbild sein.

Trotz Auszeichnung im Ersten Weltkrieg, Verwurzelung in der schlesischen Heimat, guter Beziehungen zur Kirche und  guten Auslandskontakten ist Hadda (im Gegensatz zu Fried) beim Versuch, ein Visum für ein Asylland zu erhalten und zu flüchten, gescheitert. Seine Lebensgeschichte zeigt,  dass Bemühungen, Exil zu finden, nicht nur

qualvoll und frustrierend, sondern auch frustran sein konnten. - Bei allem Unglück gehört Hadda zu den  Juden, die (im letzten Augenblick) von der Schweiz freigekauft wurden.

Das wichtigste und berührendste Dokument ist sein eigener Bericht 1972 im Jahrbuch der Universität Breslau. Dieser ist in deutschverfasst und seiner 2 Jahre zuvor verstorbenen Frau Hertha geb. Schlesinger gewidmet.

Die Bearbeitung und Herausgabe seiner auch sehr persönlichen Lebenserinnerungen verdanken wir Barbara Grenzow, einer Freundin und Klassenkameradin von Hadda’s jüngster Tochter Lotte. Frau Grenzow  ist promovierte Betriebswirtin und hat verschiedene Hotelbetriebe, u.a das Sanatorium Bühlerhöhe, geleitet. In dem von ihr herausgegebenen Buch im Laumann Verlag gelingt ihr einprägsam, die politische Situation der Juden in Europa zu erklären.

Ein dritter unbedingt lesenswerter Artikel findet sich in der POLSKI PRZEGLĄD CHIRURGICZNY und stammt von  Waldemar Kozuschek dem Professor und chirurgischen Chef der Ruhr-Uni-Klinik in Bochum- Langendreer bis 1996. Der Beitrag ist in englischer Sprache und setzt medizinische Schwerpunkte. (Da ich bisher davon ausgehe, dass die beiden zuerst genannten Dokumente nicht in englisch vorliegen, wäre es wichtig in einer englischen Übersetzung meines Artikels auf diese einzugehen. Wer andere Informationen hat, den bitte ich mich zu informieren!)

Geschichtlich war das Toleranzpatent des Kaisers Franz-Josef II von 1781  sehr bedeutsam. – Im sozialen Netz verblieben aber in den darauffolgenden Jahrzehnten mehrere Lücken, die eine gesegnete Bruderschaft, der „Schewra kadicha“( oder Chewra Kaisza) auszufüllen versuchte: die Betreuung jüdischer Kranker und die Bestattung der Toten.

Die Entstehung des Jüdischen Krankenhauses in Breslau wurzelt in eben dieser Bruderschaft. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der jeweilige Chef der Chirurgischen Uni-Klinik gewonnen, auch  das Jüdische Krankenhaus mit zu betreuen. Der letzte, in solcher Weise verpflichtete, Chirurg, war Mikulicz. Heutigen Medizinern ist er meist nur bekannt wegen der von ihm entwickelten und nach ihm benannten Klammer; viel bedeutsamer sind eine Reihe neu eingeführter aseptischer Maßnahmen (so: steriler Kittel, steriler Schutz von Mund und Nase). Er wird von vielen Seiten geschildert als ein eindrucksvoller Mensch mit ausgeprägter Toleranz, Warmherzigkeit, und mit Interesse für die jüdische Glaubenswelt. – 1903/04 wurde der Neubau des Jüdischen Krankenhauses eröffnet, ein Schauplatz der Medizingeschichte, aber auch tragischer politischer Entwicklungen.

Die Eltern von Hadda betrieben ein Nähmaschinen-Geschäft und  später eine Gastwirtschaft. Seit einem Besuch des Vaters beim dem genannten Chirurgen Mikulicz war  Siegmund vom Arztberuf fasziniert. Der Tod seines Bruders an Typhus und der Freitod eines geschätzten Lehrers haben seine Motivation verstärkt.

Hadda hatte in seinem Medizin-Studium in Breslau sehr gute Lehrer, so die Mikulicz -Schüler Tietze , Reinbach und Gottstein; letzterer war ein früher Wegbereiter der Endoskopie (Speiseröhre, Luftwege und Harnblase). – Hadda  hat während seines Studiums auch die neuen Operationsmethoden von Sauerbruch miterlebt; durch dessen Kammer mit rhythmischen Unterdruck, war es möglich am offenen Thorax zu operieren.

Mikulicz hatte auch auf den Neubau des Jüdischen Krankenhauses seine Architektur und Struktur stark eingewirkt. Es war ein Krankenhaus entstanden, was modernsten Anforderungen entsprach. Es wurde 1903/04 mit dem Chirurgen Reinbach eröffnet, der aber bereits 1906 starb. Nachfolger war Gottstein, der Hadda mitbrachte, den er seit mehreren Jahren als Student und wissenschaftliche Hilfskraft kannte. Gottstein hatte bereits ein Lehrbuch über die Spiegelung der Speiseröhre verfasst und genoss Europaweites Renomee. Sein neuer Assistent Hadda war bisher nach seinem Staatexamen 1904 ein knappes Jahr in der Inneren Medizin tätig gewesen.

Also hat Hadda  die ersten Jahre des Neubaus und das bitteren Ende dieses Hauses (1943) erlebt. Während seiner Zusammenarbeit mit Gottstein hat er über 40 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Eine Reihe grundlegender Neuerungen durfte er miterleben, so die erste Operation, die der Vater der Neurochirurgie Otfried Förster am Haus durchführte und die als Förster’scher Eingriff in die  Geschichte eingegangen ist: es ist eine Durchtrennung gewisser Nervenwurzeln, über die quälende spastische Krämpfe ausgelöst  werden.

In Urlauben besuchte er Kliniken im Ausland: Paris (1909) London (1910) .

Im gleichen Jahr 1910 wurde er zum Oberarzt ernannt. Bei der Studienreise in die Vereinigten Staaten 1912 half sein Chef und eine Spende der Gemeinde. Es bestand bereits eine Übereinkunft, dass er sich in absehbarer Zeit in freier Praxis niederlassen sollte.

In den USA stürmten viele Eindrücke auf ihn ein; er wurde sehr gut aufgenomen u.a. von dem Begründer der Gefäßchirurgie (und späteren Nobelpreisträger) Carrel sowie in der  Mayoklinik . Es um viele Fragen: Behandlung des Mamma-Karzinoms, die Chirurgie des Ösophaguskarzinoms,  Grundlagen für Transplantation von Geweben: Kultur lebender Körperzellen. Wenig später machte Hadda als erster in Deutschland Versuche zu diesem Thema. Die von ihm angestrebte Habilitation konnte er nicht erreichen, wahrscheinlich war seine Entscheidung ungünstig im April 1914 aus dem Krankenhaus auszuscheiden.

Im bald einsetzenden ersten Weltkrieg war Hadda Leiter zweier Lazarette und  wurde ausgezeichnet. Er schilderte die schweren Verwundungen und die nicht seltenen Gasbrandinfektionen, denen gegenüber man recht machtlos war. Er schilderte die Mangelernährung der Zivilbevölkerung und deren Anfälligkeit für Infektionen z.B. Influenza Epidemien (Frühherbst 17). Er musste seine pazifistische Gesinnung zurückhalten, um nicht als Abweichler dazustehen.

Er hat sich nach Grenzow einer „Deutschen Demokratischen Partei“ angeschlossen. Er selber und Vladimir Kozuscheck erwähnt das nicht.

Die Familie konnte sich 1929 nach dem Entwurf seines Bruders Moritz ein modernes Haus bauen lassen.

Sein Arbeitsumfeld in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg war stabil; die Zeit wird von ihm insgesamt positiv bewertet.

Aber die Last des verlorenen Krieges und wirtschaftliche Nöte ließen Antisemitismus aufkeimen, was ihn zunehmend bedrückte. Das hatte er in seiner Jugend nicht erlebt.

Ereignisse, die er als Wendepunkte erkannte;

1921 datierte Mussolini‘s Marsch auf Rom. Dieser wurde 1923 von Hitler mit dem Marsch zur Feldherrnhalle erfolglos kopiert. - Erst im Sept. 30 wurde die NSdAP recht überraschend zweitstärkste Partei. Im Angesicht der Wirtschaftskrise war Brüning als Kanzler ebenso erfolglos wie seine beiden Nachfolger Scheicher und v. Papen. Die beiden letzteren machen dem Reichspräsidenten den fatalen Vorschlag, Hitler zum Reichkanzler zu ernennen. Zitat Hadda:

„ Der schwarze Tag Deutschlands der 30. Jan. 1933.........hatte Hitler als Reichskanzler bestätigt.....an dessen Nachwirkung wir noch heute leiden“

„Am Radio hörte ich die Programmrede des Siegers, hörte zum ersten Mal die Stimme dieses Volksverführers und die Worte: ich lasse mir doch durch eine paar tausend Juden mein deutsches Volk nicht verderben. Leider habe ich aus dieser Rede nicht die natürliche Folgerung gezogen, denn ich vertraute auf die Anständigkeit des deutschen Volkes, in dem ich geboren und groß geworden war. Es ist mir heute nach unvorstellbar, wie schnell die große Majorität des deutschen Volkes der Massen-hypnose des Nazismus verfallen konnte“.

Noch mehr versetzte ihn die Ermordung eines Freundes seines Sohnes und die kurzfristige Haftentlassung der Täter in Schrecken. – Es entsetzte ihn die Außerkraftsetzung der Grundrechte, verbrämt mit der „Verordnung zum Schutze von Volk und Staat“. Weitere beunruhigende Gesetze wurden  bereits im Text noch chronologisch aufgeführt. Hier soll erwähnt werden, welche politischen Ereignisse aus der Sicht von Hadda einschneidend waren:

1934 bei der Röhm-Revolte glaubte auch Hadda noch, dass

„das ganze auf Rechtsbruch und roher Gewalt aufgebaute System würde in nicht zu ferner Zukunft eben an seiner inneren Verlogenheit zugrunde gehen würde“.

In vorauseilendem Gehorsam wurde 34 seine Tochter Lotte zum Verlassen des Gymnasiums gedrängt; sie konnte an eine andere Schule wechseln, hatte dort aber – nach dem authentischen Zeugnis der Klassenkameradin B. Genzow – Schwierigkeiten, die ihr zeitweise das Abitur unmöglich machten.

Hadda folgte Gottstein erst 1935 als Chef der Chirurgie nach. Bereits  1929 Fried an die neu gegründete Röntgenologische Abteilung gekommen. Eine Reihe von Kapazitäten waren 33 durch das „  Gesetz über die Reinerhaltung des Berufsbeamtentums“ vertrieben, vom Jüdischen Krankenhaus aufgenommen worden,  Die Ärzteschaft im Jüdischen Krankenhaus hatte sich zu einer Einheit entwickelt; ein Grund, weshalb das Leben Hadda‘s Rückschlüsse auf das von Fried erlaubt.

Jüdische Mitbürger erlitten andauernd Demütigungen und Misshandlungen. Hadda schildert die Schlaflosigkeit durch die zunehmende Einschüchterung und Bedrohung. Trotz Verbots operierte Hadda mehrfach nicht-jüdische Patienten; es wurde nicht bemerkt, aber die Kontrollen durch die GeStaPo wurden immer enger.

Es ist erstaunlich dass Hadda erst 38 für sich und seine Frau Besuchsvisa für England zu beantragen versuchte. Schon lange durfte er keine Privatpraxis betreiben. Die Beantragung von Visa wurden erneut durch ein unabhängiges Ereignis verzögert: bei einer Verhaftungsaktion Juni 1938 wurden zahlreiche jüdische Mitbürger nach Buchenwald verbracht und nach 4 Wochen wieder entlassen. Diese Verhaftungsaktion fand eindeutig vor der Pogromnacht statt. Doktor Hadda war bei den Entlassenen mit Verletzungen, Darmstörungen oder anderen inneren Schädigungen so engagiert, dass er die Planung einer eigenen Ausreise verschob.  Er schreibt: „….lag mir der Gedanke, dass diese Verbrechen sich wiederholen und schließlich systematisch du regelmäßig durchgeführt werden würden, damals noch völlig fern“.

Hadda konnte noch im gleichen Monat August 38 nach England fahren; dort konnte er für sich selber „keine feste Zusage“ – wie er schreibt – bekommen, jedoch eine Einreisemöglichkeit für seine Kinder erreichen.

Im gleichen Monat August hatte  Familie Hadda ihr Haus durch Zwangsverkauf eingebüßt.

Erst im Anschluss an diese Ereignisse folgte die Pogromnacht und die folgenschweren Tage danach, welcher weitere oben schon geschildert wurden. Die Pogromnacht zog  erneute Deportationen nach Buchenwald nach (auch Dr. Carl Fried war unter den Opfern), wie sie bereits oben geschildert wurden. Ebenso wie die vorangegangene Welle der Deportationen zielte  diese Aktion nicht auf Vernichtung, aber auf brutale Einschüchterung ab.

Am 1.Oktober 38 wurde den meisten jüdischen Ärzten die Approbation entzogen. Hadda gehörte zu den wenigen Ausnahmen. Ab 26. Oktober wurden Juden die Pässe abgenommen.

Wir verdanken Hadda die Schilderung der Ereignisse im unmittelbaren Zusammenhang mit der Pogromnacht  und die Umstände der Verhaftung Dr. Carl Frieds (Anfang November 38, schon oben in 9. zitiert).

Hadda, der an diesem Tag nicht deportiert wurde, fuhr wenige Tage nach der Pogromnacht nach Berlin, um bei Generalkonsulat der USA in Erfahrung zu bringen, ob eine Möglichkeit der „Auswanderung“ gegeben sei. Er konnte nicht mal einen Einlassschein für das Konsulat erhalten. Der Besitz von Briefen von Mayo und Carrel nutzte ihm nichts;  Grundehrlich und korrekt wie er war, hat er ein Bestechungsangebot abgelehnt. Auch von englischer Seite erhielt Hadda eine Ablehnung. Jetzt versuchte er wenigstens, die bestehende Einreiseerlaubnis für seine Kinder zu realisieren, was auch auf verschiedenen Wegen gelang, allerdings mit dramatischen Hindernissen und Umwegen. -

Außer Hadda hatten in letzter Minute sämtliche Chefärzte das Land verlassen können.

Der Klinikbetrieb unter Hadda’s Leitung ging weiter bis zu dem Räumungsbefehl vom 31. August 1939. Zu diesem Datum „……. darf sich kein Jude mehr im Krankenhaus sehen lassen“. Es spielen sich unvorstellbare Szenen ab. Dies war das Ende des 1904 in Betrieb genommenen Hauses; es wurde von der Wehrmacht beschlagnahmt und bezogen.

Jedoch war Hadda weiterhin für die Schwerstkranken tätig; jetzt im „Siechenhaus“. Der neue Röntgenologe, Dr. Schmoller“ hatte sogar einen Röntgenapparat in Betrieb gesetzt. In dieser Situation versuchte Hadda während er gesamten nun einsetzenden Phase der - Deportationen von Juden zum Zweck deren  Ermordung - trotz zahlloser Schikanen und mehrfachen erneuten Räumungen weiterzuarbeiten.- Sein Bruder Moritz, der Architekt, wurde ermordet.

Mit den letzten 18 Juden aus Breslau wurde das Ehepaar Hadda nach Theresienstadt deportiert. Sie waren erstaunt, nicht in einem Viehwagen, sondern in einem Abteil 3. Klasse gebracht zu werden. Theresienstadt war ein Durchgangslager für die Vernichtung, aber auch ein Lager für Juden, die vorerst nicht ermordet werden sollten.

Im Lager gab es  trotz der bedrückenden Trennung von seiner Frau für ihn immer wieder kleine Hoffnungsschimmer: so dass er von dem Chirurgen des Hauptkrankenhauses in seinem Beruf eingesetzt wurde. Nur einem kleinen Teil der nicht wenigen Ärzte war das vergönnt. Er konnte sogar an einem Englischkurs teilnehmen und einen jüdischen Gottesdienst besuchen. –

In dieser Phase des Krieges schienen die Armeen stillzustehen. -

Er schildert die Probleme durch Mangelernährung der Insassen mit entsprechenden Vitaminmängeln. Er schildert Erkrankte mit Schmerzen in Hüft- und Leistengegend, die unfähig waren, sich vom Lager zu erheben. Durch Röntgenaufnahmen konnte das Vorliegen eines sog. „Milkman-Syndroms“ bewiesen werden. Das ist eine (nach H.G.Schmitt „unglückliche“) Benennung für eine symmetrische Ausprägung von Looser’schen Umbauzonen bei Vit. D-Mangel. (Siehe Ossäre Insuffiziens II auf der Internet-Seite des Referenten). Dieser Vitaminmangel war auf eine mangelhafte Ernährung zurückzuführen, denn der Hunger war bei allen groß. Gelegentliche Abhilfe ermöglichten Pakete, welche durch eine besondere Vereinbarung des dänischen Königs mit der Gestapo eintrafen.

Eine Horrorvision waren bei den Insassen der KZs die „Visiten“ Eichmanns. Hadda schreibt:

“Ich habe Herrn Eichmann noch einmal gegenübergestanden und zwar im Jahre 1944, als die gesamte Ärzteschaft vor ihm vorbeipassieren musste. Springer und ich waren, da wir nach Rang und Arbeitsstelle geordnet waren, die beiden letzten Ärzte. Vor uns wurde ein Chirurg nach dem andern in der vor Eichmann liegenden Liste für Auschwitz bezeichnet. Als Eichmann auf seine Frage von mir die Antwort erhielt, dass ich im Hauptkrankenhaus arbeite, sagte er: „gehen sie und sagen sie „Springer“, er könne auch gehen.“

Anfang 1945 war die Zahl der Internierten erheblich geschrumpft. - Dann geschah das Unglaubliche am 3. Febr. 45:  Er hielt das aufkommende Gerücht, dass Transporte für die Schweiz gebildet werden sollten, zuerst für „Bonkes“. Höchst eigenartig, dass es den Insassen sogar freigestellt wurde, sich für dem Transport zu melden. Die Verunsicherung ist so groß, dass sich von 6000 Aufgeforderten nur 1650 melden.

Roman Frister beschreibt in seinem Roman „die Mütze“ das Phänomen, dass Insassen, denen die Flucht gelungen war, in das KZ zurückkehrten; so groß war die Ablehnung bei der Bevölkerung und die Bedrohung durch marodierende nationalistische Gruppen. –

Der Transport , der Theresienstadt verließ, fuhr über Eger, Nürnberg, Augsburg, Ulm, Konstanz und erreichte in Kreuzlingen die Schweiz. Hadda hatte den Eindruck, dass man sich dort bewusst ist, dass mit der Flüchtlingspolitik etwas schiefgelaufen war. Er erfuhr, dass weitere Transporte, die von Himmler mit dem Schweizer Bundesrat vereinbart waren, durch Hitler verhindert wurden. –

Er konnte bald seine Frau wiedersehen und auch in seinem Beruf arbeiten. Nach dem Aufenthalt in der Schweiz für ein Jahr konnten die Haddas über England in die USA reisen. Er überwand die auch dort beträchtlichen bürokratischen Hürden und konnte sogar von der Erneuerung des Examens befreit werden. Die ersten Eingriffe muss er allerdings unter Aufsicht durchführen. Er betrieb bis zu seinem 77. Lebensjahr in New York eine Praxis; er hat seine 1970 verstorbene Frau Hertha überlebt und ist 95 Jahre alt geworden.  Der Muße in späten Lebensjahren verdanken wir seine Lebenserinnerungen, zusammengefasst und kommentiert von Grenzow. - Fried war es nicht vergönnt ein hohes Alter zu erreichen. Er blieb erstaunlich zurückhaltend in seinem Urteil gegenüber Deutschland.

Fried ist nochmal nach Deutschland gereist.

Hadda dagegen erklärte, warum er deutschen Boden nicht wieder betreten möchte: „Ich würde in jedem Mann mittleren oder höheren Alters den Mörder meiner Lieben vermuten“.