F 1929 Reiseverlauf

Zusammen mit seinem Schwager Karl Fischbach brach August Buxbaum im September 1929 auf.  Die beiden fuhren mit Karls Auto, einem 8- PS-Wanderer. Damals war es nicht ungewöhnlich, dass zwei Männer zu einem solchen Anlass ein Lied sangen. - Die Frauen mussten zuhause bleiben.

„In flotter Fahrt flog der Wagen die vorbildlich gute Bergstraße dahin“. Im gesamten (leider unvollständigen) Bericht werden vor allem die Straßen kritisch beurteilt und mit den Verhältnissen in der Heimat  verglichen.

„Die wohlbekannten Bilder unserer schönen Heimat standen gerade im reifen Schmuck des Sommers, die Apfelbäume waren beladen mit Früchten und in den Weinbergen lag verheißungsvoll die Sonne“.

Über Heidelberg, Freiburg ging die Fahrt zum ersten Quartier am Bahnhof in Basel.
Am Folgetag erreichte man Andermatt über Luzern, Brunnen, Sisikon, Flüelen, Altdorf, also Orte, die dem Kenner von Schillers Tell sehr vertraut sind. In dieser Sommerzeit war es möglich, auch noch am späten Nachmittag
„in endlosen Kehren das öde Tal der Reuss zur Passhöhe auf 2112 m aufzusteigen“.
Das Hospiz in dieser Einöde entsprach verständlicherweise nicht südhessischen Standards.

„Der Abstieg ist schauerlich schön über das Val Tremola, das Zittertal. Straße in mäßiger Verfassung, mit teilweise sehr starker Steigung; was sie aber so unangenehm macht, sind die Abgründe, die sich zur Seite und besonders an den unzähligen Spitz-Kehren auftun, ohne dass dort eine Schutzmauer aufgeführt ist.“

August meint auch, dass die Männer und Frauen am Wegesrand mürrische Gesichter machen,„also auf Automobilisten offenbar nicht gut zu sprechen sind.“ 

Die Gotthard-Bahn gab es bereits; in Airolo kommt sie wieder aus dem Tunnel; sie war für den Bahnverkehr konzipiert. - Von einem Felssturz aus dem Jahre 1898 finden sich noch Ruinen.

Das Tal des Tessin beeindruckt die Reisenden.
Bei Bellinzona sind sie schon auf 400 m Meereshöhe abgestiegen. Lugano, Locarno:
„wo wir erstmalig unser mühsam erlerntes Italienisch anwenden mussten“.

Die Grenze finden sie „bewacht durch ein ganzes Heer von Soldaten, Schwarzhemden und Zollwächtern“. Sie glauben, dass ihnen bei den Grenzformalitäten das sog. Triptik und die Fahne des hessischen Automobilclubs geholfen hat.

Von Como nach Mailand wird eine Mautstraße (30 Lire = 5 Mark) verwendet. Die Millionenstadt Mailand vergleichen die Reisenden mit Frankfurt. Der Verkehr sei „bedeutend“.

August hat Mailand schon einmal vor 30 Jahren als Student besucht. Er hat auf dieser Fahrt in Südtirol viel gezeichnet. Weiteres ist nicht bekannt.

„Der Dom ist ein imposantes Baudenkmal, trotzdem mache ich mir aus solch überladenen Bauten nicht viel. An die 2000 Marmorstatuen sind über die Außenseite verteilt, unzählige Reliefs schmücken außerdem die Wände. Ein protziges Ungetüm, Zuckerbäckerarbeit, an der nur die Einzelheiten ganz entzückend sind“.

Alles außer den römischen Resten kommt bei August anfänglich schlecht weg. In diesem Punkt tut er es dem großen Goethe gleich, den auch ausschließlich das römische Erbe interessierte. Auch der intensive Kontakt, den August mit der Romanischen Baukunst, nämlich mit dem Wormser Dom 20 Jahre zuvor hatte, bestimmte ihn noch nicht, sein Urteil einzuschränken. – Schon bald wird er milder.

Beide Reisende loben die
„vorzügliche italienische Küche, die hervorragenden italienischen Früchte, die schneidige Art, mit der die Polizisten den Verkehr regeln“.
 

Der nächste Tag führt sie Richtung Genua. Unterwegs steuert man Certosa di Pavia an:
„der Besuch ist sehr lohnend, denn es gibt wohl wenig Klöster mit solch reicher Ausstattung. Von der berühmten Marmorfassade, dem glänzendsten Schaustück der oberitalienischen Frührenaissance arbeitete die Leika bis zur Weißglut“.
Das Urteil hat sich nach Mailand in kurzer Frist sehr verfreundlicht. Trotzdem:

„Die Straße wurde hinter Voghera immer schlechter, bis sie dann bei Ponte Curone einen Grad von Vernachlässigung erreichte, der nicht mehr zu überbieten ist. Die Straße bestand buchstäblich nur aus Löchern.“

Bei Cassano Spinola erreichten die Reisenden die Ausläufer des ligurischen Apennin.  Die  Qualität der Straßen verbesserte sich und es folgten

„ganz reizende Städtchen, durch deren enge Gässchen wir uns winden mussten“.
Die anfängliche kritische Distanz gegenüber dem fremden Land vermindert sich deutlich.

Vor Genua mussten sie den Passo dei Giovi von 472 m Höhe überwinden.
In Genua machten sie zuerst eine Hafenrundfahrt;

„der Kahnführer war ein reizender Kerl, der sich die größte Mühe gab, uns alles zu zeigen und alles auf Deutsch zu erklären“.

Sie besuchen den berühmten Friedhof Campo Santo, finden die Marmordenkmäler aber überwiegend „protzig und sentimental“. Auch die neuen Stadtviertel finden sie schrecklich.

Bemerkenswert erscheint ihnen:
„auffällige Halbwelt sieht man nicht“ und
„das Volk nimmt seine Kinder überall mit hin, so sieht man Väter und Mütter in den Kirchen stehen mit Säuglingen auf dem Arm“.  

Bemerkungen auf der Fahrt nach Pisa:

„durch die Riviera di Levante längs der Küste des ligurischen Meeres gehört zu dem Schönsten, was wir auf der ganzen Reise gesehen haben. Oft ist die Straße den steilen Felswänden geradezu abgerungen, oft in die Wände eingesprengt. Dann gibt es da natürlich unzählige Kurven, aber alles das zusammen bringt Ausblicke mit sich, die immer wieder überraschen.“

Über „Sankt Margherita“ geht es nach Rapallo; „dort wartet auf uns ein Freund, Georg, der uns nach Rom begleiten wird.“

Bei Sestri Levante verlässt die Straße die Küste und überschreitet mit steilen Windungen in weitem Umweg den 613 m hohen Passo del Bracco nach Spezia.

Über Massa machen sie Quartier in Pisa. Der Zustand der Straßen und die Nachtruhe beeindrucken die Reisenden. Es ist nicht immer recht, wenn die Bauern um 5 Uhr in der Frühe mit frohem Gesang am Hotel vorbei zum Wochenmarkt ziehen.

Die Spuren der Geschichte und das Ensemble des Domplatzes faszinieren die beiden sehr. Bettler sind ihnen lästig. - August  bemerkt etwas abweichend vom seiner ursprünglichen Beobachtung,

dass die Straßen auch bei uns (in Deutschland) keineswegs in tadelloser Verfassung sind, und dass dies eigentlich für den Verkehr wohlhabender Reisender eine Voraussetzung ist.“ –

Er skizziert Goethes Reise im Jahre 1786 und die damaligen viel größeren Schwierigkeiten, vor allem mit den unzähligen Staaten Italiens. - Das Wort Tourismus ist noch nicht in Gebrauch.

Pisa ist offenbar einen ganzen Tag der sowieso knapp bemessenen Zeit wert. Von Pisa geht es bis Civita Vecchia, 272 km auf der alten Via Aureliana. August hat den Eindruck
„als ob die Häuser und die Menschen noch heute schliefen wie im Märchen vom Dornröschen“.

In Livorno beobachtete er einen lebhaften Hafen und eine Handelsstadt. Ein Großherzog Ferdinand I. hatte 1587 bis 1609 Katholiken aus England, Juden und Mauren aus Spanien und Portugal, Kaufleute aus Marseille aufgenommen und ein sehr aktives Staatswesen gegründet.

Civita Vecchia war die letzte Station vor Rom.

Angekommen in Rom bemerkt August:

„Unzählige Menschen flanieren da in prunkenden Phantasie-Uniformen, zumeist Partei-Uniformen von Mussolinis Garde. Scheinbar sind sie alle Offiziere, denn sie haben irgendwelche Grad-Abzeichen, die an Brust, Hals, Kragen, Ärmeln oder an den Hosen angebracht sind. Man sieht ordentlich den Stolz des Kindes am soldatischen Spiel. Wie das sich alles wichtig dünkt und noch wichtiger tut. Noch merkwürdiger aber ist der Stolz auf ihre Kriegstaten. Es waren nur Helden im Krieg und überall haben sie auch gesiegt.“
Leider bleibt eine Distanz zum treuelosen Italiener, dem Kriegsgegner. An ihm wird bemängelt, was auch in der Heimat hätte kritisiert werden können.

Von Rom gibt es nur noch knappe Notizen:

„Wer Rom kennen lernen will, der braucht dazu Jahre, wir hatten aber nur Tage und die wollten wir benutzen. Jahrelang hatte ich zuhause mich mit dem Alten Rom beschäftigt und alle Quellen, die ich erreichen konnte, restlos ausgeschöpft.
Ein Werk war entstanden über Rom im Jahre 316 nach Christus,  auf Hunderten von Skizzen hatte ich mir ein Bild zu machen versucht, wie Rom ausgesehen haben mag, als das Christentum mit Konstantin den Sieg über das Alte Rom errungen hatte. Diese Skizzen hatte ich mitgebracht, und nun wollte ich vergleichen, wollte die Bilder meiner Phantasie nachprüfen und meine Eindrücke dann zuhause nochmals verwerten“,  

Damit bricht der Reisebericht ab.
Vom Ergebnis dieser Prüfung des eigenen Rekonstruktions-Werkes erfahren wir nichts.

War Buxbaum enttäuscht vom Ausmaß der Zerstörung durch die Jahrhunderte?
Verzweifelte er an dieser Aufgabe?
Schien ihm das Vorhaben, sich ein Bild zu machen, schier unmöglich?

Wir wissen nicht exakt, wie lange dieser Rom-Aufenthalt gedauert hat. - Es waren Tage. Dienstpflichten forderten die Rückkehr; er war schließlich Baurat und Bürgermeister, hatte Frau und Tochter. Auch  Karl Fischbach wollte seine Apotheke und Frau (Margarete geb. Buxbaum) nicht alleine lassen.
Das  Hobby musste zurückstehen.